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Pfeifen ohne Limit

Mit 82 Jahren immer noch in Aktion: Schiedsrichter Paul Kluth Foto: Ben Horn

Mit 82 Jahren immer noch in Aktion: Schiedsrichter Paul Kluth
Foto: Ben Horn

An Ruhestand denkt Paul Kluth auch mit 82 Jahren noch nicht. Für Rheingold Poll pfeift der Kölner Referee regelmäßig Spiele bis zur Kreisliga. Wir haben den rüstigen Schiedsrichter getroffen.

Ein Leben ohne Fußball? Für Paul Kluth undenkbar. Ein- bis zweimal pro Woche, manchmal auch häufiger, steht der Kölner auf dem Platz. Doch seine Leidenschaft ist nicht etwa das Spielen, sondern das Pfeifen: Paul Kluth ist Schiedsrichter – und nebenbei Rekordhalter. Mit 82 Jahren ist er der älteste aktive Referee im Fußballverband Mittelrhein (FVM) „und meines Wissens auch in ganz Deutschland“, wie der fußballverrückte Rentner betont.

Sein Verein ist der VfL Rheingold Poll. Seit 45 Jahren pfeift Kluth, den alle nur „Päul“ nennen, Woche für Woche die Jugend-, Senioren- und Altherren-Mannschaften des rechtsrheinischen Klubs und sorgt zudem regelmäßig bei Spielen der Kreisliga A für Ordnung auf dem Platz. „Das Pfeifen ist mein Hobby. Es macht mir großen Spaß, und solange ich körperlich fit bin, gibt es keinen Grund aufzuhören“, sagt Kluth. Vor vier Jahren hat er in einem Zeitungsinterview gesagt, er werde mindestens pfeifen, bis er 80 sei. „Jetzt geht es schon auf die 90 zu“, schmunzelt der gebürtige Riehler. „Aber im Ernst: Ich mache das, so lange es geht. Vielleicht muss ich in zwei Jahren dem Alter Tribut zollen, wer weiß?“ Derzeit ist der Fußball-Ruhestand für ihn aber überhaupt kein Thema.

„Er ist die gute Seele des Vereins“

Im Gegenteil: Wann immer Not am Mann ist, ist „Päul“ zur Stelle. „Ich wohne nur 100 Meter vom Platz entfernt und springe gerne ein, wenn ein Schiedsrichter ausfällt. Meine Tasche steht immer gepackt im Schlafzimmer.“ Es könne auch vorkommen, dass Vereinskollegen samstags nachmittags oder sonntags vormittags bei ihm klingeln. „Dann lasse ich alles stehen und liegen, schnappe meine Tasche, ziehe mich um und pfeife!“ Dass der 82-Jährige aus dem Vereinsleben nicht wegzudenken ist, bestätigt auch Rheingold-Geschäftsführer Walter Krein. „Paul packt immer und überall mit an. Beim Bau des Kunst­rasenplatzes im letzten Jahr zum Beispiel oder wenn es irgendwas im Verein zu tun oder zu regeln gibt. Er ist die gute Seele des Vereins und jederzeit ansprechbar“, schwärmt der Funktionär. Auch als Beisitzer und Ehrenvorsitzender engagiert sich der gelernte Gerüstbauer für seinen VfL.

Dabei war Fußball in seiner Jugend gar nicht die Sportart Nummer eins. „Ich habe als Elfjähriger mit dem Boxen angefangen und das zehn Jahre lang gemacht. Mit 16, 17 haben mich Freunde gefragt, ob ich nicht mit zum Fußball gehen möchte. Ich habe dann in der B- und A-Jugend gespielt, aber dann war das auch wieder vorbei“, erzählt Kluth. Seine Leidenschaft für die Schiedsrichtertätigkeit entdeckte der Kölner Anfang der 60er Jahre. „Das war damals die Zeit, in der viele Thekenmannschaften gegründet wurden. Jede Kneipe hatte ihre eigene Mannschaft. Gespielt wurde unter anderem auf den Poller Wiesen. Dort habe ich regelmäßig gepfiffen und sehr schnell Freude daran gefunden.“

