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„Wir haben uns alles kaputt gemacht“

Quelle: IMAGO

Traurig über eine verkorkste Saison: Viktoria-Kapitän Mike Wunderlich.

Mike Wunderlich äußert sich im Köln.Sport-Interview der aktuellen Ausgabe zu der gescheiterten Saison, seiner Zukunft und dem baldigen Derby gegen Fortuna.

Herr Wunderlich, wie sehr haben Sie die letzten Wochen gefrustet?
Wunderlich: Das ist schon unheimlich bitter, wie es gelaufen ist. Wir haben uns durch die vier Auswärtsspiele in Duisburg, Oberhausen, Bochum und Schalke alles kaputt gemacht. Das braucht man nicht wegzudiskutieren. Wir haben elf Punkte Rückstand auf die Tabellenspitze. Wenn wir zwei dieser vier Spiele gewonnen hätte, wären es fünf Punkte und es wäre zumindest noch alles möglich. Das Spiel in Lotte hat gezeigt, dass es nur an uns liegt. Wenn wir alles abrufen, dann sind wir die stärkste Mannschaft der Liga. Deshalb haben wir es auch nur uns zuzuschreiben, dass es nicht funktioniert hat.

Warum ist es gerade auswärts so schlecht gelaufen?
Wunderlich: Das kann ich mir auch nicht erklären. Nach dem Spiel gegen Oberhausen haben alle gedacht: Okay, ein Spiel verloren, das kann passieren. Zwar nicht mit der Art und Weise, wie wir da aufgetreten sind, aber grundsätzlich. Die Partien gegen Duisburg und Bochum waren natürlich Katastrophen, so hoch gegen Mannschaften aus dem Tabellenkeller zu verlieren. Aber gerade die Partie gegen Schalke war dann eine richtige Ohrfeige. Das war mit das schlechteste Spiel in dieser Saison. Und das in einer Partie, mit der man noch einmal oben hätte angreifen können. Diese Spiele müssen wir einfach gewinnen. Aber erklären kann sich das keiner so recht. Wenn wir annähernd das auf den Platz bringen würden, was im Training abgeht, dann hätten wir jetzt elf Punkte Vorsprung, nicht elf Punkte Rückstand.

Warum war der Auftritt beim 0:0 in Lotte dann so viel besser?
Wunderlich: In der 25. Minute sind wir durch den Platzverweis von Savio Nsereko geschwächt worden. Ich glaube, das hat der Mannschaft aber noch einmal einen Ruck gegeben. Wir waren von Anfang an da, Lotte hatte trotz unserer Schwächephase gehörigen Respekt, das hat man deutlich gemerkt. Normalerweise muss man das Spiel definitiv gewinnen, wir waren auch mit zehn Mann die deutlich bessere Mannschaft. Gerade in der zweiten Halbzeit hatten wir die deutlich besseren Torchancen, Lotte hatte gar keine Torchance. Aber mit dem 0:0 müssen wir dann leben.

Was nehmen Sie aus dieser Saison mit?
Wunderlich: Gerade nach der Winterpause, in der wir personell nochmal nachgelegt haben, war es klar, dass wir unbedingt hoch wollen. Wir waren nach dem 6:1 gegen Kray Tabellenführer und hatten noch ein Spiel in der Hinterhand, da lief alles in die richtige Richtung. Aber die Niederlagen haben uns kaputt gemacht. Das ist eine Riesenenttäuschung, wie die letzten Wochen abgelaufen sind. Wenn wir am Ende Fünfter werden, dann ist das natürlich nicht zufriedenstellend.

Haben Sie sich während der Saison mit diesem Szenario beschäftigt?
Wunderlich: Ja, man beschäftigt sich natürlich mit Dingen, die besser hätten laufen können oder in Zukunft besser laufen sollen. Ich denke, dass die Verantwortlichen die richtigen Schlüsse daraus gezogen haben. Wir haben innerhalb der Mannschaft viel gesprochen, das haben die Verantwortlichen natürlich auch gemacht. Sie werden aus ihren Fehlern gelernt haben, wir als Mannschaft müssen aus unseren lernen. Und dann gilt es, es zusammen nächstes Jahr besser zu machen.

Gab es Fehler im Konzept?
Wunderlich: Ich mache das nicht daran fest. Das hätte auch funktionieren können. Wir haben es letztlich als Mannschaft verbockt, kein anderer. Das muss man auch ganz klar so sagen. Kein Ingo Haselbach, kein Franz-Josef Wernze oder mein Vater, sondern wir als Mannschaft sind am Wochenende auf dem Platz. Und wir haben es nicht geschafft. Mit unserem Kader muss man aufsteigen, daran besteht kein Zweifel. Das ist uns nicht gelungen, aber ich bin sicher, dass es nächstes Jahr besser wird.

