Köln.Sport

„Ich hätte gerne 15 Millionen Euro mehr“

Foto: Horst Fadel

Der Ball zeigt‘s an: Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters ist dem Sport eng verbunden

Der sportbegeisterte erste Bürger der Stadt spricht exklusiv in Köln.Sport über mögliche neue Sportevents, überzogene finanzielle Forderungen von Sportverbänden – und Düsseldorfs riskanten Weg bei der Sportstättensanierung.

Herr Oberbürgermeister, Köln bezeichnet sich als Sportstadt. Dr. Hans Stollenwerk von der Deutsche Sporthochschule behauptet dagegen, dass sich Köln in den letzten Jahren als Sportstadt in jeder Hinsicht zurückentwickelt hat.

Ich glaube, wir können uns, auch im Vergleich zu anderen Großstädten, ganz gut sehen lassen. Wir sind vor allem eine Stadt, in der sehr viel Sport getrieben wird, etwa in den über 800 Vereinen. Auch verfügen wir über herausragende Events wie das „EHF Final4″, das Champions-League-Finale im Handball, oder das Frauenfußballfinale im DFB-Pokal. Ich möchte auch auf die Sporteinrichtungen wie die DSHS verweisen. Hinzu kommt eine Vielzahl von Bundesligateams, darunter die hervorstechenden des 1. FC Köln und der Haie, die beide gute Perspektiven in der jeweiligen Ersten Liga haben. Wir brauchen unser Licht nicht unter den Scheffel zu stellen.

Köln verfügt über wenige regelmäßige Sport-events von nationalem oder gar internationalem Rang – Köln-Marathon oder „Rund um Köln“ haben eher regionale Bedeutung. Kritiker etwa sehen Köln gegenüber Düsseldorf hier klar im Hintertreffen. Ist es so schwierig, Top-Veranstaltungen nach Köln zu holen?

Das hängt immer mit entsprechenden Großsponsoren zusammen. Da Sie das Beispiel Marathon nennen: Unser Lauf zählt zu den drei größten in Deutschland und den sechs größten in Europa. Der Düsseldorfer Lauf dagegen rangiert nur unter ferner liefen.

Die große Teilnehmerzahl steht außer Frage, aber es fehlen die absoluten Spitzenläufer.

Für solche Athleten müssten Sponsoren schon einen sehr deutlichen Betrag geben. Der Marathon ist bei der Suche nach einem neuen Titelsponsor auf einem guten Weg, was neue Möglichkeiten eröffnen würde. Man sieht aber auch, wie schwankend der Boden für solche Großevents ist – und zwar in fast allen Städten. Hamburg, Stuttgart oder München kämpfen jedes Jahr um ihre Tennisturniere. Ich will für Köln nichts schönreden, aber man muss relativieren. Und im Übrigen bezweifele ich, ob Veranstaltungen wie Biathlon auf Schalke oder Langlauf in Düsseldorf in punkto Klimaschutz und Nachhaltigkeit Sinn machen. Ich bin da skeptisch. Mit dem „Final4″ haben wir dagegen ein Highlight in der Sportart, die nach dem Fußball die meiste Ausstrahlung hat. Wenn wir Handball und auch Frauenfußball halten könnten, wäre das schon etwas ganz Tolles. Wir stehen beim Pokalfinale in starker Konkurrenz zu anderen Städten, haben aber einen sehr guten Eindruck hinterlassen bei den bisherigen Spielen.

Im Vereinsbereich hat Köln in den letzten Jahren einige Rückschläge hinnehmen müssen: Aus der Köln 99ers, weitgehender Rückzug des VfL Gummersbach aus Lanxess-Arena, die Beinahe-Insolvenz der Haie. Wie schwierig ist es, Profisport in Köln zu finanzieren?

Die Unternehmen orientieren sich momentan beim Sponsoring neu. Geld wandert verstärkt in den Sozial-, Kultur- oder Jugendbereich. Der Profisport hat vielfach nicht mehr diese Ausstrahlung, Fußball ausgenommen. Aber alle anderen Sportarten haben Schwierigkeiten, sich dauerhaft auf eine solide finanzielle Basis zu stellen. Meiner Auffassung nach müssen diese Disziplinen sich anders orientieren. Zum Beispiel, indem sie auf die eigene Jugend setzen anstatt für viel Geld Legionäre einzukaufen.

Kann die Stadt Proficlubs nicht unterstützen?