Als Jean Löring anfragte

Ein bis heute unvergessenes Highlight seiner Schiedsrichterkarriere erlebte Kluth im Jahr 1973 – damals noch ohne offizielle Lizenz. Auf dem Trainingsgelände von Fortuna Köln in Dünnwald sprach ihn der damalige Präsident Jean Löring an, ob er ein Freundschaftsspiel des Bundesliga-Aufsteigers gegen eine Kalker Auswahl leiten wolle. „Das war schon etwas Besonderes, mit Stars wie Wolfgang Fahrian oder Herbert Zimmermann auf dem Platz zu stehen“, berichtet der 82-Jährige stolz. Dass man als Unparteiischer eine Lizenz erwerben muss, war Kluth nach eigener Aussage gar nicht bewusst. „Alle redeten von einer Prüfung, und ich dachte immer: welche Prüfung? Dann habe ich mich beim Verband dafür angemeldet – und ich habe alles gewusst, was abgefragt wurde.“

Kein Wunder, konnte der Riehler doch damals schon auf mehr als zehn Jahre Referee-Erfahrung zurückgreifen. Seit Mitte der 70er Jahre darf Kluth offiziell für den FVM Meisterschafts- und Pokalspiele pfeifen. Dass er mit seinen 82 Jahren ein Unikat im deutschen Fußball ist, bekommt „Päul“ immer mal wieder zu spüren. „Manche Gegner, die mich nicht kennen, schauen mich schon ein bisschen skeptisch an, wenn ich auf den Platz komme“, räumt er ein. „Und spätestens in der Halbzeit kommt dann die höfliche Frage nach meinem Alter. Wenn ich dann antworte, sehe ich jede Menge Respekt in den Gesichtern“, erzählt der Referee. Überhaupt könne er sich über einen Mangel an Akzeptanz nicht beschweren. „Dass es mal Ärger über Entscheidungen gibt, ist normal. Ansonsten spüre ich aber schon den Respekt vor dem Alter, egal in welcher Klasse ich pfeife.“

Kluth gilt als "gute Seele" des Klubs und ist auch nach den Spielen stets noch gesprächsbereit Foto: Ben Horn

Kluth gilt als „gute Seele“ des Klubs und ist auch nach den Spielen stets noch gesprächsbereit
Foto: Ben Horn

Immer auf Ballhöhe sein

Wichtig ist ihm, dass er körperlich mithalten kann: „Ich versuche immer auf Ballhöhe zu sein, wie jeder andere Schiedsrichter auch. Das muss ich ja auch.“ Bis auf eine schwere Erkrankung vor 30 Jahren, die ihn zu einer fast einjährigen Pause zwang, habe er nie länger aussetzen müssen, betont Kluth stolz. „Wenn mir das Knie wehtut, geh ich zum Arzt und lasse mir eine Spritze geben. Dann kann es weitergehen!“ Auch eine Kopfverletzung, die er sich bei der Arbeit im Gerüstbau zugezogen hatte, hielt ihn nicht vom Einsatz ab. „Ich pfeife ja nicht mit der Stirn“, sagt er mit einem Augenzwinkern. In Poll ist Kluth bekannt wie ein bunter Hund. „Wenn ich aufs Feld komme, werde ich von den Zuschauern beklatscht. Das ist ein schönes Gefühl.“ Und nicht nur dort freut man sich, das Rheingold-Urgestein zu treffen. „Auch im Supermarkt werde ich häufiger gegrüßt und angesprochen. Oft von Müttern unserer Ju­gendspieler. Ich grüße dann höflich zurück, obwohl ich die Gesicher nicht immer gleich erkenne“, lacht Kluth.

