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Nicht nur den Fußball!

Tibor Pleiß ist einer der erfolgreichsten deutschen Basketballer, lief in der NBA auf und spielt aktuell bei Anadolu Efes Istanbul, dem besten Team auf europäischer Ebene. Köln.Sport hat Pleiß zum Interview getroffen und mit ihm über Basketball, die Corona-Zeit und seine Heimatstadt Köln gesprochen.

Arne Greskowiak (rechts) bringt Tibor Pleiß ans Limit. (Foto: Benjamin Horn)

Dienstagmittag, 12 Uhr. Tibor Pleiß sitzt in einer Trainingshalle in den Abelbauten vorm RheinEnergieStadion auf einem Ergometer, „Sportguru“ Arne Greskowiak „quält“ den 2,18 Meter-Riesen. Der 30-Jährige hat noch einen Trainingspartner dabei, kurze Zeit darauf betritt Ex-FC-Stürmer Simon Terodde „agosport“, das Trainingsstudio von Arne Greskowiak, wo der Personal Trainer Athleten verschiedenster Sportarten individuell betreut. Noch ein paar mal den Medizinball an die Wand geschleudert, hat Tibor sein Soll erfüllt – und ist bereit fürs Köln.Sport-Interview.

Tibor Pleiß, die Saison in der Türkei wurde im Mai abgebrochen, aktuell halten Sie sich hier in Köln fit. Wie haben Sie die Phase mit dem Saisonabbruch erlebt?

Pleiß: Ich hatte ein paar Probleme, aus der Türkei nach Deutschland zu kommen, da es keine Flüge gab, Mitte Juni hat es dann aber geklappt. Die ersten Tage habe ich erstmal mit der Familie verbracht, darauf habe ich mich sehr gefreut. Ich hatte vier Monate lang niemanden gesehen. Und nach einer Woche habe ich mit dem „Sportguru“ wieder angefangen, zu trainieren, um mich weiter fit zu halten.

Arne Greskowiak, unabhängig der Sportart haben alle Athleten mit der Zwangspause zu kämpfen. Gibt es dennoch etwas, das alle ProfisportlerInnen verbindet?

Greskowiak: Für alle Sportler ist gerade der Lebensmittelpunkt weggebrochen. Tibor lebt davon, es ist seine Leidenschaft, und konnte dieser jetzt eine Zeit lang nicht nachgehen. Das ist frustrierend, weil man aus einer Routine herausgerissen wird – und niemand einem sagen kann, wann es weitergeht. Deshalb ist es auch nicht mit einer klassischen Offseason zu vergleichen. Da müssen Athleten Lösungen finden; es gibt etliche Möglichkeiten, sich trotzdem fi t zu halten. Deshalb haben auch viele Sportler und Sportlerinnen von dieser Phase profitiert.

Pleiß: Als Mitte Mai die Türkische Liga und die Euroleague abgesagt wurden, war für mich sofort klar, nach Köln zurückzukehren. Für mich ist das hier perfekt. Ich wohne mit dem Fahrrad fünf Minuten entfernt, es hat sich direkt angeboten. Vor zwei Jahren habe ich begonnen, mit Arne zu arbeiten, es macht großen Spaß. Es ist sehr professionell, hier herrscht eine tolle Atmosphäre.

Seit 2018 spielen Sie nun schon in Istanbul. Wie gefällt es Ihnen dort?

Pleiß: Mir gefällt es extrem gut. Die Teamchemie stimmt, wir sind schon zwei Jahre zusammen. Wir waren in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich, es ist viel richtig gelaufen. Die türkische Liga ist für uns eine gute Möglichkeit, an uns zu arbeiten, damit wir in der Euroleague noch besser auftreten können. Die Stadt ist aufregend, mittlerweile ist es ja schon mein drittes Jahr dort, ich habe ja auch eine Saison für Galatasaray gespielt. Deshalb kenne ich mich schon ganz gut aus. Ich fühle mich wohl und hoffe, dass wir dieses Jahr wieder angreifen und dann vielleicht das Final Four in Köln bestreiten dürfen.

Das wäre in diesem Jahr Ihr großes Highlight gewesen. Wie haben Sie die Absage des Turniers erlebt?

Pleiß: Man hat lange dafür gearbeitet, alles investiert. Noch nie war ein Team so früh für die Endrunde qualifiziert wie wir, wir hätten das Jahr gerne erfolgreich beendet. Nach der rasanten Entwicklung von Covid 19 war aber klar, dass wir die Saison nicht zu Ende spielen können. Für uns Sportler ist es extrem schwer, etwas zu beginnen, und dies dann nicht zu Ende zu führen. Ich hatte eine sehr gute Saison, habe viel Spielzeit bekommen und hätte mich gerne mit der Meisterschaft in Köln belohnt, vor meinen Freunden und der Familie den Pokal in die Höhe gestemmt.

Nun wäre Köln mit dem Final Four der Euroleague und der EuroBasket 2021 (mittlerweile auf 2022 verlegt) künftig ein Stück weit Europas Basketballhauptstadt gewesen – wie steht es aus Ihrer Sicht jedoch abseits dieser Großevents um den Basketball in Köln?

Pleiß: Für mich wäre es ein Höhepunkt meiner Karriere, in meiner Heimat aufzulaufen. In Köln ist es für den Basketball aber generell etwas schwierig, er bekommt nicht die Anerkennung und die Aufmerksamkeit, die er verdient. Deshalb wäre es schön gewesen, mit diesen Veranstaltungen auch den ein oder anderen wachzurütteln, und ihm zu zeigen, dass es neben Fußball noch andere Sportarten gibt.

