Köln.Sport

„Irgendwann muss man vergessen“

Wolfgang Overath ist einer dieser Menschen, den man in Köln wirklich niemandem mehr vorstellen muss. Bei einem gemütlichen Kaffee haben wir uns mit der Kölner Sportlegende getroffen – Teil Eins des großen Köln.Sport-Interviews.
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Auch in der Zeit, als er nicht ins Stadion gegangen ist, hat Wolfgang Overath jedes Spiel am heimischen Fernseher verfolgt. (Foto: Andreas Kerschgens)

Es ist gar nicht so leicht, sich für ein Treffen mit Wolfgang Overath zu verabreden. Auch mit 75 Jahren ist der Weltmeister von 1974 immer noch viel beschäftigt und unterwegs, macht Termine, kümmert sich um seinen Hilfsfonds – und beobachtet als Vereinslegende natürlich ganz genau die Entwicklungen am Geißbockheim. Dennoch hat er in seinem vollen Terminkalender die Zeit gefunden, sich mit Köln.Sport auf einen Kaffee in der Nähe der Zülpicher Straße zu treffen. Nebenan sitzen andere Gäste, die den Ausführungen des früheren FC-Präsidenten gespannt lauschen. „Was ich sage, darf jeder hören“, sagt Overath. Und legt dann los.

Wolfgang Overath, wie zu lesen war, haben Sie Ihren 75. Geburtstag am 29.9. nicht wirklich gefeiert. Warum?

Zum 50. kamen 500 Leute. Da dachte ich: Das war das letzte Mal. Für den 75. hab ich nicht damit gerechnet, dass sich viele dafür interessieren würden. Aber vier Wochen vor dem Geburtstag ging es los mit den Anfragen, obwohl ich immer gesagt habe, ich mache nichts. Dann bin ich mit meiner Frau in Urlaub gefahren und wir haben das so gelegt, dass wir am 28. schon wegkonnten (lacht). Dann waren wir vier Wochen weg, das war sehr schön. Ich hätte gar nicht gedacht, dass ich das aushalte, so lange habe ich noch nie Urlaub gemacht. Als ich jung war, habe ich mich über den Geburtstag gefreut. Aber in einem gewissen Alter erschrecke ich mich über die Zahl. Mein Vater war mit 50 schon ein alter Mann, da wirst du nachdenklich. Dann hörst du die Zahl und sagst: Das kann ja gar nicht wahr sein! Auch wenn ich bei normalen Geburtstagen zu Hause bin, gehe ich nicht ans Telefon.

Wie muss man sich heute einen typi­schen Tag im Leben von Wolfgang Overath vorstellen?

Manchmal schlafe ich etwas länger, gehe aber auch nicht mehr so früh ins Bett (lacht). Nein, im Ernst: Bis vor zehn Jahren war ich immer viel unterwegs, habe wahnsinnig viele Termine gemacht. Privat baue ich noch viel, habe mit 18 schon damit angefangen, Häuser zu bauen. Das mache ich immer noch, aber so viele berufliche Termine habe ich heute nicht mehr. Ich mache noch viel Sport, trainiere zweimal in der Woche Fußball und gehe joggen, auch wenn das ohne Ball immer eine Qual für mich ist. Und ich genieße es, viel Zeit mit meiner Frau, meinen Söhnen und meiner Adoptivtochter zu verbringen.

Spielen Sie aktuell noch Fußball?

Ja klar, was denken Sie denn? Bis ich 70 wurde, habe ich in einer Prominentenmannschaft gespielt: Lotto Rheinland-Pfalz. Über 18 Jahre, fast 200 Spiele. Und wir haben über zwei Millionen für kranke Kinder gesammelt. Jetzt spiele ich zweimal die Woche Fußball, zum Beispiel in der Halle am Geißbockheim, und das macht mir auch noch Riesenspaß. Natürlich bin ich oft sauer, wenn es nicht mehr so geht, wie ich mir das vorstelle. Aber ich kann noch mitspielen und ich habe auch immer noch ein wenig zu sagen. Zum Beispiel versuche ich, zu bestimmen, wann das Spiel zu Ende ist. Wenn wir hinten liegen, kann es schon mal eine halbe Stunde länger dauern. Und wenn meine Mannschaft dann vorne liegt, hören wir auf (lacht).

