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Markus Rehm: Eine Frage der Fairness

Markus Rehm springt weit

Markus Rehm wurde 2015 mit der Weltrekordweite von 8,40 Meter zum dritten Mal Weltmeister
Foto: Getty Images

Markus Rehm möchte in Rio doppelt starten – bei den Paralympics und bei den Olympischen Spielen. Dafür fehlte aber der Beweis, dass seine Prothese kein Vorteil für ihn ist. Bislang fehlte das Geld dafür, nun hat er endlich einen Sponsor dafür gefunden – in Japan.

Endlich Gewissheit. Das wünscht sich der unterschenkelamputierte Weitspringer Markus Rehm schon lange. Die Fragen, die seit Jahren im Raum stehen: Bringt ihm seine Prothese einen Vorteil beim Sport, beim Weitspringen? Sind seine großartigen Weiten, die er immer wieder in die Grube bringt, vergleichbar mit der Leistung anderer Weitspringer? Und vor allem: Ist es gerecht, wenn er mit seiner Prothese an den nationalen und internationalen Meisterschaften nicht behinderter Athleten teilnimmt und um die gleichen Medaillen kämpft? Diese Frage wird schon länger diskutiert, erst recht, seitdem Markus Rehm 2014 in Ulm Deutscher Meister im Weitsprung wurde und die anderen Top-Athleten auf die Plätze verwies. Anschließend nominierte ihn der Deutsche Leichtathletik-Verband aber nicht für die Europa­meisterschaften in Zürich. Auch seine Konkurrenten übten Kritik: Sechs seiner sieben Finalkonkurrenten aus Ulm legten Protest ein, der aber abgewiesen wurde.

Außer Konkurrenz

Trotzdem durfte er fortan nicht mehr gleichberechtigt an den Deutschen Meisterschaften der Nichtbehinderten teilnehmen, startete im vergangenen­ Jahr in Nürnberg außer Konkurrenz. Das änderte aber nichts an seiner weiterhin aufsteigenden Form. Der Paralympics-Sieger von London 2012 steigerte im vergangenen Jahr den Weltrekord in seiner Klasse T44 auf 8,40 Meter. Eine Weite, an die kein anderer deutscher Weitspringer herankam. Zum Vergleich: Der Deutsche Meister 2015, Fabian Heinle­, war mit 8,25 Metern Erster in der letztjährigen deutschen Bestenliste.

Auch 8,50 Meter traut sich der 27-Jährige zu, wie er wenig später der Leichtathletik sagte: „Das wäre die nächste magische Marke, und sie fühlt sich fast greifbar an. Es sind zwar noch mal zehn Zentimeter mehr, aber ich bin motiviert genug, nach einer kleinen Pause wieder ordent­lich Gas zu geben.“ Mit einer Weite in diesem Bereich würde er bei den Olympischen Spielen in Rio um die Goldmedaille mitspringen. Und das ist neben den nächsten Weiten auch sein großes Ziel: der Doppelstart in Rio. Er möchte gern an den Paralympics wie auch an den Olympischen Spielen teilnehmen.

Um das realisieren zu können, muss er beweisen, dass seine Prothese­ ihm keinen Vorteil bringt. Denn nach der im vergangenen Jahr eingeführten IAAF-Regel müssen behinderte Sportler selbst nachweisen, dass sie durch Prothesen keinen Vorteil gegenüber nicht behin­derten Sportlern haben, um gemeinsam mit diesen an den Start gehen zu dürfen. Schon direkt danach äußerte Rehm Unverständnis: „Die Regelung ist in meinen Augen nicht richtig, weil man die Beweislast auf den Athleten überträgt. Gemeinsam wäre die Frage doch viel besser zu lösen.“

Angekommen in Tokio…die nächsten 10 Tage werden wohl ziemlich spannend und hoffentlich sehr aufschlussreich! Ich halte…

Gepostet von Markus Rehm am Mittwoch, 20. April 2016

Sponsor für Studie gefunden

Eine teure Studie muss her – und nach längerer Suche wurde dafür­ nun auch endlich ein passender Sponsor gefunden: ein japanischer TV-Sender. „Die Japaner sind sehr technikversiert. Ich finde es toll, dass sich jetzt jemand gefunden hat, der das Ganze mit Interesse verfolgt und auch bezahlen möchte“, sagt Rehms Trainerin Steffi Nerius. Die internationale Studie wird vom Institut für Biomechanik und Orthopädie der Deutschen Sporthochschule Köln, dem National Institute of Advanced Industrial Science and Technology/Human Informatics Research Institute in Tokio­ und dem Department of Inte­grative Physiology der Univer­sity of Colorado Boulder in den USA gemein­sam durchgeführt.

