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Die lange Reise des Dominick Drexler

Mit 29 Jahren das erste Mal Bundesliga – beim Effzeh, seinem Herzensverein. Dominick Drexlers Karriere gleicht einer Achterbahnfahrt, doch nach einem Jahrzehnt ist der Spätstarter nun schließlich da, wo er hingehört. Und bereit, anzugreifen!
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Dominick Drexler verwirklicht mit dem 1. FC Köln in der kommenden Saison seinen Bundesliga-Traum. (Foto: imago images/Deutzmann)

„Du hast kein Zweitliga-Niveau! Diese Botschaft ist eindeutig. Und trifft Dominick Drexler bis ins Mark. Gerade einmal 369 Spielminuten stehen nach einer mehr als enttäuschenden Zweitliga-Saison bei Greuther Fürth für ihn zu Buche, nun ist das Kapitel bereits beendet. Es sollte der große Schritt werden. Der Schritt, von dem jeder Profi träumt, der Schritt zum Bundesligaspieler. Doch im Sommer 2014, nach einem Horrorjahr bei den „Kleeblättern“, scheint der Traum geplatzt. Den Namen Dominick Drexler hat kein Verein der höchsten deutschen Spielklasse auf dem Zettel. Oder besser: nicht mehr.

Saison 2008/09: Die U19 von Bayer 04 Leverkusen sorgt für Furore. Kevin Kampl, Christoph Kramer und ein gewisser Dominick Drexler führen die Werkself bis ins Finale der deutschen U19-Meisterschaft. Kein Wunder, dass Jupp Heynckes, zu diesem Zeitpunkt Trainer der Bundesliga-Profis von Bayer 04, die besten Talente für die kommende Saison in den Profi-Kader beruft. Der Traum vom Bundesliga-Einsatz scheint zum Greifen nahe, doch es bleibt beim Traum. Während andere Youngster wie Pierre-Michel Lasogga oder Thanos Petsos Spielminuten bekommen, schaut Drexler in die Röhre. Nur zwei Mal gehört der offensive Mittelfeldspieler dem Kader an, ein Einsatz ist ihm nicht vergönnt. „Da war ich schon etwas enttäuscht, weil ein paar andere Jungs erste Bundesliga-Erfahrung sammeln durften“, sagt „Dome“ in der Retrospektive.

Aufgrund mangelnder Aussichten auf viel Spielzeit in einer Mannschaft, gespickt mit Stars wie Toni Kroos und Renato Augusto, wechselt der damals 20-Jährige nach Erfurt. Drei lange Jahre kickt Drexler in der Dritten Liga, ein schneller Aufstieg bleibt verwehrt. Auch weil sein Arbeitgeber nicht mitspielt. Bereits im Sommer 2012 meldet sich Mike Büskens bei Dominick. Der Trainer der Kleeblätter will den Spielmacher nach Fürth lotsen – in die Bundesliga! Doch auch die zweite Chance in Deutschlands höchster Spielklasse aufzulaufen, scheitert jäh. Erfurt lässt seinen Top-Spieler nicht ziehen.

Schritt in die zweite Liga

Ein Jahr später wechselt der gebürtige Bonner dann schließlich doch zur Spielvereinigung. Die Vorzeichen allerdings haben sich verändert. Fürth ist abgestiegen, statt Büskens sitzt dort nun Frank Kramer auf der Trainerbank. „Ich hatte verschiedene Angebote aus der Zweiten Liga vorliegen. Fürth hatte als Absteiger sicher die größte Qualität und sie hatten sich schon im Jahr zuvor um mich bemüht. Durch den Trainerwechsel hatte sich aber einiges geändert“, erinnert sich Dominick Drexler. „Und wenn ich mich heute an die Gespräche zurückerinnere, muss ich sagen, dass sie nicht gut waren. Da hatte ich andere Gespräche mit Bielefeld, Bochum oder Paderborn, die viel besser liefen. Aber ich wollte von vornherein zu Fürth, die damals einen sehr guten Ruf genossen.“ Ein Jahr später wird er vom Hof gejagt. Es heißt, er habe kein Zweitliga-Niveau.

