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Köln.Sport

Sead Hajrovic: Transfer auf Umwegen

In der Wintertransferperiode suchte Viktoria Köln angesichts der Defensivprobleme dringend einen neuen Innenverteidiger – und wurde nach vergeblicher Suche durch ganz besondere Maßnahmen fündig. Über einen Transfer der etwas anderen Art.

Bei den Höhenbergern läuft der Innenverteidiger (r.) mit Rückennummer 5 auf (Foto: imago images/ VIADATA)

Die Saison von Viktoria Köln gleicht einer Achterbahnfahrt. Nach einem herausragenden Start brachte der Aufsteiger zum Ende der Hinrunde in der Dritten Liga keinen Fuß mehr auf den Boden. Vor allem im Defensivbereich waren Defizite nicht zu übersehen. Kein Wunder also, dass man sich in Höhenberg in der Winterpause intensiv nach Verstärkungen für die Verteidigung umsah.

Vor allem ein Innenverteidiger sollte her, doch geeignete Kandidaten in der Wintertransferperiode zu verpflichten ist bekanntlich alles andere als leicht. Und so sezierte Sportvorstand Franz Wunderlich den Markt lange Zeit vergeblich – bis plötzlich ein entscheidender Tipp an ihn herangetragen wurde.

Bunjakus Berater als Initialzündung

„Über den Berater von Albert Bunjaku, der ja Schweizer ist, sind wir informiert worden, dass es da einen guten Innenverteidiger beim FC Winterthur gibt“, erinnert sich Wunderlich im Gespräch mit Köln.Sport. Sein Name: Sead Hajrovic, 26 Jahre, 1,86 Meter groß, in der Jugendakademie des FC Arsenal ausgebildet und nun in der 2. Schweizer Liga aktiv. Viel mehr wussten die Viktorianer zunächst nicht über den bosnisch-schweizerischen Fussballspieler.

Was also tun? „Es war Winterpause, also hatten wir keine Möglichkeit, den Spieler live zu sehen, es gab nur ein paar Videos“, berichtet Wunderlich. Der 56-Jährige macht Nägel mit Köpfen, packt seinen Chefscout ein und setzt sich mit ihm ins Auto – um viertel vor fünf in der Früh. Rund 550 Kilometer später sind sie in Winterthur, um Sead Hajrovic beim Training zu beobachten und sich einen Eindruck vom Bruder des ehemaligen Bundesligaspielers Izet Hajrovic zu verschaffen. Doch das Timing ist denkbar schlecht.

Sprechen statt beobachten

„Sie wollten sich ein Training anschauen, aber wir hatten an dem Tag frei, weil wir am nächsten Tag ins Trainingslager nach Spanien geflogen sind“, erinnert sich Sead Hajrovic. Also geht es ins Restaurant, wo sich beide Parteien beschnuppern. „Ich habe ihm von Viktoria Köln erzählt und natürlich ein paar Fragen gestellt. Wir wollten herausfinden, was er für ein Typ ist“, so Wunderlich.

„Ich habe meine Ziele dargestellt, erklärt, wie ich ticke und dass ich den nächsten Schritt machen will. Ich glaube, ich habe sie mit meinen Ausführungen überzeugt“, sagt Sead Hajrovic schmunzelnd. In der Tat imponiert dem Sportvorstand die gute Persönlichkeit des Spielers, der im Alter von 16 Jahren schon vier Jahre in England auf sich alleine gestellt lebte. Wunderlich ist überzeugt vom Verteidiger des FC Winterthur, ohne ihn je live spielen gesehen zu haben.

Doch es gibt gleich zwei Probleme: Zum einen muss er mit den Verantwortlichen des Schweizer Zweitligisten verhandeln, zum anderen fliegt sein Wunschkandidat bereits am nächsten Tag für knapp eine Woche mit dem FC Winterthur ins Trainingslager nach Spanien.

„Uns ist die Zeit weggelaufen. Wir hatten einen guten Eindruck, der Spieler fand es sehr bewundernswert, dass wir diesen Aufwand in Kauf genommen haben, um ihn persönlich kennenzulernen. Noch am gleichen Tag haben uns dann mit dem sportlich verantwortlichen Manager des FC Winterthur getroffen und uns ein paar Zahlen um die Ohren geworfen. Beide Seiten haben darüber geschlafen, auch der Spieler. Am Ende sind wir zu der Erkenntnis gekommen, dass wir das versuchen wollten“, so Wunderlich.

Im Morgengrauen in die Schweiz

Er und sein Chefscout fahren noch am gleichen Tag die 550 Kilometer zurück nach Köln, Sead Hajrovic steigt am nächsten Tag in den Flieger nach Spanien. „Ich war dann fünf Tage im Trainingslager, habe dort alle Einheiten ganz normal mitgemacht. Die Gespräche wurden dann intensiver, der Manager von Winterthur, zu dem ich ein sehr gutes Verhältnis hatte, hat da offen mit mir drüber gesprochen. Ich habe mich voll reingehauen, weil ich wusste, dass die Saison vor der Tür steht und ich fit und bereit sein muss – egal bei welchem Verein es dann weitergeht.“

Kurze Zeit später hat das Warten ein Ende, nach mehreren Telefonaten einigt sich Viktoria Köln mit dem Schweizer Verein aus dem Kanton Zürich. „Winterthur hat mitgespielt, und auch der Spieler hat sich im Trainingslager nicht verletzt“, erzählt Franz Wunderlich, der sich über die besonderen Umstände des Transfers bewusst ist.

„Natürlich gehst du ein gewisses Risiko ein, wenn du einen Spieler verpflichtet, den du vorher nicht live hast spielen sehen. Aber seien wir doch mal ehrlich: Ein Risiko hat man bei jedem Transfer.“ Der Neuzugang selbst ist sich des großen Vertrauensvorschusses bewusst: „Allein diesen langen Weg zu fahren, hin und zurück an einem Tag – das ist schon außergewöhnlich, und ich hoffe, dass ich das in der Saison noch zurückzahlen kann.“

Start nach Maß

Bis jetzt allerdings scheint der Transfer voll aufzugehen. Sead Hajrovic hat sich trotz der kurzen Vorbereitung direkt als Stammkraft etabliert, auch die Ergebnisse stimmen. Auch die Eingewöhnung in den neuen Verein und die neue Stadt ging schnell vonstatten. „Sead war vorgestern noch zum Abendessen bei mir. Noch wohnt er ja alleine, die Familie kommt jetzt erst nach. Das wertschätzt er natürlich auch“, erzählt Franz Wunderlich.

Nach zweieinhalb Wochen im Hotel hat der Spieler allerdings schon eine Wohnung gefunden, seine Frau und die beiden Kinder sind bereits im Anflug. Dann kann sich Sead Hajrovic endgültig voll und ganz auf das Ziel Klassenerhalt konzentrieren. Spätestens wenn der am Ende der Saison gesichert ist, hat Viktoria Köln mit seinem unorthodoxen Transfer alles richtig gemacht.

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