Köln.Sport

„Ganz nah am Klub“

Im zweiten Teil des großen Köln.Sport-Interviews mit Wolfgang Overath (hier gehts zu Teil Eins) spricht der Ex-Präsident über seine Zeit im Amt, wie er den 1. FC Köln heute sieht und über seinen Hilfsfonds, mit dem er obdachlose Menschen unterstützt.
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Mit einem Hilfsfonds unterstützt Wolfgang Overath seit über 25 Jahren obdachlose und bedürftige Menschen. (Foto: Andreas Kerschgens)

Wie ist bei Ihnen der Entschluss gereift, sich nach der aktiven Karriere zum Präsidenten wählen zu lassen?

Der inzwischen verstorbene Verleger Alfred Neven DuMont hat mir – auf einer ganzen Seite – im Express einen Brief geschrieben. Danach wurde der „Druck“ dann so groß, Freunde und Bekannte drängten, wir hingen in der Zweiten Liga. Deshalb habe ich irgendwann gesagt: Okay, dann machst du es jetzt. Natürlich ehrenamtlich für meinen Verein. Vorher waren wir gegen Schalke, Dortmund und Bayern ausverkauft, der Rest war durchwachsen. Gegen Bremen kamen 10.000 Zuschauer. Als wir begonnen haben, hatten wir 12.000 Mitglieder, innerhalb kürzester Zeit über 50.000. Wir haben die Menschen emotional stark angesprochen. Vom ersten Tag an war das Stadion immer voll. Das war der Beginn dieser besonderen Emotionalität, bei all den Fehlern, die wir natürlich auch gemacht haben. Das war der Punkt, wo es sich gedreht hat, wo die Menschen diese Nähe zum FC wieder angenommen und gefunden haben, aber sie haben auch geschimpft, was das Zeug hielt. Das ist ja unsere rheinische Mentalität, dass wir heute alles feiern und morgen verteufeln. Aktuell hängen die Menschen am Klub und laufen Gott sei Dank ins Stadion.

Sie sind in einer soliden sportlichen und finanziellen Situation zurückgetreten. Aber danach ging es bergab. Der FC stieg ab, Podolski verließ den Verein, das hätten Sie als Präsident vielleicht verhindern können, wenn Sie geblieben wären. Wie blicken Sie im Nachhinein auf diese Zeit zurück?

Die ersten Jahre waren schön, wir sind direkt aufgestiegen, dann nochmals abgestiegen, wieder auf, und dann nie wieder in den Abstiegsstrudel geraten. Als ich aufgehört habe, standen wir auf Tabellenplatz 11 im gesicherten Mittelfeld. Im letzten Jahr der Präsidentschaft fing es an, unangenehm zu werden. Du machst etwas ehrenamtlich, investierst viel Herzblut und Zeit, weil du helfen willst. Wenn es dann plötzlich Attacken über Zeitungen gibt, wirst du sehr dünnhäutig. Ich habe das eine Zeit lang ertragen, dann aber irgendwann gesagt: Nein! Das musst du dir nicht weiter antun. Es gab interne Diskussionen, Spannungen mit Fanvertretern, das war für mich nicht schön. Die ersten Jahre waren okay, obwohl es da auch Kritik gab, wenn auch immer fair. Dann kann man das auch ertragen. Ich glaube, wir haben, mit Ausnahme des Vorstandes, im letzten Jahr nicht mehr so geschlossen zusammengestanden. Wenn man dann das Gefühl hat, dass es nicht mehr ganz wasserdicht ist und dass manches nach außen dringt, fängt man an zu überlegen. Deshalb war der Rücktritt eine Entscheidung, die mir relativ leicht gefallen ist. Heute bin ich froh, dass ich damals so entschieden habe. Du resignierst irgendwann, wenn es die ganze Zeit auf und ab geht und du das Gefühl hast, man hält intern nicht mehr zusammen. Und anschließend ging es ja mit Herrn Spinner auch wieder bergauf.

Kommen wir zum Heute. Sie gehen ja mittlerweile wieder ins Stadion – wie wichtig war Ihnen die Versöhnung mit der FC-Spitze?