Zuerst werden dafür diverse­ Untersuchungen gemacht. „Im Anschluss­ möchten die Wissenschaftler objektiv Erkenntnisse herausarbeiten, ob und inwiefern Markus Rehms Leistungen mit denen­ nicht gehandicapter Athleten vergleichbar sind und ob der u. a. vom Internatio­nalen Leichtathletik-Verband (IAAF) unterstellte Vorteil vorliegt“, heißt es in einer Presse­erklärung. Für diese Studie ist Markus Rehm auch direkt nach Tokio geflo­gen. „Angekommen in Tokio­ … Die nächsten 10 Tage werden wohl ziemlich spannend und hoffentlich sehr aufschlussreich! Ich halte euch auf dem Laufenden …“, meldet er sich auf seiner Face­bookseite. Viel Zeit hat der Leverkusener nicht mehr, denn sein großes Ziel, Olympia in Rio de Janeiro,­ findet schon im August statt. „Die Hoffnung bleibt nach wie vor“, sagt Rehm gegenüber der dpa. „Ich nehme das wirklich ernst und will ein Zeichen setzen.“

Ganz schön aufregend wenn man komplett auf "links" gedreht wird! #film #documentary #tokio #bodyscan #bladejumper…

Gepostet von Markus Rehm am Sonntag, 24. April 2016

Klare Feststellung

„Markus Rehm und auch der Deutsche Behindertensportverband erhoffen sich von den Ergebnissen die dringend benötigte Klarheit darüber, ob ein gemeinsamer Start bei nationalen und internationalen Leichtathletikwettkämpfen in Zukunft möglich sein wird“, so die Pressemitteilung. Auch Trainerin Steffi Nerius, die Rehm schon seit 2009 betreut, sieht das ähnlich, sie wünscht sich „einfach nur eine klare Feststellung, woran man ist und wie man ihn beurteilen­ kann.“. Aber auch wenn die Ergebnisse­ für Rehm negativ sein sollten, scheint ein Karriereende nicht in Sicht. Seine Trainerin sagt: „Letztendlich ist er ein paralympischer Athlet, und man darf nicht vergessen, dass unsere ursprüngliche Intention vor mittlerweile fast drei Jahren bei den Deutschen Meisterschaften war, dass er mitspringen darf.“

Deshalb möchte er auch auf jeden­ Fall an den Deutschen Meisterschaften in Kassel in diesem Sommer teilnehmen. Unab­hängig vom Ergebnis der Studie. Entweder gegen die anderen Springer – oder aber wieder außer­halb der Wertung. „Das ist ein Mehrgewinn für die Leichtathletik, das zeigen auch die Einschaltquoten, Links und Likes. Er ist einfach ein Zugpferd“, findet Steffi Nerius. Das zeigt auch seine Facebook­seite, die von fast 7.000 Menschen geliked wird. Dennoch gibt die ehemalige Speerwurf-Weltmeisterin auch zu bedenken, dass er „immer gegen die Neider und Missgönner kämpfen werden muss“, denn selbst wenn ihm attest­iert werde, dass seine Prothese keinen Vorteil bringt und er einen neuen weiten Sprung macht, „wird das sowieso wieder jeder in Frage stellen.“

Eine undankbare Position für einen der nationalen Leichtathletik-Stars. Und wohl auch wegen des Gegenwinds aus der nationalen Weitsprungszene will Rehm mit der Studie nun augenscheinlich vor allem eines erreichen: Gewissheit. Die Ergebnisse der Studie sollen­ Anfang Juni in Köln präsentiert werden – auch die IAAF will die Entscheidung im Juni treffen. Endlich. „Es ist einfach nur das Ziel, dass er in Zukunft fair behan­delt wird“, sagt seine Trainerin­ Steffi Nerius. Und das Ziel sollten doch wirklich alle Beteiligten haben!

Text: Kea Müttel