Wie erklären Sie sich, dass der Basketball es in Köln so schwer hat?

Pleiß: In Köln ist der FC die Nummer Eins, das wäre eigentlich kein Problem, wenn für andere Sportarten ähnliche Bedingungen zumindest angeboten würden. Es gab ja auch große Diskussionen wegen dem Radstadion, ich möchte den Radfahrern nicht ihr Stadion wegnehmen, es braucht in Köln jedoch einfach eine passende Halle. Der Basketball entwickelt sich in die richtige Richtung, es gibt das Trainingscenter der RheinStars, die Probleme haben aber auch andere Sportarten. Ob Volleyball, Rollstuhlbasketball oder Handball. Es ist schwach, dass Köln sich als Sportstadt hinstellt und davon spricht, den Sport zu fördern, es dann aber nicht hinbekommt, diese Sportarten auch wirklich zu unterstützen. Nur, weil man den Fußball fördert und den Grüngürtel bebauen lässt, ist man noch keine Sportstadt. Ich würde mich freuen und wäre noch stolzer auf meine Stadt, wenn sich da etwas ändern würde.

Greskowiak: Es hat jedoch auch mit Angebot und Nachfrage zu tun. Der FC und die Haie funktionieren sehr gut, auch, weil sie bessere Möglichkeiten haben. Dass man eine neue Halle braucht, daran führt kein Weg vorbei. Nur müssen die Vereine auch ihre Hausaufgaben machen, Spieler erzeugen, den Nachwuchs fördern. Da gilt es, nach und nach aufzubauen, um in einer Millionenstadt bestehen zu können. Und der Druck auf die Stadt erhöht sich automatisch, wenn Jungs wie Tibor nicht in die Türkei gehen müssten, um auf hohem Niveau zu spielen, sondern dies auch in Köln tun könnte.

Pleiß: Natürlich gibt es hier gute Teams, die jedoch nicht die Möglichkeiten haben, um in die Top-Ligen aufzusteigen. Hätten die Teams in der zweiten und dritten Liga diese Möglichkeiten, würde die Identifikation mit dem Basketball in Köln leichter fallen. Dann kommen auch Jugendliche von außerhalb, wenn sie sehen, dass hier Top-Basketball gespielt wird, wollen sich hier weiterentwickeln. Es braucht mehr Unterstützung. Basketball ist keine Sportart, wo Millionen hin und her fließen. Dennoch bräuchte es mehr Fördergelder, generell für den Sport. Köln nennt sich Sportstadt, wahrscheinlich wegen der Sporthochschule und dem Fußball, aber was passiert, wenn die Studierenden an der SpoHo fertig sind – dann müssen sie sich auch Trainerjobs suchen, und dann ist nichts da. Deshalb wäre es sinnvoll, über eine Bezuschussung nachzudenken. Die Position der Politik gegenüber dem Fußball ist bekannt, da wird vieles möglich gemacht, Stichwort Grüngürtel. Es würde jedoch niemandem schaden, wenn ein Teil dieser Unterstützung auch anderen Sportarten zukommen würde.

Man merkt, dass Sie das Geschehen in Ihrer Heimatstadt noch eng verfolgen.

Pleiß: Meine Eltern wohnen hier, sind nie weggezogen. Sie gehen weiterhin zu den RheinStars, schauen sich ab und an ein Rollstuhlbasketball-Spiel an und halten mich auf dem Laufenden. Ich habe immer noch die Heimatverbundenheit, bin hier großgeworden, habe meine ersten Schritte auf dem Court gemacht. Natürlich würde ich mich freuen, wenn andere Spieler aus Köln eine ähnliche Entwicklung machen können – ob im Ausland oder idealerweise in Köln.

Nun liebt der Kölner es ja bekanntlich, wenn Söhne der Stadt im Ausland erfolgreich sind – ärgert es Sie manchmal, dass Sie und Ihre Leistungen hier so unterrepräsentiert sind?

Pleiß: Ich kann nicht abends nicht einschlafen, weil ich keine Aufmerksamkeit bekomme (lacht). Ich denke aber schon, dass ich aktuell die Kölsche Fahne im internationalen Basketball hochhalte, deshalb fände ich es schön, wenn man sich nach meiner Karriere an mich erinnert. Ich spiele seit Jahren auf dem höchsten europäischen Niveau, war in der NBA, und in Köln ist es gefühlt niemandem aufgefallen (lacht). Das ist nicht schlimm, ich komme damit klar und muss nicht die ganze Zeit erkannt werden. In Istanbul , einer Stadt mit 20 Millionen Einwohnern, in Spanien, wo ich lange gespielt habe, vielleicht sogar in Bamberg werde ich eher erkannt (lacht). Und da geht es mir nicht darum, dass mich Leute um ein Autogramm bitten, sondern um eine generelle Anerkennung. Die mir im Ausland entgegengebracht wird, in meiner eigenen Heimat jedoch nicht.

Arjen Robben ist vor Kurzem nach fast 20 Jahren zu seinem Jugendverein FC Groningen zurückgekehrt – ist das eventuell irgendwann auch ein Modell für Sie?

Pleiß: (lacht) Ich sage niemals nie. Am Ende kommt es natürlich darauf an, wie die Stadt sich basketballerisch weiterentwickelt. Ich setze meinen Körper nur ungern einem Risiko aus, in einer tieferen Liga würde ich da wahrscheinlich nichts riskieren. Man weiß jedoch nie was die Zukunft bringt. Im Herzen bleibe ich dem Kölner Basketball aber natürlich immer verbunden.