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„Köln lag jahrelang brach“

Als Präsident des Landessportbundes NRW kämpft Walter Schneeloch um finanzielle Mittel und Anerkennung für den Sport. Doch die Organisation in den Städten ist an vielen Stellen unzureichend. Gerade Köln ist in dieser Hinsicht nicht gerade ein Vorbild, wie er im Interview bemängelt.
Walter Schneeloch

Seit 13 Jahren leitet Walter Schneeloch die Geschicke des LSB NRW. (Foto: Thomas Berger)

Hoher Gast: Fast fünf Jahre nach seinem letzten Besuch in der Köln.Sport-Redaktion stellte sich Walter Schneeloch erneut zum Interview. Und der Präsident des Landessportbundes NRW sagte wie immer deutlich seine Meinung.

Hallo Herr Schneeloch, der Stadtsportbund ist derzeit ein großes Thema in Köln. Wie stellen Sie sich die Arbeit eines solchen Bundes – auch in Zusammenarbeit mit dem Landesportbund – idealerweise vor?

Im Grunde müssen die Vereine zu der Überzeugung gelangen, dass der Stadtsportbund – unabhängig von jeweiligen der Stadt – ihr Lobbyist ist, derjenige, der ihre Interessen engagiert vertritt. Gerade in Städten wie Köln mit einer solch hohen Anzahl an Vereinen, kann nicht jeder Klub für sich sprechen. Das muss eindeutig gebündelt werden. Und der Interessenvertreter muss dann die Anliegen seiner Vereine auch der Politik gegenüber äußern und vertreten. Auch Kritik muss zur Sprache kommen. Dafür muss aber auch der Draht in die Politik stimmen, vor allem die Vernetzung.

Die zumindest sollte durch den SSBK-Vorsitzenden Peter Pfeifer in Köln aber gegeben sein.

Ja, allerdings wirkt es für mich so, als lege man in Köln großen Wert darauf, einen Sitz im Sportausschuss der Stadt zu bekommen. Ich persönlich lege bei meiner Arbeit als LSB-Präsident keinerlei Wert auf einen Sitz im Sportausschuss der Landesregierung. Warum auch? Natürlich sind wir regelmäßig als Gast dabei, sodass wir wissen, was läuft. Aber viel wichtiger ist doch, dass ich vernetzt bin und jederzeit meine Gespräche mit den Politikern führen kann. Und da muss man Klinken putzen, ständig auf der Matte stehen. Nicht nur ich, sondern auch die Hauptberufler im LSB sind deshalb regelmäßig in den Ministerien zu Gast.

Was wäre denn, besonders für Peter Pfeifer oder den SSBK als Ganzes, die Lösung, um dem Sport in der Stadt mehr Gehör zu verschaffen?

Die Bevölkerung zu mobilisieren, ist extrem schwierig. Für mich fühlt es sich so an, als würde in Köln unheimlich viel hingenommen, ohne dass sich die Menschen darüber aufregen. Das sehen sie auch im Schulbereich. Die Eltern machen nicht mobil, wenn Sportunterricht ausfällt – nur, wenn Mathematik oder Englisch ausfällt. Herr Pfeifer muss versuchen, über die Sportpolitiker, aber auch über Politiker aus anderen Bereichen wie Gesundheit Zugang zu finden. Sport spielt in vielen Politikfeldern eine Rolle. Ich muss über die Fraktionsspitzen versuchen, meine Forderungen zu platzieren. Und wenn das nicht gelingt, muss ich in die Öffentlichkeit. Aber das ist ein schwieriges Geschäft, das jahrelang in Köln brachlag. Sicher waren Versuche da, auf die Politik einzuwirken, aber auf welche Weise, ist die andere Frage.

Gibt es Kritikpunkte am Sport in Köln?

Ich halte es für unverantwortlich, wie viel Zeit und wie viele Hallen den Kindern in Köln oder anderen Großstädten durch die Unterbringung von Flüchtlingen genommen wurden. Andere Städte haben die Probleme anders gelöst, und zwar über Jahre hinweg. In Spitzenzeiten waren in Köln fast 30 Hallen belegt. Und nun geht es darum, die Hallen zu sanieren, damit sie zumindest danach wieder den Kindern und Jugendlichen zur Verfügung stehen. Ich werde nie die Rede von Michael Neumann 2015 vergessen, er war damals Innensenator in Hamburg. Er sagte: „Ich habe es geschafft, dass keine Sporthalle mit Flüchtlingen belegt werden muss, wir haben immer andere Lösungen gefunden. Und so soll es auch bleiben.“ Damals ging man noch von 70.000 weiteren Flüchtlingen in Hamburg aus. Also: Wenn man den Willen hat und erkennt, wie wichtig der Sport für uns als Gesellschaft ist, gibt es auch immer andere Lösungen.