An Anekdoten mangelt es Deutschlands ältestem aktiven Schiedsrichter erwartungsgemäß nicht. Neben dem Fortuna-Spiel, das er als einen seiner Karriere-Höhepunkte bezeichnet, ist ihm besonders ein Kreisliga-D-Duell zwischen Deutz und TürkGücü Rodenkirchen vor einigen Jahren in Erinnerung geblieben. „Beim Stand von 22:1 für Deutz haben mich die Spieler von TürkGücü aufgefordert, das Spiel abzubrechen. Da hab ich gesagt, dass das nicht geht und sie das schon selbst machen müssen. Dann hätte der Verein eine Ordnungsstrafe bekommen, wenn die Mannschaft vorzeitig den Platz verlassen hätte.“

Auch im Urlaub stets bereit

Unvergessen ist für ihn auch die Geschichte, als er gemeinsam mit seinem Sohn sein Badezimmer renovierte, das Telefon klingelte und mal wieder Not am Mann war im Rheingold-Stadion. „Ich war mitten bei der Arbeit und total dreckig. Trotzdem habe ich keine Sekunde gezögert, meine Tasche aus dem Schlafzimmer geholt, bin zum Platz rüber, habe mich umgezogen, den Dreck abgewaschen, das Spiel gepfiffen und bin dann zurück zur Baustelle gegangen.“

Ein anderes Mal sei er im Urlaub in Bayern spontan bei einem Pokalspiel eingesprungen, das er als Zuschauer verfolgen wollte. „Ich hatte am Eingang meinen Schiedsrichter-Ausweis vorgezeigt, mit dem ich in alle Stadien darf. Als der Unparteiische nicht kam, erinnerte sich der Ordner an meinen Ausweis und sprach mich an. Ich bekam eine Schiri-Montur, und los ging es! Selbst auf das wohlverdiente Feierabendbier hat Kluth schon einmal verzichtet, als nach einem B-Jugendspiel die A-Jugend ohne Referee dastand. „Ich hatte mich gerade umgezogen und wollte den ersten Schluck trinken, da war ich quasi schon wieder in meinem Outfit auf dem Platz“, erzählt er. Er könne einfach nicht Nein sagen, wenn es um sein geliebtes Hobby gehe: „Ich würde auch um Mitternacht aufstehen und pfeifen!“

Verständnisvolle Ehefrau

Und wie steht seine Familie zu seiner Leidenschaft? „Meine Frau kennt mich nicht anders und lässt mir meinen Spaß. Wenn beim Sonntagsfrühstück das Telefon geht, weiß sie schon, dass ich gleich auf den Fußballplatz gehe.“ Kluth ist zum zweiten Mal verheiratet – die erste Ehe sei daran zerbrochen, dass er für sein Hobby immer alles stehen und liegen gelassen habe, räumt der 82-Jährige ein. „Meine damalige Frau hat gedacht, wenn die Kinder aus dem Haus sind, hört das mit dem Fußball bei mir auf und man könnte auch mal andere Sachen machen. Aber das Pfeifen gehört zu mir, aufhören war keine Option.“

Wenn der Pensionär nicht gerade für Ordnung auf irgendeinem Kölner Spielfeld sorgt, genießt er das Familienleben in seinem Haus direkt am Vereinsgelände von Rheingold Poll. Der mehr als 2.500 Quadratmeter große Garten ist das Steckenpferd seiner Ehefrau Elisabeth: „Sie hat hier ein echtes Paradies geschaffen.“ Bei sechs Kindern, 16 Enkeln und sieben Urenkeln ist im Leben der Kluths immer was los. „Fußball spielen aber nur zwei von ihnen.“ Etwas irritiert aber dann doch auf dem Grundstück des Ur-Kölners: die Bayern-München-Fahne, die über dem Haus weht. „Gerd Müller war für mich ein Idol“ sagt Kluth. „Ich kenne mich mit dem FC gut aus, aber mein Herz schlägt für die Bayern.“

Svenja Dahlhaus