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„Fühlt sich familiär an”

Das DFB-Pokalfinale der Frauen ist seit zehn Jahren eine feste Institution im kölschen Sportkalender. Köln.Sport sprach mit Heike Ullrich, stellvertretende Generalsekretärin des DFB, über Entwicklung und Perspektiven dieses Events.

Wolfsburg besiegte die SGS Essen im Finale mit 4:2 nach Elfmeterschießen! (Foto: Ralf Ibing)

Frau Ullrich, das zehnte DFB-Pokalfinale der Frauen in Köln war – Stichwort Corona-Krise – sicher ein sehr außergewöhnliches. Welche besonderen Vorkehrungen mussten im Vorfeld getroffen werden und wie leicht beziehungsweise schwer waren diese umzusetzen?

Es war schwer zu ertragen, dass wir beim Finale, zwar zurecht, aber dennoch oeine auch für mich sehr merkwürdige Situation, als eine der wenigen Teilnehmerinnen, das Spiel im Stadion, ausgestattet mit einem Mund-Nasen-Schutz, verfolgen zu dürfen. Bei einem solchen Spitzenspiel keine Zuschauer zu haben, war bedauerlich. Nichtsdestotrotz haben alle sehr gerne diesen großen Aufwand betrieben. Das Finale in Köln hat Tradition, wir kommen gerne in dieses wunderschöne Stadion.

Wie haben Sie das Spiel und die leeren Ränge im RheinEnergieStadion wahrgenommen?

Ein Pokalfinale in diesem Stadion ist für die Mannschaften immer etwas Besonderes. Dennoch war es sehr ungewöhnlich. Man hört alles, die Kommunikation der Spielerinnen untereinander oder mit der Bank. Insofern verschiebt sich der Fokus ein wenig. Was ganz klar fehlt, ist Atmosphäre.

Wie werden Sie dieses Finale in Erinnerung behalten?

Als ein Finale auf sehr hohem Niveau von zwei Mannschaften, die sich nichts geschenkt haben. Selbst in der Verlängerung haben beide Teams extrem hohe Laufbereitschaft und großen Einsatz an den Tag gelegt. Es war ein echtes Spitzenspiel des Frauenfußballs. Natürlich werden die besonderen Rahmenbedingungen in Erinnerung bleiben.

Warum ist es gerade für ein Event wie dieses Finale umso wichtiger, dass Zuschauer anwesend sind und als große Fußballfamilie den Tag feiern?

Das Spiel war total fesselnd, das konnten alle Fernsehzuschauer spüren. Bei den wenigen Personen, die im Stadion sein durften, herrschte ganz klar die Meinung vor, wie schade es war, dass bei diesem Topspiel keine Zuschauer dabei sein konnten. Denn sie sind nicht nur das Salz in der Suppe, sondern der zwölfte Mann, in dem Fall die zwölfte Frau für die Teams. Sie können die Mannschaften noch einmal entscheidend pushen, gerade wenn es in die Verlängerung geht. Das fehlte in der Tat. Die etwas sterile Atmosphäre hat dem Spiel genommen, was es verdient gehabt hätte, nämlich ein volles Stadion mit begeisterten Fans. Selbst uns wenige, neutrale Zuschauer hat es trotz Abstand kaum auf den Sitzen gehalten.

Sportlich setzte sich der VfL Wolfsburg nun schon zum sechsten Mal in Folge durch, die Spielerinnen machen das Stadion langsam zu ihrem Wohnzimmer. Auch im Elfmeterschießen ein verdienter Erfolg?

Es war schlussendlich ein Erfolg eines sehr erfahrenen Teams. Marina Hegering sagte die „abgezocktere“ Mannschaft, habe gewonnen. Bis kurz vor Schluss war es ein Finale komplett auf Augenhöhe. Das Tempo im Spiel war extrem hoch, obwohl es ein sehr warmer Tag war. Hut ab vor der Leistung der Spielerinnen. Man hat beiden Teams angemerkt, dass sie den Pokal unbedingt gewinnen wollen. Die Abgeklärtheit der Wolfsburgerinnen hat dazu geführt, dass sie sich im Elfmeterschießen durchgesetzt haben. Aber wer es bis ins Elfmeterschießen schafft, der hat es eigentlich genauso verdient. Daher ein riesiges Kompliment an das gesamte Team der SGS Essen. Sie haben eine Topleistung abgeliefert, das Spiel hätte tatsächlich zwei Sieger verdient.

Wie machen Sie den Fans der anderen Teams Hoffnung, die Wölfinnen auch in Köln einmal schlagen zu können?