Statt bei den Franken die Karriereleiter hochzuklettern, nimmt Drexlers Laufbahn nach nur neun Liga-Einsätzen und dem Ende in Fürth einen Knick.

Drexler

Während der abgelaufenen Saison gehörte Drexler konstant zu den besten Kölnern. (Foto: Facebook)

„Im Fußballgeschäft hatte ich dann einen Stempel auf der Stirn“, sagt „Dome“. Das Label, höheren Ansprüchen nicht zu genügen, haftet ihm fortan an. Der „Zehner“ heuert beim VfR Aalen an, wird von dem dortigen Trainer Stefan Ruthenbeck zur festen Säule im Team erklärt. Das Vertrauen des Trainers zu spüren, spornt Drexler an, doch die Saison 2014/15 endet ebenfalls in einem Desaster. Aalen steigt als Tabellenletzter in die 3. Liga ab, Drexler ist statt in der obersten Profiliga wieder in der untersten angekommen.

„Ich hatte in diesem Jahr nicht viele Scorerpunkte und so hat mich das Geschäft gewissermaßen ein bisschen aufgefressen. Da war ich dann also wieder in der 3. Liga, musste bei null anfangen und beweisen, dass ich eigentlich besser bin“, erinnert sich Drexler an den Sommer 2015. Gerade einmal vier Jahre ist das her.

Coming-Out-Party bei holstein Kiel

Die Rückschläge spornen Dominick Drexler an, noch härter an sich zu arbeiten, noch mehr zu investieren als ohnehin schon. 2015/16 sammelt er in Aalen 16 Scorerpunkte, unterschreibt anschließend einen Vertrag beim Drittligisten Holstein Kiel. Im hohen Norden passt es auf Anhieb, Drexler ist im offensiven Mittelfeld gesetzt und sorgt für Angst und Schrecken vor dem gegnerischen Tor. Anders als in Aalen stimmt auch der Mannschaftserfolg, und so schafft Dome ohne einen erneuten Vereinswechsel den Sprung zurück in die 2. Bundesliga.

Die Erfolgsgeschichte ist aber noch längst nicht vorbei. Kiel rockt die Zweite Liga! Und Drexler – mit 27 in der Form seines Lebens – gleich mit. Warum es plötzlich Klick machte? „Zum einen hat mir Markus Anfang von Beginn klar gemacht, dass er von meinen Fähigkeiten überzeugt ist und voll auf mich setzt. Es ist unfassbar wichtig, dass man Selbstvertrauen hat. Das kann Berge versetzen“, sagt Drexler. „Zum anderen hatte ich dort sehr viele Spieler um mich herum, die so Fußball spielen wie ich. Das kann man als Außenstehender vielleicht nur schwer verstehen, aber blindes Verständnis ist unbezahlbar.“ Mit Marvin Duksch, Steven Lewerenz, Kingsley Schindler und Alexander Mühling spielt sich die komplette Offensive in einen Rausch. Jeder Laufweg, jeder Pass sitzt. Holstein Kiel macht Spaß – das bemerkt bald nicht nur jeder Fußball-Fan in Deutschland, sondern auch die europäischen Scouts. So finden auch Vertreter des zweieinhalb Autostunden entfernten FC Midtjylland den Weg ins Holstein-Stadion. Im stillen Kämmerlein verhandelt der dänische Erstligist mit seinem Wunschspieler. Bereits früh in der Rückrunde ist der Deal in trockenen Tüchern. Publik wird das allerdings Monate später, im Frühsommer 2018. Und die Turbulenzen beginnen …

Okay, dann kommst du zu mir!

