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„Radfahrer sind in ständiger Lebensgefahr“

Im Köln.Sport-Interview spricht der ehemalige Weltklasse-Sprinter Marcel Wüst über Radrennen in Köln, den Profiradsport in Deutschland und die Gefahren, denen Radfahrer auf den Straßen täglich ausgeliefert sind.
Marcel Wüst

Marcel Wüst wurde am 6. August 1967 in Köln-Klettenberg geboren. Sein Profidebüt gab er 1989. Am 11. August 2000 nahm seine Karriere ein bitteres Ende: Bei einem Rennunfall verlor Wüst sein rechtes Auge und musste seine aktive Laufbahn beenden. (Foto: Thomas Berger)

Mit über 100 Rennsiegen, darunter vierzehn Etappen bei großen Rundfahrten, zählt Marcel Wüst zu den besten deutschen Radfahrern aller Zeiten. Bis heute engagiert sich der Kölner für den Radsport – regional wie national. Egal ob an der Basis, als Leiter seines Jedermann-Teams oder offiziell als Vizepräsident Marketing und Kommunikation im Bund deutscher Radfahrer – Radsport ist weiterhin sein Lebensmittelpunkt, wie Wüst im Exklusiv-Interview mit Köln.Sport verrät.

Herr Wüst, Köln gibt sich gerne das Label „Sportstadt“, doch verdient es auch das Prädikat „Radstadt“?

Wir haben durchaus eine große Anzahl Radfahrer in Köln, auch die Infrastruktur war schon mal schlechter. Aber sie ist beileibe noch nicht gut. Es gäbe in dem Bereich noch viel zu verbessern. Doch das ist nicht das Schlimmste an der Situation. Das Schlimmste ist, auf der Straße dieses Gefühl zu haben, nichts wert zu sein. Die geforderten 1,50 Meter Abstand werden von so gut wie keinem Autofahrer eingehalten. Und man muss einfach öfters in den Straßenverkehr ausweichen, weil es keinen Radweg gibt oder dieser zugeparkt wurde. Ich habe natürlich eine gewisse Routine in vielen Situationen. Wenn beispielsweise ein Auto rechts ranfährt, dann brauche ich gar nicht mehr zu überlegen. Ich weiß, dass gleich die Tür aufgeht, und fahre schon mal zur Straßenmitte, wenn der Weg frei ist. Aber andere haben solche Fähigkeiten nicht. Diese Menschen sind sehr gefährdet.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern?

Mein Standpunkt ist, dass der Stärkere auf den Schwächeren aufpassen muss. Das sehe ich in allen Bereichen so. Ich kann Ihnen ein Beispiel nennen. Nehmen wir an, im Rhein-Center in Weiden steht eine Kindergartenklasse auf einer großen Rolltreppe. Die Kinder stehen jedoch nicht brav rechts in einer Reihe, sondern manche auch zu dritt nebeneinander, und tollen herum. Dann kommt ein großer, schwerer Erwachsener mit 110 Kilogramm, und rennt einfach mit voller Wucht durch die Kinder durch, weil er es eilig hat. Die Kleinen fallen die Treppe runter – blutig, mit ausgeschlagenen Zähnen und Platzwunden am Kopf. Hat der Erwachsene dann recht, weil die Kinder sich nicht richtig benommen haben? Oder hat der Schwächere nicht dennoch ein Recht auf Rücksichtnahme?

Das gilt auch für den Straßenverkehr.

Genau, denn dort ist der Radfahrer genau dieses Kind und die Autofahrer sind die Menschen, denen es anscheinend scheißegal ist, wenn sie mit dem Außenspiegel einen Radler touchieren. Eine solche Situation kann für manche Menschen das Todesurteil sein. Dem gilt es entgegenzuwirken – auch vom Gesetzgeber. Wenn sich dann ein Radfahrer aufregt, weil er das Gefühl hat, gerade dem Tod entronnen zu sein, voller Adrenalin steckt, und dem Autofahrer an der nächsten Ampel den Spiegel abtritt oder die Tür aufreißt und zuschlägt, ist das natürlich eine Überreaktion. Aber in dem Moment springst du dem Tod von der Schippe. Da willst du dem Kerl an die Gurgel, das ist doch ganz normal. Solche Situationen sind zum Glück nicht die Regel, aber sie kommen vor. Und das ist schon schlimm genug.

Viele Bürgerbefragungen im Rahmen des Kölner Bürgerhaushalts zeigen, wie wichtig den Einwohnern das Thema Fuß- und Radverkehr ist. Verbesserungspotenzial gibt es in vielen Veedeln. Ein Schnellradweg zwischen Chorweiler und der Innenstadt, Radwege in Ehrenfeld oder auch eine Nord-Süd-Verbindung für Radfahrer sind beliebte Beispiele. Wo sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf?

Ich bin ein Optimist und Visionär. Ich stelle mir gerne vor, wie die B55 bzw. Aachener Straße in zehn Jahren durchgängig dreispurig ist und auf dem rechten Streifen keine Autos mehr parken dürfen. Eine Spur wäre dann komplett für Radfahrer ausgebaut. Das würde die Sicherheit im Vergleich zu schmalen Radwegen deutlich erhöhen. Vielleicht würden so noch viel mehr Menschen auf das Rad als Verkehrsmittel zurückgreifen.

Kommen wir zu den lokalen Radsportevents, in erster Linie natürlich „Rund um Köln“ und die „Cologne Classics“. Wie schätzen Sie den Stellenwert der Rennen ein?

Es sind beides tolle Veranstaltungen, und „Rund um Köln“ ist auch im internationalen Profikalender ein Highlight. Es nehmen nicht umsonst um die 5.000 Fahrer beim Jedermann-Rennen teil. Auch der Zuschauerzuspruch ist nach wie vor sehr hoch. Bei gutem Wetter stehen schon mal eine knappe Million Menschen an der Strecke. Leider ist es mittlerweile sehr schwer geworden, diese Rennen zu veranstalten. Durch die Dopingskandale hat der Radsport eine schwere Rufschädigung einstecken müssen. So fällt es schwer, Sponsoren zu akquirieren. So sind auch viele kleinere Rennen weggestorben. In Kalk, an der Alteburger Straße oder in Köln-Vogelsang. Im Kölner Radsport gab es mal um die 50 Events im Jahr. Heute sind es vielleicht noch zehn.

Bei den „Cologne Classics“ waren Sie bis 2011 sportlicher Leiter. Ist man diesbezüglich von „Rund um Köln“ auch schon einmal an Sie herangetreten?

Als kölsche Jung könnte ich das sicher einmal machen. Das wäre dann aber eher in der Funktion eines Testimonials, wie das früher auch ein Rudi Altig gemacht hat. Denn bei „Rund um Köln“ habe ich auch ein Jedermann-Team. Wir haben dort eine große Anlaufstation für die Teammitglieder. Es kommen 60 Personen aus ganz Deutschland zum Rennen. Das macht mir Spaß, und da möchte ich natürlich anwesend sein. Aber wenn Artur Tabat mich wirklich um Hilfe bitten würde, dann stünde ich ihm zur Verfügung.

Das Interview führte Benjamin Stroka. Wie Marcel Wüst den Profiradsports in Deutschland und die Entwicklung im Anti-Doping-Kampf in den letzten Jahren einschätzt, lesen Sie im kompletten Interview in der aktuellen Ausgabe des Köln.Sport-Magazins.