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Zusammenhalt auf Kölsch

Quelle: IMAGO

Der SC Mülltonn hat sein Domizil auf den Stehplätzen

Sie nennen sich „Eagles”, „Schäng Gäng” oder „SC Mülltonn” und unterstützen den SC Fortuna seit Jahr und Tag. Beim Lokalduell gegen die Zweite des FC Mitte April hat Köln.Sport im Südstadion den Stimmungs-Check gemacht.

Es ist Derbyzeit in Köln-Zollstock. Man merkt es nur nicht. Rivalität sucht man rund ums Südstadion praktsich vergebens. Für beide Teams geht es vor 1.981 Zuschauern, davon etwa zwei Drittel Fortuna-Fans, in der vierthöchsten Spielklasse Deutschlands allenfalls noch um die Kölner Stadtmeisterschaft – der Aufstieg ist trotz einer guten Saison für beide Klubs keine Option mehr.

Es geht sogar fast harmonisch zu: Am nahe gelegenen Kiosk finden sich bereits weit vor dem Spiel Anhänger beider Lager ein, um vor dem Stadionbesuch bei einem Kölsch ein Verzällche zu halten. Vor allem über die guten alten Zeiten. Mit einem Glänzen in den Augen erzählt Adrian, Vollblut-Fortune mit Vereinstrainingsjacke, von den Zweitliga-Derbys, als die kleine Fortuna dem großen 1. FC Köln mehrmals ein Bein stellen konnte. „Ich habe nichts gegen den FC“, meint Adrian, „aber die drei Siege damals waren wohl das Größte für mich als Fortuna-Fan.“

Alte Schule
Bessere Zeiten hat auch schon das altehrwürdige Südstadion gesehen. Das Rot der Sitzschalen auf der prall gefüllten Haupttribüne ist verblasst, auch der verbaute Beton musste den Wetterbedingungen Tribut zollen. Aus den ­altersschwachen Boxen scheppern „kölsche Tön“. Oder aber die Stimme des Stadionsprechers, der über die Trikotverlosung zugunsten der Jugendabteilung informiert. Und doch hat es seinen Charme: Hier trifft man noch richtige Kölner Originale. Sei es Fortuna-Präsident Klaus Ulonska, der seine übliche Runde mit dem Spendenball dreht, oder der „Senior Theo“, dessen Sprüche auch auf Kreisligaplätzen im Kölner ­Süden geliebt und gefürchtet sind.

An einem Pfeiler prangt ein Sticker mit der Aufschrift „Keine Logen, keine Cheerleader – nur Fußball“. „Genau deswegen bin ich häufiger hier“, erklärt mir „Uzi“, eine treue Fortuna-Seele. „Im Südstadion steht der Fußball noch im Vordergrund. Das ist noch alte Schule.“

 Als „Old School“ dürfen sicherlich auch die „Fortuna Eagles Supporters“ bezeichnet werden. Seit über 25 Jahren unterstützt die derzeit 40 Mitglieder umfassende Gruppe ihre Fortuna. Mit ihrer Gründung im Jahr 1986 gelten die „Eagles“ als älteste Ultra-Gruppierung Deutschlands (siehe Kasten). Mit dem „SC Mülltonn“ und der „Schäng Gäng“ bildet sie das Rückgrat der Fortuna-Fanszene. „Die Atmosphäre bei uns ist eher als familiär zu bezeichnen“, klärt mich Eagles-Vorsänger Timo auf, „wir legen innerhalb unserer Gruppe sehr viel Wert auf die Gemeinschaft.“ Der 18-Jährige, der zur Fortuna geht, seit er denken kann, steht mit Megaphon auf der Tribüne und versucht, etwas Stimmung in den ­Regionalliga-Alltag zu bringen. „Durch die Aufstiege ist ein gewisser Aufschwung zu spüren“, sagt Timo.

Derzeit kommen im Schnitt 991 Zuschauer ins Südstadion, um den Traditionsklub spielen zu sehen. In den seligen Zweitliga-Zeiten waren es gut drei bis fünf Mal so viele. Heute ist die Haupttribüne allerdings – auch aufgrund des für den FC-Anhang machbaren Termins – sehr gut gefüllt. Zu gut aus Sicht von ­Polizei und Ordnerschaft. Der Zugang zu den Sitzplätzen wird, sehr zum Unmut der wartenden Anhänger, ­zunächst versperrt. Selbst für die ­ehrenamtlich tätigen Losverkäufer aus der ­Jugend ist zunächst kein Durchkommen. Dennoch: Der Nachmittag verläuft vollkommen entspannt. Auch, weil sich die Fangruppierungen beider Lager wohlgesonnen gegenüber stehen. „Die haben ein Spruchband für uns gemalt, das sind gute Jungs“, ruft mir ein in der FC-Fanszene bekannter Ultra mit nach oben gerecktem Daumen zu – auch Eagles-Capo Timo strahlt dabei. „Wir haben innerhalb der Gruppe eine große Akzeptanz gegenüber dem FC, einige sind ­sogar auch ,richtige‘ FC-Fans“, verdeutlicht der Fortune mit dem Megaphon: „Wir Kölsche müssen doch zusammenhalten.“

Rivalität nur mit Viktoria
Das wird während des Spiels mehr als deutlich. Nicht nur, dass sich die Teams wie bereits im Hinspiel (0:0) schiedlich-friedlich mit einem 1:1 begnügen, auch auf den Rängen spielen sich echte Verbrüderungsszenen ab. Bereits zu Beginn hatten die Eagles einen Banner hochgehalten, der den Zusammenhalt unter den zwei kölschen Clubs ausdrückte. Getoppt wird dies durch eine Aktion Mitte der zweiten Halbzeit: Unter dem Applaus des FC-Anhangs wird ein Plakat mit der Aufschrift „Pro WH & Pro Pyro“ präsentiert, das sich auf den Ausschluss der FC-Ultragruppierung „Wilde Horde 1996″ und den Wunsch nach einer Legalisierung von Pyrotechnik bezieht. Schon vor dem Anpfiff hatten die Fans beider Lager eine Derbyparty mit kölschen Klassikern gefeiert. Szenen wie beim Wiedersehen mit einem alten Kumpel – und nicht wie beim Aufeinandertreffen zweier Lokalrivalen, die sich vor etwas mehr als zehn Jahren noch alles andere als grün waren.

 „Vergeben und vergessen“, lautet der Tenor auf beiden Seiten, man solle die Vergangenheit doch ruhen lassen. Auf die Zukunft freut man sich bei der Fortuna dagegen: Nach Ende der Saison soll das marode Südstadion für knapp 1,5 Millionen Euro modernisiert werden, um es für den

Profifußball tauglich zu machen. Und mit der Viktoria wird in der kommenden Spielzeit ein weiterer kölscher Kontrahent in der Regionalliga mitmischen. „Das ist echte, gelebte Rivalität“, erklärt Timo mit leicht abschätzigem Ton. „Wir belächeln die nur!“ Das klingt zumindest schon mehr nach einem echten Derby.

(Erschienen in Köln.Sport #5/2012)