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Köln.Sport in Gefahr: Die Rollen meines Lebens

Die HC Köln-West Rheinos sind eines der besten Teams in Köln, wurden 2018 Deutscher Vizemeister im Skaterhockey. Für die neueste Ausgabe von „Köln.Sport in Gefahr“ hat sich ein Reporter selbst auf die Skates getraut und die rasante Indoor-Sportart ausprobiert.
Skaterhockey

Mit müden Beinen zum Wechsel: Standard beim Skaterhockey. (Foto: Anna Koppenhöfer)

Klebeband. Die Antwort lautet Klebeband. Tagelang habe ich mich gefragt, welche Vorbereitung die beste wäre, bevor ich mich mit den HC Köln-West Rheinos treffe, um für die neue Folge von „Köln.Sport in Gefahr“ Skaterhockey auszuprobieren. Was muss ich tun, um halbwegs sinnvoll mitmachen zu können, ohne den „Cracks“ den Spaß am Spiel zu nehmen? Welche kleinen Tricks und Kniffe sind wichtig, damit ich mich auf den Skates nicht völlig blamiere? Schläger schleifen? Die Rollen an den Inlinern manipulieren? Oder direkt ein Sauerstoff-Zelt? Wie ich schnell merken werde, ist vor allem -Klebeband – zumindest für die Spielvorbereitung – quasi überlebenswichtig. Aber dazu später mehr.

 Es ist Montagabend, kurz nach 19 Uhr. Der Januar-Schnee ist in den letzten Tagen verschwunden, dennoch ist es bitter kalt, als ich an der Halle der Rheinos auf der Großsportanlage in Bocklemünd ankomme. Eigentlich bin ich großer Sport-Fan, vor allem nach einem langen Tag im Büro oder im Auto ist es für mich der perfekte Ausgleich. Nur heute weiß ich nicht so recht, was mich erwartet. Skaterhockey steht auf dem Programm, das „Eishockey auf Rollschuhen“, wie der Laie behaupten würde. Aber ich bin nicht gerne voreingenommen, was solche Urteile angeht. Die Erfahrung, was die Sportart wirklich ausmacht, will ich ja heute am eigenen Leib erfahren. Dafür bin ich verabredet  – mit Hans-Hermann Merkel. „Möppi“, wie er im Verein nur genannt wird ist ehemaliger Bundesliga-Spieler der Rheinos und mittlerweile Cheftrainer der ersten Mannschaft, die sich 2018 erst im Finale um die Deutsche Meisterschaft den „Crash -Eagles“ Kaarst geschlagen geben musste. „Herzlich willkommen“, sagt er und schüttelt mir die Hand. Sein Lächeln ist herzlich, birgt aber auch einen Hauch von „Du hast keine Ahnung, auf was du dich da einlässt.“ Oder bilde ich mir das gerade nur ein?

Ausgiebige Vorbereitung

Die Halle der Rheinos ist stilecht gestaltet. Die Banner an der Decke (ganz im Stile US-amerikanischer Vorbilder) zeugen von einer erfolgreichen Skaterhockey-Tradition. Nur die recht klein gehaltene Tribüne sorgt ab und an für Probleme. „Beim DM-Finale in Dezember hatten wir über 800 Kartenanfragen. Leider sind hier nur 150 Zuschauer erlaubt“, erklärt Merkel. Da hat man schon die Möglichkeit, als Randsportart in den Fokus zu rücken und solche Dinge stehen im Weg, denke ich. Aber gut; dass mir heute 800 Augenpaare zuschauen, ist ja eh ausgeschlossen. Die Könner der ersten Mannschaft werden von meinem „ersten Mal“ ohnehin verschont, ich habe mich stattdessen in die Trainingsstunde der „Rheinoldstars“ eingebucht. Ein Ensemble aus ehemaligen Rheinos-Spielern, die zum großen Teil nicht mehr in den Wettbewerbs-Teams aktiv sind, aber ihrer großen Leidenschaft weiter einmal in der Woche nachgehen. Da könnte es ja etwas entspannter zugehen als in den „richtigen“ Teams, so meine Hoffnung. Ja und nein, wie sich später herausstellt.

