Köln.Sport

„Ich sehe mich in der Verantwortung“

Er sorgte in der Dreierkette und im Mittelfeld für Ordnung, ging auch abseits des Platzes voran und war eine entscheidende Figur im Aufstiegskampf. Zeit, mit dem gebürtigen Kölner auf eine bewegte Saison zurückzublicken – und nach vorn zu schauen.
Höger

Als Vize-Kapitän lief Marco Höger in Abwesenheit von Jonas Hector 2018/19 drei Mal mit der Kapitänsbinde auf (Foto: imago images/Chai v.d. Laage)

Den Start in die Saison, so sagt Marco Höger auch selbst, habe er sich ganz anders vorgestellt. Nach gerade einmal anderthalb Minuten verletzte er sich an der Schulter, fiel aus, verpasste die ersten beiden Saisonspiele. Doch der aus seiner Schalke-Zeit als „Derby-Höger“ bekannte 29-Jährige kämpfte sich zurück – und leistete als Führungsspieler und kölsche Identifikationsfigur einen enorm wichtigen Beitrag zum sechsten Aufstieg der Kölner Vereinsgeschichte.

Mit seinen klaren Aussagen neben und seinem kompromisslosen Auftreten auf dem Rasen gab Höger den Ton an. Ob er im Mittelfeld auflief oder wie zuletzt in der Dreierkette: Der gebürtige Kölner, der sich nach dem Abstieg als erster Schlüsselspieler zum Verbleib bekannte, kann mit der abgelaufenen Spielzeit also definitiv zufrieden sein. In Köln.Sport spricht er exklusiv über die Stimmung in der Mannschaft, leidenschaftliche Fans, seine persönliche Saisonbilanz – und seine Ziele für die Bundesliga im kommenden Jahr.

Marco Höger, zuerst einmal: Gratulation zum Aufstieg. Sie haben in Nürnberg gefeiert, wie war die Party? Und wer hatte am nächsten Tag den größten Kater?

Das kann man gar nicht so genau sagen. Ich glaube, wir waren alle ziemlich gut dabei (lacht). Der ein oder andere, der sonst nicht so viel trinkt, vielleicht ein bisschen mehr, aber da würde ich jetzt keine Unterschiede machen. Die Party an sich war gut, Montagabend, das kann sich ja jeder vorstellen, war außerhalb von Köln aber nicht so viel los. Wir waren für uns in einer Bar und hatten einen schönen – und langen Abend. Das haben wir uns mit dem Aufstieg auch verdient.

Und jetzt? Geht es nun erst mal in den Urlaub?

Wir haben ja zunächst noch ein Spiel, das wollen wir gewinnen. Jetzt, wo ein wenig Ballast von der Seele gefallen ist, kann man das alles ein Stück weit mehr auskosten als sonst. Der Druck war über die Saison hinweg schon sehr hoch. Und dann geht es natürlich in den wohlverdienten Urlaub.

Sprechen wir ein wenig über die letzte Saison. Es wurde jetzt ja gerade viel über das Thema „Stimmung in der Mannschaft“ gesprochen, von außen geurteilt. Wie würden Sie das Klima im Team insgesamt beschreiben, auch über die schwierigen Phasen hinweg?

Grundsätzlich ist es so, dass in schwierigen Phasen nicht die beste Stimmung herrscht. Das ist doch klar, aber ich bin das gewohnt. Ich bin jetzt schon lange genug dabei, war bei Schalke, auch einem großen Traditionsverein, wo es schnell mal unruhig wird, wenn es nicht läuft. Dazu kommt, dass immer viel von außen reingetragen wird, dass vieles aufgebauscht wird, was im internen Kreis vielleicht gar nicht so eine Bedeutung hat. Aber das ist nicht nur bei uns so, das kennt jeder Arbeitnehmer: Wenn im Job die Stimmung angespannt ist, ist man auch zu Hause nicht so gut gelaunt. Das ist bei uns nicht anders, dennoch sollte man da nicht zu viel hineininterpretieren.