„In diesem Sommer hat mich das Geschäft von links auf rechts gedreht. Ich hatte sehr früh in der Rückrunde den Vertrag beim FC Midtjylland unterschrieben und den Verein in Kenntnis gesetzt“, berichtet Drexler. „Aber: Ich wollte keine Unrunde in die Mannschaft bringen, keine Kettenreaktion an Abgängen auslösen. Deswegen habe ich dafür gesorgt, dass nur der Manager und der Trainer von dem Wechsel erfuhren.“ Er weiht nicht mal die engsten Freunde in der Mannschaft ein, der Wechsel soll nicht frühzeitig publik werden, auch um negative Stimmung bei den Fans zu vermeiden. „Wir alle wussten ja, was möglich ist in der Rückrunde. Da wollte ich Störfeuer vermeiden.“

Drexlers Ansatz ist aller Ehren wert, holt ihn aber drei Monate später ein. Die Saison ist vorbei, der Edeltechniker hat eine überragende Rückrunde gespielt und ist mit Kiel nur knapp in der Aufstiegsrelegation gescheitert. Markus Anfang hat in der Zwischenzeit seinen Abschied Richtung Köln bekannt gegeben. Keiner nimmt Drexler ab, dass sein Abgang bereits vor vielen Monaten beschlossen war. Hinzu kommt, dass durch die Geheimhaltung des Transfers nach Dänemark einige Bundesligavereine – im Glauben, der Offensivspieler sei noch zu haben – Angebote eingereicht hatten.

„Damit haben wir uns zunächst aber gar nicht beschäftigt. Ich hatte einen Vertrag bei Midtjylland unterschrieben und war auch komplett zufrieden damit. Dann hat Markus Anfang das erste Mal aus Spaß gesagt: ‚Schade, Dome. Vielleicht hätte ich dich mitgenommen.‘ Als dann Angebote kamen, fingen wir an, uns so langsam Gedanken zu machen“, erzählt Drexler, was in den Wochen nach Saisonende passierte. Mainz 05 ist bereit, die Ablöse zu zahlen, und stellt dem torgefährlichen Schlaks eine gute Rolle in Aussicht. Nun also doch Bundesliga? Mit 28 Jahren? Die Verhandlungen laufen, als plötzlich etwas Unerwartetes passiert.

„Wir haben uns mit Midtjylland darauf geeinigt, einen Wechsel möglich zu machen. Dass es einen Kontakt mit dem FSV gibt, stand dann auf einmal in Mainz in der Zeitung. Ich weiß bis heute nicht, wie das rauskam. Kurz darauf rief mich Markus an, fragte: ‚Stimmt das?‘ – ,Ja, die Situation hat sich geändert‘, habe ich geantwortet. Er daraufhin: ‚Okay, dann kommst du nach Köln.‘ Eine Woche später war der Transfer fix“, erzählt Drexler, wie sein turbulenter Sommer mit der Unterschrift beim Herzensverein endete. Einziger Wermutstropfen: Auf sein Bundesligadebüt muss er weiterhin warten.

Kritiker verstummen

Am Geißbockheim empfangen Dome nicht alle mit offenen Armen. 4,5 Millionen für einen 28-Jährigen ohne Bundesligaerfahrung – Kritiker sehen in Kölns Nummer 24 nicht mehr als den Wunschspieler des Trainers, der den Ansprüchen eines Klubs wie dem 1. FC Köln kaum genügt. Doch der Neuzugang lässt sich davon nicht verrückt machen. Ironischerweise kommt dem Spätstarter gerade sein fortgeschrittenes Alter in dieser Situation zugute. „Sicher war es ein Vorteil, dass ich nicht mehr 20, sondern schon 28 Jahre alt war. Ich konnte das alles richtig einordnen und hab nicht auf einmal angefangen, irgendwelche verrückten Sachen zu machen, um irgendetwas beweisen zu müssen.“