Städtische Mittel dürfen nicht zur Unterstützung des Profisports eingesetzt werden. Für die Nachwuchsförderung herzlich gerne. Ich erinnere an das im Bau befindliche Sportinternat. Dort wird Talenten aus der Region aus unterschiedlichsten Sportarten die Chancen gegeben, Schule und Sport mitei-nander zu verbinden.

Man hat oft das Gefühl, in Köln gibt es im Sport den 1. FC – und dann kommt lange nichts.

Das ist anderswo genauso: Ich habe jüngst mit den Bürgermeistern von Nürnberg und Stuttgart gesprochen – auch da zieht der Fußball, aufgrund seiner Medienpräsenz, fast die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Das liegt oft auch an den Sportverbänden selbst, weil sie nicht mit der Zeit gehen und nicht genug neue, attraktive Angebote machen.

Wer stellt sich denn ungeschickt an?

Wenn der Leichtathletik-Weltverband so hohe Forderungen stellt, dass ARD und ZDF aus der WM-Berichterstattung aussteigen, darf er sich nicht wundern, wenn sein Sport weiter abgebaut wird. Die Verantwortlichen sind noch viel zu weit weg von den Bedürfnissen vor Ort. Der DLV fordert für die Deutschen Meisterschaften ein Stadion für 20.000 Zuschauer – so viele Besucher kommen gar nicht. Der Verband könnte froh sein, wenn er ein gut gefülltes Stadion für 12.000 hat. Die Realitätsnähe in den Verbänden muss wiederhergestellt werden. Das gilt auch für den Deutschen Turner-Bund, der sein Turnfest in Köln ausrichten möchte, aber eine so horrende finanzielle Unterstützung von der Stadt verlangt, dass wir sagen: „Kommt überhaupt nicht in Betracht. Wir nehmen nicht 20 Millionen in die Hand für eine einwöchige Veranstaltung – da fehlt die Nachhaltigkeit.“ Die Verbände müssen runter von ihren Forderungen, bescheidener werden.

Leichtathletik-Events wären in Köln aber ohnehin kaum durchführbar.

Nicht unbedingt, ich könnte mir eine Veranstaltung in der Lanxess-Arena gut vorstellen. Im Rahmen eines Hallensportfestes könnten Disziplinen wie Sprint, Hochsprung oder Stabhochsprung – wenn man es richtig aufzieht – durchaus auf Anklang stoßen.

Fehlt eine Veranstaltungshalle in der Größenordnung um 6.000 Zuschauer?

Da haben wir Bedarf – sowohl für Sport als auch für Kulturelles. Die Halle, die in Vogelsang von Anton Bausinger gebaut werden soll, schließt diese Lücke. Das Vorhaben kann ich nur unterstützen. Wir als Stadt können bei den Rahmenbedingungen wie der Verkehrsanbindung helfen oder städtische Veranstaltungen dort einplanen. Aber wir könnten keine neue Halle bauen und später die Betriebskosten übernehmen. Wir zahlen schon genug für das RheinEnergieStadion.

Dort macht der Betreiber, die Kölner Sportstätten GmbH, alljährlich ein Minus. Warum?

Der Bau war teuer, aber notwendig, um im Wettbewerb mit anderen Städten mitzuhalten. Damals hat sich mein Vorgänger Fritz Schramma gegen viele Widerstände durchgesetzt. Natürlich tragen die Sportstätten jetzt die Abschreibungen. Wir überlegen, die Verantwortlichkeiten der Sportstätten GmbH neu zu strukturieren und ihr das RheinEnergieStadion einschließlich der Vermarktung zu übertragen, wie es das Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft „Deloitte und Touche“ empfiehlt. Meiner Meinung nach sollten wir das umsetzen.

Der FC überlegt, das Stadion zu kaufen, wie Geschäftsführer Claus Horstmann kürzlich bekräftigt hat. Wäre die Stadt interessiert?

Das Stadion muss nicht unbedingt Eigentum der Stadt sein, wir können uns auch andere Modelle vorstellen. Aber die Vorstellung des FC, dass wir auf viele Jahre weiter zuzahlen, ist nicht realistisch. Der FC muss uns einen fairen Preis nennen, was er aber wohl wegen seiner aktuellen Verschuldung kaum tun wird. Doch zu Gesprächen bin ich jederzeit bereit.

Zum Breitensport: Die Stadt stellt für 2011 24 Millionen Euro für den Sport zur Verfügung. Dazu kommen 62 Millionen von der Gebäudewirtschaft zur Sportstättensanierung. Dennoch gibt es viele Missstände an den Anlagen, wie Köln.Sport in einer Reportagereihe festgestellt hat. Reicht das Geld also nicht aus, wie der StadtSportBund-Vorsitzende Helmut Wasserfuhr meint?

