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Schwimmen: Köln geht mit unter

Quelle: IMAGO

Kommt der kölsche Schwimmsport wieder auf die Beine?

Die Talfahrt des deutschen Schwimmsports ist auch in der ehemaligen Hochburg Köln gegenwärtig. Köln.Sport erklärt die Ursachen – und sagt, ob es Hoffnung gibt am Landesleistungszentrum in Müngersdorf.

„Köln setzt absolut keine Akzente mehr im deutschen Spitzenschwimmsport“ – so deutlich spricht Michael Scharf, Leiter des Olympiastützpunktes Rheinland (OSP), über die negative Entwicklung im hiesigen Schwimmsport – einst ein Aushängeschild der Sportstadt Köln. Dessen Niedergang setzte schon Ende der ruhmreichen 80er-Jahre ein.

Fakt ist: Der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) steckt sportlich in einer tiefen Krise. Die jüngsten schwachen internationalen Resultate der DSV-Athleten in London 2012 sowie bei der WM 2013 in Barcelona sprechen eine deutliche Sprache. An fünf Bundesstützpunkten (Hamburg, Berlin, Halle/Saale, Heidelberg, Essen) bildet der DSV seine Spitzenschwimmer aus. Köln steht als Landesstützpunkt den Standorten auf Bundes-ebene in dieser Arbeit zur Seite. Zwei Stützpunkttrainer im Landesleistungszentrum (LLZ) Müngersdorf formen talentierte Jugendliche im -Idealfall zu Top-Athleten. Die Bundesstützpunkte und mit ihnen die LLZ, darunter Köln, stehen angesichts der sportlichen Talfahrt nun mehr denn je in der Pflicht. -Die Aufgabe dieser ausgewiesenen Zentren ist es, die Aktiven zeitnah und mit fachlich kompetenter Unterstützung wieder an das alte Leistungsniveau heranzuführen.

Der Standortvorteil Kölns, wo sich die Sportler mit dem LLZ in unmittelbarer Nähe zur Deutschen Sporthochschule befinden, ist nach Einschätzung von Jürgen Koschig, NRW-Stützpunktleiter Schwimmen Köln, nicht ausreichend für eine optimale Förderung, aber zumindest ausbaufähig. „Wir unternehmen alles, um Köln wieder als nachhaltig funktionierenden Stützpunkt des DSV zu etablieren“, betont der 57-jährige Lehrer. Koschig engagiert sich im Kölner Schwimmsport gleich in mehreren Funktionen. Neben seinem Ehrenamt als Stützpunktleiter ist er als -Geschäftsführer und Jugendtrainer der Telekom-Post-Sportgemeinschaft Köln (TPSK) aktiv, -außerdem als Schwimmwart des Ortsverbandes Kölner Schwimmvereine (OKS). „Angesichts der harten Normzeiten, die zu unterbieten sind, ist die Anzahl der Athleten, die es in den NRW-Kader schaffen, beachtlich“, betont Koschig. „Allein in Köln betreuen wir 49 Kader-schwimmer. Wenn man bedenkt, dass die sieben Bezirke des Landesschwimmverbandes NRW teilweise eine größere Fläche umfassen als ganze Landesverbände – und im Schwimmbezirk Mittelrhein nur zwei wettkampftaugliche 50-Meter-Becken zur Verfügung stehen – ist unser Potenzial recht gut -genutzt.“ Zwei fachlich kompetente Stützpunkttrainer seien zudem ausreichend.

Auch Koschig weiß, dass die Misere in -Müngersdorf – Köln stellt derzeit keinen einzigen A-Kader-Athleten – nicht vom Tisch zu -wischen ist. Als wesentliche Erschwernis bei der Talentförderung hat er die Einführung des G8-Abiturs in NRW ausgemacht. „Bei uns in der Region mangelt es nicht an trainingswilligen und fleißigen Schwimmern, die bereit sind, bis zu zwei Stunden täglich ins Wasser zu gehen. Dem Nachwuchs fehlt schlicht die Zeit, seinen Sport intensiv auszu-üben“, erklärt Koschig. „Das Schulsystem läuft im Ganztagsbetrieb in einer belastenden 40- bis 45-Stunden-Woche ab.“ Nimmt man die erforderlichen 20 Schwimmtrainingsstunden hinzu, kämen die Schüler locker auf einen Marathon von 60 Wochenstunden. „Die entscheidende Schwachstelle ist, dass die Schulen keinen Blockunterricht -anbieten. Daher zieht sich der Schultag oft bis in den Abend. Das behindert ein geregeltes Training“, kommentiert der Stützpunkt-Chef die Verflechtungen im System.

