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Vollgas für Manu!

Die Leukämie-Diagnose veränderte das Leben von Bezirksliga-Coach Manuel Schmidt. Doch so schlimm die Krankheit ist, so ermutigend waren die Reaktionen: Die Anteilnahme von Freunden, Weggefährten und anderen Amateurfußballern war unglaublich.
Manuel Schmidt

Manuel Schmidt, hier im Sommer 2017 nach dem Spiel seines VfL Rheingold Poll gegen den TuS Ehrenfeld, ist ein Kämpfer (Foto: Ben Horn)

Eigentlich war alles angerichtet für einen Abend, der in positiver Erinnerung bleiben sollte. Mit einem 6:3 im Heimspiel gegen den SV Frielingsdorf (4. Spieltag) hatte sich der VfL Rheingold Poll am 16. September den ersten Sieg der neuen Saison gesichert. Ein Grund für gute Stimmung beim rechtsrheinischen Bezirksligisten, der im Vereinsheim auf der Anlage entsprechend die Gläser klingen lässt.

Mit dabei: Coach Manuel Schmidt, der nach den negativen Ergebnissen der ersten Saisonwochen gegen Hürth (0:1), Lindlar (1:1) und Geyen (1:2) Erleichterung verspürt. Was zunächst noch niemand ahnte: Es sollte das vorerst letzte Mal sein, dass in Poll die sportliche Situation der ersten Mannschaft im Vordergrund stand.

Erschütternde Diagnose

Abends bekommt Schmidt Schüttelfrost, fühlt sich schlecht. Kurze Zeit später fährt er ins Krankenhaus, will sich durchchecken lassen. Zwei Tage später die Diagnose – sie ist niederschmetternd: Der 38-Jährige hat Leukämie, Blutkrebs. „Bösartig entartete Blutzellen teilen und klonen sich unkontrolliert und verdrängen andere Blutbestandteile“, lautet die Erklärung auf der Homepage der Deutschen Knochenmarkspender-Datei (DKMS).

„Wegen dieser Krebszellen kann das Blut seine lebensnotwendigen Aufgaben nicht mehr ausführen, zum Beispiel Infektionen bekämpfen, Sauerstoff transportieren oder Blutungen stoppen“, steht dort weiter. Leukämie ist eine gefährliche Krankheit, die unbehandelt zum Tod führt – alle 15 Minuten erhält ein Mensch in Deutschland die Diagnose. Die einzige Chance zu überleben: eine Stammzellenspende.

Alles in den Schatten gestellt

Die Nachricht von Schmidts Erkrankung bleibt zunächst unter Verschluss, verbreitet sich aber im Kölner Amateurfußball schon bald wie ein Lauffeuer – und lässt alle Beteiligten innehalten. „Das war eine Nachricht, die alles vermeintlich Wichtige im Leben in den Hintergrund gestellt hat“, sagt Walter Krein, Vorsitzender des VfL. 2014 war Schmidt als Trainer nach Poll gekommen, hatte vorher unter anderem Blau-Weiß Köln trainiert. Nach drei Jahren in der Kreisliga A führte er das Team 2016/17 in die Bezirksliga und schaffte 2017/18 mit 44 Punkten aus 30 Spielen den souveränen Klassenerhalt in der starken Staffel 1.

Kurzum: Schmidt hat Rheingold Poll zu einer der angesehensten Adressen im Kölner Amateurfußball gemacht. Doch es war nicht seine sportliche Kompetenz, die für all das verantwortlich war, was in den nächsten Wochen folgen sollte. Es war sein Charakter, seine Lebensfreude, seine positive Einstellung, die ihm über viele Jahre auf Kölns Amateurplätzen unheimlich viele Freunde einbrachte. Und in Schmidts schwersten Stunden wussten seine Kumpel, Kollegen und Weggefährten, was sie zu tun hatten – und zeigten eine Anteilnahme, die fast einzigartig erscheint.

#zsmmn – ein Hashtag für Manu

Es beginnt mit kleinen Gesten: Das VfL-Team bestellt sich Trainingsanzüge in Vereinsfarben. Auf dem Rücken: der Schriftzug #zsmmn. Seit der bitteren WM 2018 eigentlich ein verpönter Ausdruck, doch zur Gemütslage in Poll passt er perfekt: zusammen! Denn während der Coach in der Uniklinik dem Blutkrebs den Kampf ansagt, stellt sein Verein ein Benefiz-Event der Extraklasse auf die Beine, das Spenden generieren und zur Typisierung bei der DKMS anregen soll.

Sportlich treffen die Alten Herren des VfL auf die „Konkurrenz“ von Blau-Weiß Köln, die erste Mannschaft nimmt es später mit der Wallenborn-Elf des SV Deutz 05 auf. Viel wichtiger allerdings: Auf der Kunstrasen-Anlage „In der Gracht“ in Poll – eine der schönsten, die Köln zu bieten hat – wird gespendet und typisiert, was das Zeug hält.