Ich habe am Fernseher immer alle Spiele gesehen, der Abstand zum Verein hat sich auch in der Zwischenzeit nicht vergrößert. Wenn wir absteigen und bis in die Kreisklasse runtergehen, wird das an meinem Verhältnis zu meinem Verein nichts ändern. Und diese Beziehung kann mir keiner nehmen. Die habe ich auch gepflegt und habe auch mitgezittert in der Zeit, wo ich mir zu Hause jedes Spiel angeschaut habe. Denn irgendwann muss man das, was da alles so abgelaufen ist, auch vergessen. Die Herren Spinner und Schumacher haben sich dann sehr darum bemüht, das hinzukriegen, und das haben wir ja auch wieder geschafft. Das war sehr gut so, denn im Stadion ist es natürlich viel schöner.

Aktuell gibt es zwischen Vorstand und Fanvertretern bzw. dem Mitgliederrat wieder große Spannungen. Wie beurteilen Sie die Situation?

Aus der Entfernung ist das schwer zu beurteilen. Ich denke, man muss wie im Leben immer Kompromisse finden. Es gibt viele Dinge, wo man die Mitglieder mit einbinden kann, dann sollte man das möglichst auch versuchen. Dass die Mitglieder, Fans und Gruppen nur bis zu einem gewissen Punkt Entscheidungen mittragen können, das ist normal. Beispielsweise bei Spielertransfers können nicht 100 Mitglieder oder mehr darüber abstimmen. Da braucht es dann ein großes Vertrauen in den Vorstand und die handelnden Personen.

Erkennen Sie möglicherweise Parallelen zur Ihrer Zeit im Amt?

Als ich dran war, fing das gerade an mit dem Internet und den Foren. Da ging es aber auch schon los, da entstand Druck. Damit muss man umgehen können. Vorher, in den ersten vier Jahren im Amt, war das noch nicht so. Aber was da heute abgeht, hat ja schon eine ganz andere Dimension. Großer Jubel am einen Tag, und am nächsten Tag geht es in die andere Richtung.

Wie beurteilen Sie die aktuelle sportliche Situation? Was halten Sie von Markus Anfang?

Der FC wird mit Sicherheit aufsteigen. Wir haben so viel Qualität in der Mannschaft, da sehe ich keine Gefahr. Natürlich sieht man, dass die 2. Liga vielleicht mehr fordert, als man am Anfang gedacht hätte. Dort verliert man Spiele nicht, weil man die Qualität nicht hat, sondern weil man unsicher ist und dann das Selbstvertrauen verliert. Das kenne ich als Spieler selbst. Wir haben für die 2. Liga eine sehr, sehr gute Mannschaft, aber wenn wir aufsteigen, müssen wir uns noch auf einigen Positionen verstärken. Und der Trainer macht meiner Meinung nach einen guten Job.

Wie verfolgen Sie den FC? Wie nah lassen Sie den Verein an sich heran?

Ich fühle mich ganz nah an diesem Klub, leide mit, wenn wir schlecht spielen und verlieren, und freue mich, wenn wir gewinnen. Aber da gibt es keinen Unterschied, ob als Spieler, Präsident oder Fan. Ich habe mich dem Klub immer sehr verbunden gefühlt, das ist auch heute noch so.

Heute engagieren Sie sich zudem für wohltätige Zwecke, haben einen eigenen Fonds ins Leben gerufen. Warum liegt ihnen diese Arbeit so am Herzen?

Ich komme aus einer Familie mit acht Kindern. Ich habe gesehen, wie meine Eltern kämpfen mussten. Bis zum 14. eines jeden Monats ist meine Mama einkaufen gegangen, ab dem 15. ging ich in den Laden und musste anschreiben lassen. Ich habe das Glück gehabt, dass der da oben mir das Talent mitgegeben hat, ein bisschen Fußball spielen zu können. Ich blicke auf ein sehr schönes Leben zurück, stand auf der Sonnenseite. Aber es gibt auch eine große Menge von Menschen, die auf der anderen Seite stehen. Deshalb haben wir vor 25 Jahren den Wolfgang-Overath-Fonds gegründet. Der wird betreut vom Verein für soziale Dienste in Siegburg, gemeinsam mit meinen Freunden haben wir schon über eine Million gesammelt. Jedes Jahr an Weihnachten machen wir ein Weihnachtsessen mit den Obdachlosen, da kommen circa 120 Leute zusammen. Es ist wunderbar, Menschen in dieser Situation eine Freude zu machen und ihnen zu helfen.

Lesen Sie hier Teil Eins des großen Interviews mit Wolfgang Overath!

Dieses Interview führte Mick Oberbusch.

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