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Kölner Vereine im Zwiespalt

Quelle: Imago

Nicht immer funktioniert die Kooperation zwischen den Sportvereinen und den offenen Ganztagsschulen reibungslos.

Ohne sie würden die offenen Ganztagsschulen nicht funktionieren: die Kölner Sportvereine. Doch nicht alle Vereine profitieren von diesem System.

Spätestens seit der berüchtigten Pisa-Studie ist die Bildungspolitik hierzulande in aller Munde. Nicht nur die Qualität des Unterrichts stand auf dem Prüfstand, sondern damit einhergehend auch die Vereinbarkeit von Erziehung und Beruf. Vor allem dann, wenn beide Elternteile in Lohn und Brot stehen. Die Lösung: offene Ganztagsschulen. Auf freiwilliger Basis können auch Kölner Pänz nunmehr eine Rundum-Betreuung von acht bis mindestens 16 Uhr wahrnehmen, die u.a. auch nachmittägliche Sport-AGs beinhaltet.

Da kommen die Kölner Sportvereine ins Spiel: Viele organisieren für die Kids in Kooperation mit den Schulen ein umfangreiches Sportangebot am Nachmittag. So weit, so gut. Doch lohnt sich der Einsatz für die Vereine überhaupt? Ist der Offene Ganztag mehr Fluch oder mehr Segen? Welche Vor- und welche Nachteile ergeben sich für die Kölner Sportvereine?

Hallensituation fest im Griff

Der SV Lövenich-Widdersdorf kooperiert derzeit mit sechs Grundschulen, vier Kindergärten und ist zudem Träger der Montessori-Hauptschule. Als Kooperationspartner bietet der SV jeden Nachmittag Sport-AGs in den jeweiligen Schulen und Kindergärten an. Die Trägerschaft der Montessori-Schule umfasst jedoch wesentlich mehr: Der SV Lövenich-Widdersdorf ist dort für die Organisation des kompletten Ganztags-Programms verantwortlich.

Diese umfasst die Versorgung der Schüler mit einer warmen Mahlzeit, Hausaufgabenbetreuung sowie sportliche und außersportliche Aktivitäten – sei es die Fußball-AG, die Theater-AG oder verschiedene Freizeit-Projekte. Für den SV brachte die Zusammenarbeit im Zuge des Offenen Ganztages ausschließlich Vorteile, betont der erste Vorsitzende Peter Pfeifer. „Seit der Kooperation verzeichnen wir starke Mitgliederzuwächse“, erklärt Pfeifer, „außerdem haben wir viel fachlich hervorragendes Personal gewonnen. Denn irgendjemand muss die Schüler nachmittags ja auch qualifiziert trainieren.“

Damit jedoch nicht genug. Durch die Beteiligung am Offenen Ganztag habe der Verein nunmehr die Hallensituation fest im Griff. Viele Vereine ringen in Köln um Trainingszeiten in den begehrten Hallen – der SV Lövenich-Widdersdorf nicht. Der Verein aus dem Kölner Westen profitiert in jeglicher Hinsicht von den Kooperationen. „Wir haben quasi sogar Talent-scouts vor Ort in den Schulen“, schwärmt

Pfeifer, „und die Kinder, die ohnehin bei uns an den Schulen trainieren, wechseln anschließend auch nicht mehr den Verein, sondern bleiben bei uns.“ Die ursprüngliche Motivation des Vereins sei der soziale Auftrag gewesen, den man habe wahrnehmen wollen, erklärt Pfeifer.

„Inzwischen sind wir jedoch der größte Verein vor Ort und im gesamten kulturellen, sozialen und sportlichen Netzwerk der Region fest verwoben.“ Der offene Ganztag als Wachstumshilfe für einen Sportverein – beim SV Widdersdorf-Lövenich hat es funktioniert.

„Das ist doch idiotisch!“

Von derart positiven Entwicklungen kann Gerd Wingert, Geschäftsführer der Kölner Turnerschaft 1843 e.V., nur träumen. Eineinhalb Jahre lang kooperierte die KT 43 mit der Grundschule an der Antwerpener Straße. Die Erfahrungen, die Wingert dort machte, bezeichnet er heute als „bestenfalls durchwachsen“.

„Die Kinder kamen zu unserem Angebot, waren aber plötzlich nicht mehr da. Im Sommer sind die nun mal einfach auf dem Schulhof spielen gegangen und haben vergessen, dass sie eigentlich für das Erlebnisturnen eingetragen waren“, berichtet Wingert. Und das war kein Einzelfall. Die Unregelmäßigkeit wurde zur Regelmäßigkeit, mitunter wurden zwei Übungsleiter für eine Gruppe engagiert, die letztlich nur aus wenigen Kindern bestand. Damit wurde das gesamte Programm enorm schwer planbar.