Der DFB-Pokal der Frauen hat immer wieder Überraschungen parat. Der SC Sand beispielsweise war zweimal im Finale, was vermutlich sogar viele Kenner der Frauenfußballszene so nicht vorausgesagt hätten. Das diesjährige Finale hat klar gezeigt, es war nicht Klein gegen Groß, sondern absolut auf Augenhöhe. In den Pokalwettbewerben, ganz gleich welchen, werden Kräfte frei, die man so aus der Liga, aus dem alltäglichen Spielbetrieb nicht kennt. Insofern dürfen sich alle Mannschaften, die am DFB-Pokal teilnehmen, Chancen ausrechnen, das Finale in Köln zu erreichen und zu gewinnen.

Ein Jubiläum ist ja auch immer ein guter Zeitpunkt für eine Bilanz. Wie hat es Köln geschafft, sich in den vergangenen zehn Jahren zur Hauptstadt des Frauenfußballs zu entwickeln?

Das Gesamtkonzept in Köln passt einfach perfekt. Wir bieten nicht nur das Spiel an, am Vormittag findet auf den Vorwiesen eines der größten Mädchenfußball- und Juniorinnenturniere statt. Gemeinsam mit der Stadt Köln und dem FV Mittelrhein, die sich super engagieren, ist das ein tolles Festival. Die Stadt bietet Fun-Tools an und unsere Partner präsentieren sich. Wer einmal dabei sein konnte, weiß, man ist gut beraten, gleich das ganze Wochenende Köln zu buchen. Der gesamte Tag ist Freude und Spaß pur. Der Fußball steht im Mittelpunkt, man kommt über Generationen hinweg auf den Vorwiesen zusammen und pilgert gemeinsam in das Stadion. Die Einzugshymne ist dann meist „Die Karawane zieht weiter“ (lacht). Das macht Köln aus. Für die Mannschaften ist es ein großartiges Erlebnis in einer sehr offenen, lebensfrohen und sportnahen Stadt ihr Finale austragen zu dürfen.

Warum ist es für den Frauenfußball wichtig, Stichwort Berlin für die Männer, in Köln eine Art Heimat zu haben?

Köln ist mittlerweile das kleine Mekka des Frauenfußballs. Man spürt die Begeisterung vor Ort. Über die Jahre ist es zum klaren Ankerpunkt geworden. Viele haben den Termin im Kopf, erkundigen sich frühzeitig und planen das DFB-Pokalfinale fest in ihren Kalender ein.

Wie hat sich die Bedeutung und die Wahrnehmung des Frauenfußballs in den vergangenen Jahren entwickelt?

Die Entwicklung ist immens. In meiner eigenen Wahrnehmung war der Weltmeistertitel 2003 in Los Angeles ein ganz entscheidender Schritt. Die Menschen haben den Fernseher angeschaltet und den Tatort erwartet. Einen Tatort haben sie auch bekommen, allerdings fand der auf dem Feld in Carson statt. Verlängerung, Golden Goal von Nia Künzer – da konnte man spüren, dass es ein sehr besonderer Moment und weiterer Startschuss für eine neue Dimension des Frauenfußballs war. Seither haben wir eine deutlich positive Entwicklung. Die Wahrnehmung ist gestiegen und sportlich hat sich einiges getan. Das Spiel hat sich was Tempo, Athletik oder Taktik angeht, extrem entwickelt. Was wir jetzt brauchen, ist ein Ausbau der Sichtbarkeit des Frauenfußballs. Das heißt, wir müssen Menschen, die bisher noch keine Verbindung mit dem Frauenfußball hatten, zum Platz bringen. Ihnen die Möglichkeit geben, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wir wollen noch stärker Mädchen ansprechen, um ihnen die Chance zu eröffnen, zu schauen, ob Fußball ein Teamsport für sie sein könnte, bei dem sie sich zuhause fühlen. Das ist intensive Basisarbeit in den Vereinen und Verbänden. Ich spüre bei unseren Partnern und in der Gesellschaft, dass man viel offener ist. Das Thema wird völlig selbstverständlich integriert. Fußball ist eine Sportart für alle und sie verbindet. Egal ob als Aktive oder Zuschauer/in oder als Trainer/in oder Funktionär/in.

Das Finale wird auch bis 2025 weiterhin in Köln stattfinden. Was gab endgültig den Ausschlag für diese Entscheidung seitens des DFB?

Wir haben uns als Team gefunden, das Zusammenspiel Stadt, Fußball- Verband Mittelrhein, Partner und DFB funktioniert sehr gut. Die bereits angesprochenen Events rund um das Spiel machen es sehr attraktiv. Wir haben tolle Repräsentanten, Botschafterinnen und Botschafter, die wir dieses Jahr durch die Corona-Krise leider nicht so aktiv einbinden konnten. Alle Beteiligten arbeiten aus Überzeugung, sind mit Herzblut dabei. Schon am Tag nach dem Finale freuen sich alle auf das nächste Jahr. Es fühlt sich sehr familiär an.