Das Thema Disziplin war in den letzten Wochen ein großes. Sind Sie persönlich enttäuscht von anderen Spielern?
Wunderlich: Ich glaube schon, dass jeder Einzelne von uns unbedingt aufsteigen wollte. Das war nicht das Problem. Aber beim Thema Rote Karten muss ich folgendes sagen. Wenn ich sehe, welche Arroganz die Schiedsrichter uns teilweise entgegenbringen, das ist schon Wahnsinn. Ich habe, wie auch Albert (Streit, d. Red.) gesagt hat, das Gefühl, dass viele Schiedsrichter bei uns nur darauf warten, rote Karten zeigen zu können. Für das Foul von Cataldo Cozza gegen Wiedenbrück in der Nachspielzeit Rot zu geben, war eine absolute Frechheit, genau das gleiche beim Platzverweis von Aziz Bouhaddouz in Bochum. Der Schiedsrichter hat sich das Foul bei der Verhandlung zehnmal angeschaut und beim zehnten Mal immer noch sagt, dass es eine Rote Karte war. Da fehlen mir die Worte. Bei uns wird gar nicht gezögert, die Rote Karte zu ziehen. In vier von fünf Situationen wäre bei anderen Mannschaften Gelb gezeigt worden. Aber mit der Situation müssen wir umgehen. Viktoria Köln ist – offenbar auch bei den Schiedsrichtern – nicht besonders beliebt. Das war schon sehr auffällig. Deshalb kann ich da nicht von Disziplinlosigkeit reden.

Was ist im Kabinentrakt in Bochum mit Albert Streit passiert?
Wunderlich: Ich weiß, dass Albert nichts gemacht hat, was zu einer Roten Karte führen darf. Ich war noch auf dem Platz und habe mit dem Coach gesprochen. Aber sechs Spieler von uns haben daneben gestanden und einhellig gesagt, dass niemand geschlagen hat oder ähnliches. Selbst die Bochumer Spieler haben nicht sagen können, was vorgefallen ist und was Albert überhaupt gemacht haben soll. Da gab es eine Auseinandersetzung, man hat sich beschimpft und ein bisschen hin- und her geschubst, aber von beiden Seiten. Und dann nur unseren Spieler zu bestrafen, ist ungerecht. Und dann auch noch vier Monate, das ist schon heftig.

Werden Sie auch 2013/2014 das Trikot von Viktoria Köln tragen?
Wunderlich: Ich gehe – Stand heute – davon aus, dass ich auch im nächsten Jahr hier im Sportpark Höhenberg spielen werde. Was jetzt in den nächsten Wochen passieren wird, das kann ich nicht sagen, weil mein Vertrag im Sommer ausläuft. Ich habe mit Franz-Josef Wernze die Absprache getroffen, dass er mir nicht böse sein wird, wenn ich nochmal den Schritt in eine höhere Liga versuchen möchte. Auf der anderen Seite kann ich aber hier Fußball spielen, so lange ich möchte. Die Saison nagt natürlich auch an mir. Trotzdem heißt der aktuelle Stand: Ich bleibe. Aber im Fußball passieren Dinge sehr schnell. Es gibt Anfragen aus der 2. und 3. Liga, auch aus dem Ausland, alles Weitere wird sich zeigen.

Gibt es von Ihrer Seite Forderungen, was hier bei Viktoria passieren muss, wenn Sie bleiben?
Wunderlich: Nein. Wir haben eine gute Truppe. Die Mannschaft wird sich auch für die nächste Saison wieder verstärken. Dann werden wir eine Truppe haben, die wieder um den Aufstieg spielt. Da bin ich mir sicher, deshalb vertraue ich den Verantwortlichen. Von Vereinsseite wird alles für den Erfolg getan. Daran wird es auch im nächsten Jahr nicht scheitern.

Fühlen Sie sich nach Ihrer Krankheit nun wieder bereit, in einer höheren Liga und weiter weg von Köln Profifußball zu spielen?
Wunderlich: Ja, ich fühle mich wieder sehr gut. Der Schritt damals nach einem halben Jahr Pause war einfach wieder zu früh, da habe ich die Situation unterschätzt. Aber jetzt sind zwei Jahre vergangen. Das Thema ist für mich momentan abgehakt, weil ich keinerlei Probleme mehr habe. Aber wirklich beantworten kann man das nur, wenn man den Schritt wirklich nochmal macht und schaut, ob es klappt. Dafür fühle ich mich bereit. Ob ich es dann mache, weiß ich noch nicht.