Zudem hatte die KT große Schwierigkeiten, ausreichend qualifizierte Übungsleiter aufzutreiben. Insgesamt gestaltete sich die Organisation und die Koordinierung mit Schulleitung und Lehrern derart schwierig, dass der Verein schließlich die Kooperation beendete. Doch damit fingen die richtigen Probleme erst an. „Wir haben – wie viele andere Vereine auch – richtig gelitten“, bekennt Wingert, „das zentrale Problem sind nach wie vor die Hallenzeiten.“

Durch die Intensivierung des Offenen Ganztages sind die Hallenkapazitäten in Köln bis 16 Uhr nahezu vollständig ausgereizt. Das trifft einen Verein wie die Kölner Turnerschaft, der im Kern Eltern-Kind-Turnen oder Kinder-Erlebnisturnen anbietet, doppelt hart. „Wir können die Kurszeiten nun mal nicht unendlich nach hinten schieben. Irgendwann ist es für ein Kind im Grundschulalter einfach zu spät“, erklärt Wingert.

Darüber hinaus sei es nicht akzeptabel, dass die Vereine gegenüber dem Offenen Ganztagsangebot stets zurückstehen müssten. „Wir hatten den Fall, dass eine Halle für ein komplettes Schuljahr blockiert war, jedoch nur sieben oder acht Wochen genutzt wurde“, kritisiert Wingert, „dafür mussten wir jedoch zwei komplette Gruppen einstampfen. Das ist doch idiotisch!“

Zudem echauffiert sich der Diplom-Sportlehrer über die Qualität der Ganztags-Übungsleiter: „Sicherlich sind nicht alle schlecht, aber einige waren nicht einmal mehr in der Lage, eine Gruppe zu führen!“

Kooperation lohnt sich nicht

Den Vorwurf lässt sich Christiane Kupferer nicht gefallen. „Ich halte die Übungsleiter-Ausbildung für sehr gut“, sagt die Ganztags-Beauftragte der Kölner Sportjugend. „Sie werden für die B- bzw. C-Lizenz geschult, das beinhaltet etwa 90 Übungseinheiten und vier Wochenendkurse bei uns.“

Für Wingert kommt auf keinen Fall in Frage, dass sein Verein unter den bisherigen Voraussetzungen wieder mit einer Schule kooperiert – nicht zuletzt aus finanziellen Gründen. „Wir erhalten für die Abstellung eines Übungsleiters vom Träger 15 Euro. Mit einer vergleichbaren Gruppe im Vereinssport verdienen wir das Drei- oder Vierfache.“ Und das sei auch notwendig – schließlich müsse der Verein neue Geräte, ein Vereinsheim und seine Mitarbeiter bezahlen können.

Dieser Problematik ist sich Christine Kupferer bewusst: „Viele kleine Vereine sind ehrenamtlich geführt und können die Kooperation mit einer Offenen Ganztagsschule gar nicht leisten. Das kostet am Anfang unheimlich viel Zeit und Energie.“ Zudem sei die Betreuung von Nachmittags-AGs nicht für alle Sportarten geeignet. So ist es beispielsweise Vereinen, die Kanusport, Radsport oder Schwimmen anbieten, kaum möglich, ein einstündiges AG-Angebot im Nachmittag auf die Beine zu stellen.

„Solche Vereine müssen dann am besten ein Ferienangebot ins Leben rufen, um am Offenen Ganztag teilzunehmen“, empfiehlt Kupferer. Im Jahr 2005 wurde in Köln eine Koordinierungsstelle eingerichtet, um die Kooperationen zwischen Schule und Verein zu verbessern. „Vielfach hatten Schulen und Vereine Schwierigkeiten, die Struktur des jeweiligen Partners anzunehmen. Da soll die Koordinierungsstelle Abhilfe schaffen“, erklärt Kupferer.

Generell sei das Echo der Vereine jedoch äußerst positiv – und das der Schulen. „Die Schulen schätzen den Einsatz, das Herzblut und das Vereinsleben generell sehr“, weiß die Ganztags-Beauftragte der Kölner Sportjugend. Außerdem sei die Begeisterung bei Grundschulen und Kindergärten groß, dass endlich auch einmal männliche Übungsleiter zur Verfügung stünden: „Die Jungs möchten halt einfach mal mit einem Mann Fußball spielen, ringen und raufen.“ Es sei zu wünschen, dass sich die Vereine noch mehr in den Offenen Ganztag einbringen: „Der Bedarf an Kooperationspartnern ist da und steigt stetig, und die Budgets sind ebenfalls da.“

Was bisher noch fehlt, ist eine zufriedenstellende Lösung für die Vereine, deren Größe oder Struktur nicht für eine Beteiligung am Offenen Ganztag geeignet ist.