Geteilte Wasserflächen
Deshalb läuft das offiziell ausgewiesene Stützpunkttraining ausschließlich am Wochenende ab. Den größten Teil ihrer Übungseinheiten im LLZ absolvieren die Kölner Kaderathleten -unter der Woche, betreut von ihren Heimtrainern. Die Wasserflächen, die entsprechend der Kaderzugehörigkeit vergeben werden, sind darüber hinaus auch vom Vereinssport und von Trainings-gemeinschaften belegt, müssen also geteilt werden. „Klar im Vorteil gegenüber uns Kölnern sind die bewährten Sportschulen der neuen Bundesländer, die nahezu an sämtlichen großen Stützpunkten nach altem ,DDR-Muster‘ funktionieren“, erläutert Koschig weiter. „Sie gewährleisten eine optimale Vereinbarkeit von Schul-unterricht und Schwimmen.“ Der Unterricht werde dort von acht bis 16 Uhr abge-wickelt, sodass davor und danach genügend Zeit für kontinuierliche Übungsarbeit im -Becken bleibe, skizziert der Sportlehrer die Ost-West-Gegensätze.

OSP-Leiter Michael Scharf bekräftigt seine kritische Haltung nicht nur in Bezug auf den Landesstützpunkt Köln, sondern überhaupt -gegenüber dem DSV. „An den Standorten fehlen gut ausgebildete Trainer. Das Manko -besteht darin, dass so gut wie kein Wettbewerb um die Ausbildung der besten Kräfte existiert, da es kaum Bewerber gibt. Das Interesse, als Coach für den DSV zu arbeiten, ist -derzeit gering, der Beruf wenig attraktiv“, -analysiert Scharf, der von 1996 bis 2012 Vorsitzender der Schwimm- und Sportfreunde Bonn war. „Die Talentsichtung funktioniert nur mangelhaft. Nach dem Erlernen des Schwimmens gibt es keine Folgeangebote für den Nachwuchs. Dabei sind weiterführende Kurse in den Vereinen, die etwa speziell das Kraulschwimmen lehren, unbedingt Pflicht.“ An der Schwelle vom Jugend- zum Erwachsenenbereich sieht der ehemalige -Moderne Fünfkämpfer außerdem einen gravierenden Schwachpunkt: „Vielversprechend schwimmenden Jugendlichen, die wir auch in Köln haben, gelingt der erfolgreiche Sprung in die Erwachsenenkonkurrenzen durch kontinuierliche Weiterentwicklung nur selten. Das liegt an Schluderei im Training. Praktiziert werden zu hohe Intensitäten, die Grundlagen werden zu wenig gefördert.“

Dagegen bemängelt Stützpunktleiter -Jürgen Koschig vor allem mangelnde finanzielle Hilfe: „In unserem großflächigen Bundesland fließt das Geld an eine Vielzahl von Stellen. Da fällt der Sport oft hinten runter und büßt dadurch Potenzial ein. Nach meiner Kenntnis können in den neuen wie auch in einigen alten Bundesländern mehr Mittel in den Sport investiert werden als in NRW.“ Hinzu kommt, dass auch die kommunale Unterstützung bescheiden bleibt. Der Ortsverband Kölner Schwimmvereine (OKS) vertritt die Interessen der Vereine gegenüber der Politik und der KölnBäder GmbH. Die Stadt zahlt der KölnBäder GmbH (Betreiber ihrer Schwimmbäder) einen fixen Betrag für Nutzungsstunden und Wasserflächen. Die Verteilung der Nutzungsflächen im Becken an die Schwimmvereine läuft dann über den OKS. „Die Nutzungsflächen für ein effektives Training sind aus den bekannten finanziellen Defiziten im städtischen Haushalt sehr begrenzt“, -bestätigt Dr. Robert Becker, Vorsitzender des OKS. „Und das Finanzloch macht sich genauso beim Mangel an hauptamtlichen Lehrkräften in den Vereinen bemerkbar. Die sind einfach nicht zu bezahlen.“

„Wurzel in der Sportpolitik“
Was die sportliche Komponente angeht, hält der OKS-Vorsitzende eine mögliche Kooperation des LLZ mit der Sporthochschule nach dem Vorbild amerikanischer Colleges für erfolgversprechend. Nach diesem Konzept würden gute Schwimmer über ein Sportstudium an die Sport-hochschule geholt. Diese organisiere dann zusätzliche Trainingszeiten und stelle den Aktiven von der Hochschule bezahlte Dozenten als Trainer zur Seite. Klar ist aber auch: Die Basis für leistungsstarken Nachwuchs bilden die Vereine. Und diese sehen sich ebenfalls mit dem Finanzloch der Stadt konfrontiert. Hans Klein, Ressortleiter Leistungssport der Telekom-Post-Sportgemeinschaft Köln (TPSK), dem zurzeit sportlich erfolgreichsten Kölner Verein, bringt es auf den Punkt: „Die Stadt muss sparen, die Wurzel für die Misere liegt in der Sportpolitik. Dem Sportamt fehlen 200.000 Euro.“ Dem TPSK seien in den Schulferien schon Schwimmzeiten gestrichen worden. „Als Folge liefen uns Mitglieder weg“, klagt Hans Klein.

Immerhin lassen einige Spitzenplatzierungen des Nachwuchses auf Bezirks- und Landesebene sowie bei Deutschen Jahrgangsmeisterschaften hoffen, dass in nicht allzu ferner Zeit am Schwimm-Stützpunkt Köln wieder ein Aufwärtstrend vermeldet werden kann.