Sie waren fünf Jahre auf Schalke, sind jetzt auch schon ein „alter Hase“ beim FC. Haben Sie sich an eine gewisse Unruhe im Umfeld vielleicht sogar gewöhnt?

Klar. Als ich mit 19 nach Schalke gewechselt bin, da war das noch nicht der Fall, das war neu und ungewohnt. Da hat man sich auch mal den ein oder anderen Gedanken mehr gemacht zu Hause, aber spätestens im dritten Jahr bei Schalke habe ich dann gelernt, damit umzugehen. Deshalb lese ich kaum noch etwas. Es kommt vor, dass man in drei verschiedenen Boulevardblättern drei verschiedene Noten hat, von eins bis sechs. Da macht es nicht wirklich Sinn, drauf zu schauen. Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass mir Ruhe zwischendurch auch mal guttut, man muss nicht immer im Fokus stehen. Ich weiß aber natürlich auch, dass das Umfeld hier schnell unruhig werden kann. Ich bin Kölner, in der Seele bin ich vielleicht selbst ein Stück weit so. Aber ich kann damit umgehen.

Sie waren während der Saison immer einer der ersten Spieler am Mikro, haben Rede und Antwort gestanden und auch mal Ihre Meinung gesagt. Sehen Sie das als Verantwortung, war das geplant? Oder hatten Sie auch oft einfach das Gefühl, „Jetzt muss ich einfach mal was sagen?“

Das ist auch ein Stück weit Erfahrung. Man entwickelt ein Gefühl dafür, wann man etwas sagen kann oder vielleicht auch muss. Als Vizekapitän sehe ich mich auch in der Verantwortung, mal den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ich kann damit umgehen, medial kritisiert zu werden. In solchen Situationen finde ich es besser, wenn ich mich stelle, als die jüngeren Spieler, die das vielleicht noch nicht so gewohnt sind und noch am Anfang der Karriere stehen.

Die Fans sind euch in Scharen hinterhergereist. Die Heimspiele waren immer ausverkauft. Und sie haben der Zweiten Liga ein Lied gewidmet. Wie kommt so etwas in der Mannschaft an, wie wird so etwas aufgenommen? Pusht das noch mal extra, oder hat man sich in Köln schon fast an diese Unterstützung gewöhnt?

Das kommt natürlich extrem an. Es wird vielleicht auch von vielen unterschätzt, welche Rolle so etwas innerhalb der Mannschaft spielt, gerade bei uns. Wir haben viele Kölner dabei, dazu Jungs, die sich sehr mit dem Klub und dem Umfeld identifizieren. Die Fans sollen schon wissen, dass das eine große Rolle bei uns in der Kabine und in den Köpfen spielt. Dafür sind wir extrem dankbar und können das eigentlich nicht genug wertschätzen.

Wann war der Zeitpunkt in der Saison, als Sie wirklich realisiert haben, dass es mit dem Aufstieg klappt?

Da ich abergläubisch bin, habe ich es wirklich erst in meinen Kopf gelassen, als das Spiel in Fürth abgepfiffen worden ist, vielleicht ein paar Minuten früher. Es wurde ja Woche für Woche darüber gesprochen, wann wir aufsteigen, ob besser zu Hause oder auswärts. Ich war eher ruhig und habe dann auch gewartet, bis es rechnerisch so weit war.

Aktuell wird in Köln natürlich auch viel über den neuen Trainer gesprochen. Welche Attribute muss ein Trainer für Sie generell mitbringen?

Ich bin Kölner, jeder der mich kennt, weiß, dass ich ein emotionaler Typ bin. Deshalb kann ich auch mit emotionalen Trainern gut umgehen. Grundsätzlich finde ich bei einem Trainer – und ich hatte schon einige Trainer, da ich fünf Jahre auf Schalke war – die Menschenführung extrem wichtig. Das ist nicht immer einfach, daher wäre das Trainerdasein für mich persönlich auch nichts (lacht).

Sie haben den Saisonbeginn verletzt verpasst, sich dann zurückgekämpft und waren ab diesem Zeitpunkt gesetzt. Wie fällt Ihre persönliche Saisonbilanz aus?