Natürlich müssen wir, gerade in den Hallen, eine Reihe von Maßnahmen durchführen. Es läuft schon sehr viel, aber lange noch nicht genug. Wir haben jetzt eine langfristige Planung, denn es geht nicht alles auf einmal. Die gleichen Probleme haben wir auch bei Museen und öffentlichen Gebäuden. Angesichts dieses Investitionsstaus müssen wir eine Balance finden, sukzessive Abhilfe schaffen. Das ist eine Kraftanstrengung. Düsseldorf hat in den letzten Jahren zwar mehr in Sportstätten investiert, aber nur in den Augenblick hinein. Die Mittel aus dem Teilverkauf der dortigen Stadtwerke 2005 flossen teilweise hier rein, aber solches Geld kann man nur ein Mal ausgeben. Kurzfristig ist die Investition gelungen – langfristig stellt sie ein gewisses Risiko dar.

Peter Pfeifer, der Vorsitzende der Sportjugend Köln, fordert eine Erhöhung der Jugendbeihilfe von 678.000 Euro im Jahr 2010 auf zwei Millionen bis 2016. Realistisch?

Auch hier muss man mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben. Das ist eine erhebliche Steigerungsrate. Investitionen in Sportstätten wirken sich wertsteigernd aus, dies wären aber konstruktive Mittel – sie fließen und sind weg. Daher kann man die Dimensionen nicht vergleichen. Insgesamt hat die Stadt nach wie vor ein gravierendes Haushaltsdefizit: Wir geben viel mehr Geld aus, als wir einnehmen. Wir führen das Defizit derzeit zurück und können uns daher solche Steigerungen nicht leisten. Für diese Mittel nehmen wir Kredite auf, die irgendwann zurückgezahlt werden müssen.

Sie haben gesagt, dass sich der Sport oft nicht energisch genug zu Wort meldet, wenn es um öffentliche Gelder geht. Fehlt die Lobby?

Das ist unterschiedlich: Es gibt keine Lobby für Freizeitsportler, die sich z.B. in den Grünanlagen betätigen. Hier hat die Stadt eine hohe Verantwortung, um Angebote für Lebensqualität und Gesundheit zu machen. In der Tat hat etwa die Kultur deutlich mehr Fürsprecher, auch in den Medien. Und die sozialen Initiativen sind vernetzt, der Sport nicht. Der StadtSportBund ist die Stimme des Sportes und versucht, dies auch umzusetzen. Aber da fehlen noch kreative Ansätze, um eine bessere Zusammenarbeit zwischen Stadt, Vereinen und Wirtschaft zu erreichen.

Sind die Institutionen oder die handelnden Personen zu schwach?

Was Freizeitsport anbelangt: den kann man nicht organisieren, daher hier die Verantwortung der Stadt. Der Vereinssport wird durch die „Sport-Agenda 2015″ des Projektes Sportstadt Köln eine gewisse Verzahnung erreicht. Zudem wird das Projekt vom Verein „Sportstadt Köln e.V.“ profitieren. Dessen Vorsitzender Volker Staufert hat viel Erfahrung darin, Mittel aus der Wirtschaft nicht nur für den Sport, sondern auch für die sponsernden Unternehmen gewinnbringend einzusetzen. Durch den Verein werden mehr Schwung und auch Professionalität in den Sport hineinkommen.

Sie erwarten also von der Agenda einen deutlichen Rückenwind für den Sport?

Ja, diese Forderungen werden auf einer realistischen Basis präsentiert. Und was damit an Sportentwicklungsplanung verbunden ist, dürfte in Deutschland einmalig sein. Wir richten eine Koordinierungsstelle ein, die im Sportamt angesiedelt wird. Damit schaffen wir für die Agenda ein organisatorisches Rückgrat bei der Stadt.

Sie sind selber aktiver Sportler. Wird Ihnen persönlich als Sportler der Sport in der Stadt genügend unterstützt?

Wir müssen unsere knappen Mittel noch stringenter einsetzen. Dazu gehört etwa eine effektivere Hallenplanung – nicht alle Vereine nutzen ihre Zeiten auch wirklich aus. Das gilt auch für die Schwimmhallen. Aber natürlich hätte ich auch gern zehn oder 15 Millionen Euro mehr zur Verfügung.

Das Interview erschien in der KÖLN.SPORT-Ausgabe 06/11.

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