#zsmmn

Eine Botschaft, die ihre Wirkung nicht verfehlt (Foto: VfL Rheingold Poll)

Auch das Rahmenprogramm, das der VfL auf die Beine stellt, stimmt: Für die große Tombola, deren Erlös an Schmidt geht, haben sogar die FC-Stars Jonas Hector und Thomas Kessler eigene Fußball- bzw. Handschuhe gespendet, Kessler stellt sich sogar für eine Autogrammstunde zur Verfügung. „Einer für alle, alle für einen“, lautet das Motto des Tages. Für musikalische Unterhaltung sorgt der kölsche Kult-Rapper Mo-Torres, der unter seinem bürgerlichen Namen Moritz Helf bei Blau-Weiß sogar unter Coach Manuel Schmidt aktiv war.

„Überwältigende Anteilnahme“

Die Folge der gelungenen Organisation: Über den Tag verteilt kommen fast 1.000 Menschen zur Anlage, viele lassen sich typisieren oder wollen der Familie Schmidt durch Spenden helfen. Auch viele Fußballteams aus der Stadt haben gesammelt, viele Vereinsvertreter übergeben das Geld stellvertretend für Spieler und Mitglieder. Der Kölner Amateurfußball sendet ein einmaliges Zeichen des Zusammenhalts. „Ich wusste, dass Manu beliebt ist. Aber diese Anteilnahme ist überwältigend“, sagt Lebensgefährtin Anja Wolf, die ebenfalls auf der Anlage ist. Schmidt selbst kann nicht vor Ort sein, wendet sich aber in einer Videobotschaft an seine „Gäste“.

„Seid mir nicht böse, dass ich heute nicht dabei sein kann. Mein Zustand lässt es nicht zu. Ich bedanke mich bei euch allen. Auch bei den vielen Vereinen“, sagt Schmidt vor einem Plakat mit der Botschaft #zsmmn, unterschrieben von allen seinen Spielern. „Ich kann nur von ganzem Herzen sagen, dass ihr mir  unheimlich viel Kraft gebt. Davon werde ich noch lange zehren.“

Erste gute Nachrichten

Typisch für den Coach: Zunächst hatte er den Verein gebeten, seinen Namen aus der Veranstaltung rauszuhalten, darum wurde zunächst ein reines DKMS-Event zur Typisierung geplant. Durch seine Krankheit so sehr im Mittelpunkt stehen, das wollte Schmidt nicht. Letztlich, womöglich auch aufgrund der überwältigenden Anteilnahme, willigt er ein.

Doch nicht nur beim Event selbst erfährt Schmidt viel Menschlichkeit, auch weit darüber hinaus: Auf dem lokalen Amateurfußball-Portal „Pass Schuss Tor“ erreichen den Coach unzählige Videos, auch von außerhalb Kölns, in denen Spieler, Trainer und Vereinsverantwortliche dem Erkrankten Mut zusprechen und Kraft geben. Und was alle erhoffen, wird schon bald Wirklichkeit – es gibt gute Nachrichten! Solche, die noch keine Rettung versprechen, aber immerhin Mut machen.

Die anstrengende Chemotherapie verläuft nach Plan, am 9. November wird Schmidt auf die Isolierstation verlegt. Denn: Es gibt passende Knochenmark-Spender! Gleich drei „genetische Zwillinge“ wurden gefunden, alle drei sind zu einer Spende bereit. Am 23. November findet die Transplantation statt. Das Ziel: Die Stammzellen nisten sich in den Knochenhohlräumen des Patienten ein und beginnen dort, neue, gesunde Blutzellen zu bilden. Ein erfolgreicher Verlauf würde die Heilung bedeuten, das ist allerdings nicht gesichert.

Was kommt, steht in den Sternen

Zwischen 100 und 200 Tage warten Ärzte im Normalfall, dann wird der Zustand des Patienten neu evaluiert. Solange müssen sich Schmidt und alle die, die ihn unterstützen, gedulden und auf weitere positive Nachrichten hoffen.

Was danach kommt, steht in den Sternen. Schmidt hat sich zum Ziel gesetzt, wieder als Trainer zu arbeiten, natürlich in Poll. Auch der Verein hat mit Neu-Coach Peter Mauss (bis Sommer 2018 beim FC Pesch) zunächst nur eine Vereinbarung bis Saisonende getroffen. Doch ob der Vater von VfL-Spieler Marius Mauss auch darüber hinaus noch gebraucht wird, kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand sagen. Nur das Vorbereitungsspiel im Sommer 2019 gegen den Regionalligisten FC Viktoria Köln steht bereits fest. Viktorias Vizepräsident Franz Wunderlich hatte das dem befreundeten Klub von der „Schäl Sick“ angeboten, die Einnahmen sollen ebenfalls Schmidts Familie zu Gute kommen.

Es könnte eine ordentliche Summe zusammenkommen – nicht nur, wenn die Viktoria als frischgebackener Drittligist nach Poll kommen sollte. Kein Zweifel: Es gibt wahrlich wichtigere Fragen als die, wann Manuel Schmidt wieder als Coach an der Seitenlinie steht. Oder in welcher Liga Viktoria Köln 2019/20 spielt. Zunächst einmal steht Schmidts Genesung im Vordergrund. Wie viele Menschen dafür die Daumen drücken, haben die letzten Monate gezeigt – auf beeindruckende Art und Weise.

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