Die Verletzung war natürlich bitter, direkt im ersten Testspiel nach anderthalb Minuten. Das hatte ich mir natürlich anders vorgestellt. Aber ich glaube, für die Verletzung bin ich dank unserer Ärzte und Physios schnell zurückgekommen. Im Großen und Ganzen habe ich eine ordentliche Saison gespielt. Klar gibt es immer Sachen, die man verbessern kann, aber das Ziel war der Aufstieg. Ich sollte Leistungsträger sein, Verantwortung übernehmen. Ich glaube, das habe ich gemacht und auch geschafft. Und dass wir zwei Tage vor Saisonschluss dann den Aufstieg gepackt haben, bestätigt das ein Stück weit.

Sie haben auch viele Spiele in der Dreierkette gemacht, in Fürth dann wieder auf der „Sechs“ gespielt. Wo fühlen Sie sich wohler?

Generell war ich immer „Sechser“, fühle mich da auch immer wohler und spiele das auch am liebsten, weil ich glaube, dass ich der Mannschaft auf der Position am besten helfen kann. Auch in der Dreierkette habe ich mich wohlgefühlt. Aber wir konnten das auf dem Platz einfach nicht so gut umsetzen, wie wir uns das vorgenommen hatten.

Jetzt wurde gerade in der schwierigen Phase vor dem Fürth-Spiel oft von „Tempodefiziten in der Defensive“ gesprochen. In der Bundesliga wird man sicher nicht mehr so hoch verteidigen, wodurch dies wieder in den Hintergrund rücken könnte. Wie beurteilen Sie diese „Problematik“?

Jeder Spieler, der kein Sprinter ist, wird ja wenn es nicht läuft schnell mit „Tempodefiziten“ ausgestattet, gerade medial. Grundsätzlich wundere ich mich immer, wenn ich dann mal etwas lese, welches Profil der 1. FC Köln für die „Sechs“ oder Defensivspieler angeblich ausgibt. Wenn ein Spieler die ganzen Attribute hätte, die medial gefordert werden, würde er nicht beim FC spielen, sondern bei Real Madrid. Das Profil lautet dann: kopfballstark, zweikampfstark, schnell, torgefährlich. Da fallen mir selbst bei Bayern München keine zwei Spieler ein, die diese Anforderungen allesamt erfüllen. Daher ist so etwas auch immer ein Stück weit Wunschdenken. Wenn ein „Sechser“ torgefährlich, schnell und technisch gut ist, spielt er vorne oder auf den Außen. Da kann man dann auch noch ein bisschen mehr Geld verdienen, man sollte das alles nicht zu ernst nehmen (lacht).

Mit welchen Ambitionen gehen Sie persönlich und das Team im nächsten Jahr in die Bundesliga?

So weit habe ich bisher noch gar nicht gedacht. Klar ist, dass wir jetzt erst mal demütig in die neue Saison gehen und schauen, dass wir so schnell wie möglich unsere Punkte holen. Die Verantwortlichen werden alles daransetzen, im Sommer noch die ein oder andere Verstärkung zu holen. Wir müssen so schnell wie möglich in sicheres Fahrwasser kommen. Und dann bin ich eigentlich ganz zuversichtlich, dass wir die Klasse halten.

Im kommenden Jahr spielen sechs NRW-Klubs in der Bundesliga, das verspricht viele Derbys, zudem treffen Sie mit Schalke auf einen Ex-Klub. Auf welchen Gegner freuen Sie sich am meisten?

Auf keinen besonders, aber die Derbys sowie alle Spiele in der Nähe sind natürlich schön. Ich glaube, ein Derby in der Bundesliga gegen Düsseldorf ist noch einmal etwas Besonderes, das gab es jetzt unfassbar lange nicht. Und über Partien gegen Gladbach und Leverkusen brauchen wir gar nicht zu sprechen, das sind immer Highlights.

Und gegen welchen Gegner schießen Sie Ihr erstes Bundesligator für den FC?

Also wenn es dazu kommt, wäre es in einem der Derbys sicher nicht verkehrt.

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