Sie standen in der ersten Bundes­ligamannschaft des FC überhaupt – was sind Ihre lebhaftesten Erinnerungen?

Ich war ein junger Spieler, gerade 19. Trotzdem habe ich in meiner ersten Bundesligasaison schon alle Spiele gemacht. Wir hatten eine tolle Mannschaft. Hans [Schäfer] war schon über 30, aber ein routinierter Superspieler, von dem konnte man sich im Training eine Menge abgucken. Ich habe da wohl die anderen überrascht und mich selbst auch, dass ich alle Spiele bestreiten konnte. Und dann ging es auch sehr schnell zur Nationalmannschaft. Am Anfang waren wir wie heute Bayern München, allen meilenweit voraus. Wir hatten ein tolles Vereinsgelände und ein professionelles Umfeld. Vielleicht haben wir daraus dann zu wenig gemacht, hatten aber mit Gladbach und Bayern zwei Teams, die immer oben mitgespielt haben. Wir waren auch immer dabei, nur in der Saison 1968/69 wären wir fast abgestiegen. Dann weiß ich nicht, ob ich da geblieben wäre. Ich habe das nie erlebt, mal abzusteigen, das muss brutal sein. Umso höher muss man die Entscheidungen von Hector und Horn einschätzen.

Gibt es irgendetwas aus Ihrer aktiven Zeit, das Sie bis heute bereuen? Vielleicht dann doch, nicht einmal gewechselt zu sein?

Nein! Es gab sehr viele Anfragen von anderen Vereinen, richtig gute Angebote. Ich selbst bin aber auch sehr heimatverbunden. Mit 33 hat mich Präsident Peter Weiand verrückt gemacht, dass ich einen Dreijahresvertrag unterschreiben soll, aber das wollte ich nicht. Dann kam ein Angebot aus Amerika, da war die Major League Soccer gerade im Kommen, Beckenbauer und Pelé spielten dort. Der Boss eines US-Vereins hat mir für vier Jahre so viel Geld geboten, wie ich in den ganzen 14 Jahren beim FC vorher nicht verdient habe. Und er hat immer wieder draufgelegt. Dennoch kam ich mit meiner Frau zum Ergebnis, Nein zu sagen. Im Nachhinein muss ich sagen: Das war die beste Entscheidung für mich. Andere Angebote habe ich direkt abgelehnt. Und das war richtig.

Zu Ihrer aktiven Zeit wurden Vorlagen ja noch nicht gezählt. Auf wie viele Scorerpunkte kämen Sie heute?

Keine Ahnung. Aber heute noch mal spielen – sofort! Zu meiner Zeit, in der Hauptkampfbahn, passten 70.000 rein. Da waren die Zuschauer in der hintersten Reihe aber 200 Meter weg, konnten dich kaum noch erkennen. Und wenn du heute die Stadien siehst, die sind so hoch, da siehst du ja, wenn sich ein Spieler an die Nase fasst. Die Atmosphäre und das ganze Drumherum finde ich so toll, das habe ich früher nicht erlebt. Heute sind das Events, die Leute werden verwöhnt. Früher gab es nur Stehplätze und krumme Wege. Die heutige Atmosphäre würde ich gerne noch mal auf dem Platz erleben.

Wie ist bei Ihnen der Entschluss gereift, sich nach der aktiven Karriere zum Präsidenten wählen zu lassen?

Diese und andere Fragen beantwortet Wolfgang Overath morgen – im zweiten Teil des Interviews!

Dieses Interview führte Mick Oberbusch.

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