Zunächst geht es für mich in die Umkleide-Kabine. „Möppi“ hat freundlicherweise vorgesorgt und stellt Equipment zur Verfügung. Inline-Skates, Knie- und Ellbogenschoner, Hockeyhose samt Suspensorium (dt.: „Sackschutz“) sowie der auch im Eishockey typische „Protektoren-Einteiler“ für den Oberkörper ergänzen mein Outfit aus modischer Sport-Unterwäsche und geben mir das Gefühl, die Kabine sei auf stabile 44 Grad vorgeheizt. Da nichts davon mir gehört und folglich nur mittelmäßig sitzt, kommt die Geheimwaffe zum Einsatz: Klebeband. Wade, Knie, Bauch, Arm – überall wird mein Outfit mit dem nützlichen Haushaltshelfer fixiert. So lange, bis alles sitzt. Schon erstaunlich, welche Mengen an Klebeband hier innerhalb kürzester Zeit „verbaut“ werden.

Die ersten Schritte gelingen

Da ich bis auf Schläger und Helm schon komplett ausgerüstet bin und der Rest der Bande gerade erst in der Kabine eintrudelt, bleibt noch Zeit für ein kurzes Vorab-Gespräch mit Kai Esser, Leistungsträger der Herren-Mannschaft und 2018 mit der deutschen Nationalmannschaft Vize-Europameister. Ein guter Gesprächspartner, um das Vorurteil namens „Eishockey-Abklatsch“ auf den Tisch zu bringen. Denn Kai ist selbst bei den Kölner Haien ausgebildet, erst später zum Skaterhockey gewechselt. „Wir hören den Vergleich natürlich oft. Aber Skaterhockey findet auf kleinerem Feld statt, ohne Abseits. Es gibt mehr Aktionen in Tornähe. Das Spiel ist attraktiver für die Zuschauer“, erklärt er. Vielleicht auch ein Grund, warum Esser als „Kölns Sportler des Jahres“ 2018 nominiert ist und bei der Kölschen Sportnacht am 30. März auf eine Auszeichnung hofft. Ein Unterschied zum Eishockey ist laut Esser auch die Kontrolle des Balles, die schwieriger sein soll als die des Pucks auf dem Eis. Ein Vergleich wird mir ad hoc schwer fallen, immerhin habe ich beide Sportarten noch nie gemacht, aber die Attribute „Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer, Koordination“, die Esser einem guten Skaterhockey-Spieler zuschreibt, erfülle ich immerhin ein bisschen: ein bisschen Kraft, ein bisschen Schnelligkeit, ein bisschen Ausdauer, ein bisschen Koordination. 

Meine Vorbereitung auf das anstehende, knapp 90-minütige Spiel wird von den Komponenten „kaltes Wasser“ und „werfen“ bestimmt, denn nach knapp fünf Minuten Aufwärmen geht es auch schon los. Team weiß vs. Team schwarz, alle 18 Spieler haben ihre Klamotten clevererweise so gewählt, dass das Zusammenstellen der Teams sehr einfach ist. Ich bin bei Team weiß. Taktikbesprechung. „Thomas, du spielst Stürmer“, sagt „Möppi“, der – ganz der Coach – auch hier sein Team organisiert. Skaterhockey wird grundsätzlich mit zwei Verteidigern, zwei Stürmern und einem Torhüter gespielt, wobei der Trend im Spitzensport eher zu einer sanften Auflösung der Feldspieler-Positionen geht, frei nach dem Motto „Jeder muss alles können“. Da wir acht Feldspieler zur Verfügung haben, stehen genau zwei Verteidigungs- und zwei Angriffs-Reihen zur Verfügung, die im fliegenden Wechsel getauscht werden können. Anvisiert werden „Stints“ (Zeit auf dem Spielfeld) von ca. 90 bis 120 Sekunden.

