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„Jeder Spieler ist ein eigenes Projekt“

Quelle: Imago

Teamkollegen, die zusammen feier, aber auch harte Konkurrenten sind: die Spieler der FC-U23.

In Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule Köln bieten die Geißböcke schon ihren Talenten mentale und psychologische Unterstützung.

Der Druck ist tatsächlich ein großes Problem“, sagt Christoph Henkel, Geschäftsführer der FC-Jugendabteilung. „Den empfinden nicht nur die Spieler, sondern auch das gesamte Umfeld.“ Das omnipräsente Schlagwort vom Druck hat inzwischen also auch die Jugendabteilungen der Fußball-Bundesligisten erreicht. „Schon im Nachwuchsbereich herrscht ein harter Wettbewerb.“ Besonders pikant scheint die Konkurrenzsituation: Die Spieler sind zwar Teamkollegen, zugleich aber auch Gegner beim Kampf um die Stammplätze oder den Aufstieg in die nächst höhere Altersklasse.

Andere Belastungsfaktoren kommen hinzu. Neben den sehr hohen sportlichen Anforderungen müssen die Nachwuchskicker beispielsweise auch dem schulischen Leistungsdruck gerecht werden. Und ein vernünftiger Abschluss muss sein, denn eine Garantie auf eine Karriere als Profikicker gibt es naturgemäß nicht.

Um eine optimale Entwicklung seiner Youngster zu gewährleisten, kooperiert der 1. FC Köln seit rund zwei Jahren mit dem Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln. Namentlich die renommierten Sportpsychologen Dr. Babett Lobinger und Werner Mickler, die im Rahmen der DFB-Trainerausbildung tätig sind, nehmen sich der Aufgabe an.

Den Begriff der psychologischen Betreuung hört Henkel indes nicht so gerne: „Wir sprechen hier von mentalem Training.“ Die ganzheitliche Entwicklung der einzelnen Spieler steht im Mittelpunkt, wobei fußballerische Parameter wie Technik, Konzentrationsfähigkeit, Teamgeist, Aggressionskontrolle oder Stressbewältigung besonders forciert werden, aber auch die Persönlichkeitsentwicklung und die schulische Entwicklung werden intensiv begleitet.

Stärken fördern – Schwächen kompensieren

Hauptsächlich arbeiten Lobinger und Mickler mit den Trainern von der U8 bis zur U23 zusammen. „Wir geben den Coaches verschiedene, auf die jeweilige Altersstufe zugeschnittene Techniken an die Hand“, erläutert Mickler das Verfahren. „Die Trainer simulieren dann in den Übungseinheiten bestimmte Situationen, um die Wirksamkeit der Techniken zu überprüfen.“ Schon während des Aufwärmprogramms kommen verschiedene Methoden aus dem mentalen Bereich zum Einsatz.

Wichtig ist hierbei insbesondere, nicht alle Jungs über einen Kamm zu scheren. „Individualität wird bei uns groß geschrieben“, verrät Henkel. „Jeder Spieler ist ein eigenes Projekt.“ Stärken fördern und Schwächen kompensieren – daran wird intensiv gearbeitet.

Einen ganz entscheidenden Knackpunkt in der sportlichen Entwicklung stellt natürlich der Sprung in die erste Mannschaft dar. „Ins Team zu kommen, vor 50.000 Zuschauern zu spielen und das vielleicht in einer Phase, in der es nicht so gut läuft – das ist schon eine heftige Drucksituation“, so Mickler. Hier dürfen die Talente weder übermotiviert sein und dann verkrampfen, noch mit Angst an die Sache herangehen. „Dann versuchen wir, den Spieler wieder dahin zurückzuführen, warum er eigentlich Fußball spielt: nämlich aus Spaß.“

Hilfe abseits des Platzes

Auch neben dem Feld können sich Probleme herausbilden. „Spieler, die von weiter außerhalb kommen, haben schon mal Integrationsschwierigkeiten oder Heimweh“, erzählt Werner Mickler. „Auch eine schulische Umstellung kann Probleme mit sich bringen.“ Hier können persönliche Gespräche mit den Athleten helfen, die aber nicht die Trainer, sondern die Sportpsychologen führen.

Nicht zuletzt seit der Tragödie um Nationaltorwart Robert Enke, der sich aufgrund von Depressionen Ende 2009 das Leben nahm, sind die Verantwortlichen im Profifußball für diese Gefahr sensibilisiert. „Was dort passiert ist, macht schon hellhörig“, meint Mickler. „Sobald wir das Gefühl haben, bei einer Person läuft etwas schief, stellen wir Kontakt zu klinischen Psychologen her. Ob es nun um Burn-out, Depressionen oder Ähnliches geht.“ Christoph Henkel ergänzt: „Das sind extrem seltene Fälle, dennoch gibt es sie. Wenn ein pathologischer Befund auftritt, veranlassen wir die Weiterleitung zu ärztlicher Hilfe oder einer Therapie.

Am Geißbockheim wird also einiges unternommen, um den Talenten auch psychologisch und mental die bestmögliche Betreuung zukommen zu lassen. Allein kann der Club jedoch wenig ausrichten. „Auch Eltern, Schule oder Berater spielen eine wichtige Rolle“, weiß Christoph Henkel. Das soziale Umfeld hat auch für Werner Mickler eine wesentliche Funktion: „Der Fußball kann nicht für alles herhalten. Bei der Persönlichkeitsentwicklung müssen auch Elternhaus oder Lehrer mitarbeiten. Trainer oder Vereine wären hiermit allein überfordert.“

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