Dass Sie engen Kontakt zu ihrem Vater haben, ist bekannt. Auch Franz-Josef Wernze sind Sie eng verbunden, seit er Sie im Sommer 2012 aus dem Vertrag in Frankfurt gekauft hat. Spielt das eine Rolle bei der Entscheidungsfindung?
Wunderlich: Dankbar werde ich den beiden mein Leben lang sein. Weil es im Sommer eine sehr schwierige Situation war. Es ist ungewöhnlich, in der Regionalliga Ablöse zu zahlen, das weiß ich. Deshalb habe ich in diesem Jahr versucht, diese Geste Herrn Wernze mit Leistung zurückzuzahlen. Am liebsten natürlich mit dem Aufstieg, aber das wird nicht mehr funktionieren. Aber natürlich spielt das eine Rolle, wenn ich mir überlege, was in Zukunft passiert. Ich bin auch nicht der Typ, der automatisch abhaut und zu einem Verein wechselt, bei dem es gut läuft. Im Gegenteil. Deshalb gehe ich davon aus, dass ich auch nächstes Jahr hier spielen werde. Da müsste schon noch etwas besonderes passieren, damit ich den Verein verlassen würde. Also, zu 99 Prozent werde ich bei Viktoria bleiben und versuchen, den Weg hier weiter mitzugehen.

Wie wichtig ist der Mannschaft das zweite Derby gegen Fortuna Köln noch?
Wunderlich: Das ist natürlich ein besonderes Spiel. Leider habe ich durch meine Verletzung das Hinspiel verpasst, das war war sehr schade. Die Spiele gegen Fortuna sind immer schöne Duelle, für solche Partien spielt man Fußball. In der Hinrunde haben wir das Derby hochverdient verloren. Für Fortuna wird es bis zum Schluss darum gehen, aufzusteigen. Aber da jetzt von der großen Revanche zu sprechen, halte ich für überzogen. Natürlich wollen wir das Spiel gewinnen, aber ich bin nicht der Freund davon, so etwas groß anzukündigen.

Für die Stadt Köln ist es natürlich ein tolles Duell.
Wunderlich: Ja, absolut. Ich habe schon öfter betont, dass man als Kölner stolz darauf sein kann, zwei Vereine zu haben, die beide in der Regionalliga eine gute Rolle spielen. Fortuna ist derzeit deutlich vor uns. Das ist sicherlich auch verdient. Aber dieses Spiel wollen wir gewinnen, das ist ja ganz klar.

Wäre ein Aufstieg der Fortuna die „Krönung“ einer letztlich verkorksten Saison für Viktoria?
Wunderlich: Ich persönlich kann nicht sagen, dass es mich besonders ärgern würde, wenn Fortuna aufsteigt. Wenn wir es nicht schaffen, ist es mir auch egal, ob es Lotte oder Fortuna oder wer auch immer schafft. Ich vertrete nicht die Einstellung, dass Fortuna auf gar keinen Fall aufsteigen darf. Wenn sie es schaffen, haben sie es verdient.

Haben Sie bei der Fortuna viele Freunde?
Wunderlich: Ja, deshalb würde ich es der Mannschaft auch gönnen. Mit Silvio Pagano, Sebastian Zinke, Lukas Nottbeck und Thomas Kraus habe ich zusammen beim FC gespielt, wir haben immer noch sehr guten Kontakt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sie bei Fortuna spielen und ich bei Viktoria. Vielleicht wäre für den einen oder anderen in unserem Verein die Saison noch schlimmer, wenn Fortuna aufsteigt. Aber bei mir persönlich ist das nicht der Fall.

Halten Sie vor dem Spiel den Kontakt? Schreiben Sie eine SMS: „Silvio, ich tunnel dich direkt vor der Haupttribüne“?
Wunderlich: Wir sind ständig in Kontakt, natürlich auch vor den Spielen. Wie das im Fußball so ist, werden dem anderen dann auch ein paar Sprüche gedrückt. Aufgrund meines Ausfalls im Hinspiel freue ich mich nun natürlich ganz besonders auf die Partie und hoffe, dass auch „Pino“ bis dahin wieder fit ist. Aber kleine Scherze und Sticheleien gehören dazu, ganz klar. Aber auf dem Platz wollen wir das Spiel gewinnen, auch wenn viele Freunde in der anderen Mannschaft stehen. Ich habe nach dem Hinspiel sportlich fair zum verdienten Sieg gratuliert, das würden die Fortuna-Jungs umgekehrt genauso machen.

Würden Sie sich trotzdem freuen, wenn es die Stadtderbys auch in der kommenden Saison geben würde?
Wunderlich: Ja, natürlich, das sind doch die Spiele, auf die man sich am meisten freut. Gerade in der Regionalliga hat man ja auch nicht so viele Spiele vor großer Zuschauerkulisse. Solche Partien machen einfach Spaß. In der Hinrunde ist das Spiel und alles drum herum ja auch fair abgelaufen, so sollte es auch diesmal sein. Wir reden immer noch von Regionalliga, nicht von Lazio gegen AS Rom, deshalb sollte man den Ball flach halten.