Naive Wechselfehler

Warum das so ist, merke ich recht schnell, als ich zum ersten Mal ins Spiel komme. Ständige Richtungswechsel, Sprints nach vorne und hinten, Körperkontakt – Skaterhockey fordert den gesamten Bewegungsapparat! Ich tue mich zunächst noch schwer mit der Koordination von Skate-Technik und Schläger-Bewegung am Ball. Immerhin: An der Skate-Erfahrung liegt es nicht, immerhin bin ich (Jahrgang 1987) mitten im Inliner-Hype der 90er- und frühen 2000er-Jahre aufgewachsen. Erste Pässe gelingen, andere gehen daneben. „Das ist normal“, sage ich zu mir selbst und sprinte in die eigene Hälfte zurück. Als wir den Ball hinter dem Tor sichern, geht es wieder zum Wechsel. „Gute Defensivarbeit“, sagt ein Teamkollege. Immerhin: Eine Vorstellung von defensiver Ordnung habe ich, die ist in anderen Team-Sportarten durchaus ähnlich. Im 1-gegen-1 „auswackeln“ könnte mich hier trotzdem jeder.

Überraschend schnell kann ich einen kleinen persönlichen Erfolg feiern: Nach einem Ballverlust des Gegners sind wir mit zwei Angreifern gegen einen Verteidiger und den „Goalie“. Nach dem Querpass meines Mitspielers könnte ich schießen, doch das Vertrauen in meinen Handgelenk-Schuss ist noch nicht so groß wie der Schweiß-Film auf meiner Haut. Also lege ich den Ball im Laufen erneut quer, mein Mitspieler vollendet gekonnt. Mein erster Assist! Ein gutes Gefühl, auch wenn die Entscheidung eher auf mangelndem Selbstvertrauen beruhte. Aber das muss hier und jetzt niemand wissen. Und: Bei den unzähligen Toren meines Teams, die ich mit fragwürdigen Aktionen verhindert (!) habe, wirkt ein einzelner Assist eher wie der Tropfen auf dem heißen Stein.

Mehr und mehr habe ich aber das Gefühl, zumindest am Spiel teilnehmen zu können, ohne hinter meinem Gesichtsgitter als der „Anfänger“ erkannt zu werden. Ein Trugschluss, ich weiß, aber mit dieser Einstellung macht es einfach mehr Spaß. Und so spielt es sich auch besser! Denn kurz vor dem Seitenwechsel überrasche ich mich selbst. In halbrechter Position komme ich etwa acht Meter vor dem Tor an den Ball und ziehe ab … drin! Als Zuschauer hätte ich das wohl als „schönes Tor“ bezeichnet, im Moment kommen mir eher das „blinde Huhn“ und das „Korn“ in den Sinn. Fest steht: Der Verteidiger zwischen mir und dem Gehäuse hatte dem Torhüter die Sicht versperrt, so fand mein einigermaßen gut platzierter Schuss den Weg in die rechte obere Torecke. Für mich steht fest: Der Abend ist gerettet! Dass ich von meinen Gegenspielern durchaus mal einen halben Meter mehr Platz bekomme als die übrigen Spieler, habe ich natürlich gemerkt, aber ein Tor habe ich mir dennoch nicht auf Anhieb zugetraut.

Die Freude setzt neue Kräfte frei, die ich bis zum Ende des Trainings auch dringend brauche. Mit jedem „Stint“ werden die Beine etwas schwerer. Besonders dann, wenn man wie ich mindestens einmal den passenden Moment für einen Wechsel verpasst und dann bestraft wird, weil sich über Minuten keine neue Möglichkeit bietet. Mehr als meine Beine und Lunge in diesen Momenten brennt bestenfalls der „Nubbel“ am Aschermittwoch (bzw. Karnevals-Dienstag, je nach Tradition). Trotzdem schaffen wir es nach mehreren Führungswechseln immerhin, das Spiel mit einem 8:8 zu beenden. Nach gut 80 Minuten reiner Spielzeit gehen „Team weiß“ und „Team Schwarz“ schiedlich-friedlich auseinander. Allerdings nicht, ohne mit einem Kölsch und Grillwurst den Abend ausklingen zu lassen.

Zeit für ein Fazit: „Du hast dich echt gut geschlagen“, attestiert „Möppi“ und ich meine, in seinem Blick zu erkennen, dass er für mich für den Bundesliga-Kader 2019 fest auf dem Zettel hat. Spaß beiseite: Diesen coolen, actionreichen und herausfordernden Sport kennenlernen zu dürfen, hat großen Spaß gemacht. Ich habe mich schon für einen weiteren Besuch bei den „Rheinoldstars“ angekündigt.