Höhen und Tiefen prägen seine Debütsaison im FC-Trikot, die Nebenschauplätze rund um das Geißbockheim sind Neuland für Drexler. Doch mit jedem Spiel verstummen seine Kritiker mehr und mehr, denn der variabel einsetzbare Mittelfeldspieler überzeugt mit konstant guten Leistungen, vielen Toren und noch mehr Vorlagen. Während der langen Saison muss sich der Dauerbrenner ab und an selbst mal kneifen: „Ich habe tatsächlich mehrfach in der Saison darüber nachgedacht, in welchem Stadion ich jetzt in Dänemark spielen und wo ich gerade auflaufe würde.“

Drexler läuft im RheinEnergieStadion auf, dem Fußball-Tempel, in dem er bereits als Kind die Heimspiele seines Lieblingsklubs verfolgt hat. Und dem Ort, an dem er am 12. Mai 2019 die Zweitliga-Schale in den Himmel reckt. Es ist das vorläufige Ende eines langen Weges. Denn der Fußballer Dominick Drexler ist nun fast am Ziel.

Happy End – mit 29!

Bundesligadebüt mit 29 Jahren. So wird es kommen, sollte nichts Außergewöhnliches mehr dazwischen kommen. „Ich bin sehr dankbar und unheimlich froh darüber, wie die vergangenen zwölf Monate gelaufen sind“, erzählt Drexler, den das Jahr gleichzeitig extrem viel Kraft gekostet hat. Dass es so lange gedauert hat, bis er endlich in der Bundesliga ankommt, hätte er viele Jahre zuvor nicht für möglich gehalten. „Hätte mir damals bei Bayer 04 Leverkusen jemand gesagt, dass ich zehn Profisaisons brauche, um dann wahrscheinlich mein erstes Bundesligaspiel zu machen, hätte ich tief durchgeatmet und gedacht: ‚Das ist aber ein langer Weg‘. Aber jetzt finde ich ihn schön. Natürlich hätte ich gerne mit 20 Jahren schon Champions League gespielt, das will jeder. Aber ich finde es viel schöner, jetzt mit 29 am Zenit zu sein als mit 20 – und dann eine absteigende Karriere zu haben“, sagt Dome. So beispielsweise erging es Taner Yalcin, der in Drexlers Jahrgang stets als hochveranlagter Spielmacher gesehen wurde. Früh zu Bundesligaruhm gekommen, kickt das einstige Ausnahmetalent nun in der dritten türkischen Liga.

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Dominick Drexler ist im FC-Mittelfeld gesetzt – und will in der Bundesliga noch zulegen. (Foto: imago images/Eduard Bopp)

Bei Dominick Drexler festigt sich der Eindruck, dass er von Jahr zu Jahr stärker wird. „Ich kenne meinen Körper, weiß, wie alles funktioniert. Ich genieße die Zeit total. Es war ein langer Weg und ich bin froh, dass ich es jetzt geschafft habe.“ Der Ex-Kieler will mit nun mit Köln in der 1. Liga angreifen. Dass der Effzeh dort nicht immer gefordert ist, das Spiel zu machen, und sich dadurch offensiv mehr Räume ergeben, dürfte ihm entgegenkommen.

In der Domstadt ist Dome angekommen, in der Bundesliga und bei seinem Herzensverein. „Es ist schön, so nah an der Familie zu sein. Mein Zwillingsbruder und meine Eltern wohnen in Bonn, meine Schwester in Köln. Besser kann es nicht laufen für den Moment. Der Weg, wie ich zum Effzeh und jetzt in die Bundesliga gekommen bin, das ist schon Wahnsinn. Vor zwei Jahren habe ich bei einem Aufsteiger in der Zweiten Liga gespielt, während der FC in die Europa League eingezogen ist … Hier ist es unheimlich schön und ich fühle mich richtig wohl.“

Dominick Drexler ist angekommen. Anno 2019 zweifelt niemand mehr daran, dass er „Zweitliga-Niveau“ besitzt. Und davon, dass er mit seinen Toren und Assists auch die Bundesliga aufmischt, ist man in Köln felsenfest überzeugt.

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