Der LSB erhält von 2018 bis 2022 insgesamt 210 Millionen Euro vom Land, also pro Jahr etwa acht Millionen Euro mehr als bisher. Ein Erfolg?

Ja, auf jeden Fall. Nicht nur finanziell, auch die Planungssicherheit durch diese neue Zielvereinbarung ist uns wichtig. Eigentlich wollten wir mit der alten Regierung schon vor der Landtagswahl übereinkommen, aber dann hat Hannelore Kraft das Konzept kurz vor der Landtagswahl gekippt – eineinhalb Jahre Verhandlungen waren dahin. Das war traurig, aber im Nachhinein sind wir fast froh, dass es so gelaufen ist, denn diese Summe – 7,8 Millionen mehr pro Jahr – hätten wir mit der alten Regierung nie hinbekommen.

Wofür soll das Geld konkret eingesetzt werden?

Wir haben ein großes Fachkräftesystem aufgebaut, dezentral 70 halbe Fachkräftestellen im Programm „NRW bewegt seine KINDER!“ sowie 40 Stellen im Programm „Integration durch Sport“ eingerichtet. Diese Stellen werden von uns finanziert mit Geld, das wir vom Land erhalten. Da haben wir eine Zwischenfinanzierung bis Juni abgesichert, weil wir Angst hatten, dass Stellen wieder gekündigt werden, weil die Sportbünde nicht wissen, ob es mit dem neuen Pakt klappt. Jetzt ist die Finanzierung langfristig abgesichert. Und das führt dazu, dass viele befristete Stellen entfristet werden. Ich bin darüber sehr glücklich. Viel Geld fließt aber tatsächlich auch in den Leistungssport.

Das müssen Sie erklären.

Wir mussten es endlich schaffen, dass der LSB die Strukturen fördert, die Trainer, das Personal, alles, was dazugehört. Das hat an vielen Stellen die Sportstiftung gemacht. Dies ist aber gar nicht ihre Aufgabe, sondern die Aufgabe des Landessportbundes. Und zwar mit vernünftigem Aufwuchs. Viele Trainer haben befristete Verträge und leben von der Hand in den Mund, dieser Zustand muss geändert werden. Ansonsten gehen die Spitzentrainer da hin, wo es mehr zu verdienen oder zumindest einen sicheren Arbeitsplatz gibt. Das wollten wir schaffen, ohne der Sportstiftung etwas wegzunehmen. Seit Jahresbeginn haben wir nun eine klare Aufgabenverteilung: Wir fördern die Strukturen, die Sportstiftung fördert die individuelle Entwicklung der Sportlerinnen und Sportler.

In der neuen Zielvereinbarung mit der Landesregierung ist auch festgehalten, dass man sich in Sachen Sportentwicklungsplan an den LSB NRW wenden kann und Hilfe bekommt. Gab es aus Köln mal Kontakt?

Ich glaube, da sind wir nicht einbezogen worden. Aber da gibt es ja einen richtigen Markt mit einigen Firmen, die diese Sportentwicklungsplanungen machen. Wir würden uns da gerne aus einem einfachen Grund einmischen: Wenn die Belange des organisierten Sports nicht berücksichtigt werden, stehen die Anliegen des nichtorganisierten Sports auf einmal ganz oben auf der Agenda.

Genau so ist es in Köln gekommen.

Aber der organisierte Sport muss doch mitgenommen werden, sonst laufen wir Gefahr, dass genau diese Sporträume, die wir für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen brauchen, bei den Entwicklungsplänen eine geringere Rolle spielen. Und dafür kämpfen wir, dass diese Räume erhalten bleiben müssen.

Wie sehen Sie den Kampf zwischen Kultur und Sport in Köln?

Vorab: Kultur ist natürlich ebenso wichtig, ich habe gerne ein Abo für die Philharmonie in Köln. Ich kämpfe nur um die Augenhöhe. Als ich 2014 zum letzten Mal bei Köln.Sport zu Besuch war, haben wir über die Kennzahlen von Kultur und Sport gesprochen. Pro Besucher in einem Museum gab die Stadt Köln damals im Schnitt 88 Euro Zuschuss. Das dürfte nicht weniger geworden sein, eher im Gegenteil. Da sind Opernhaus und andere Institutionen noch nicht eingerechnet. Aber wenn ein Hallenbad einen Bedarf von sechs Euro pro Gast hat, dann steht schon auf der Kippe, ob es noch finanziert werden kann. Da fehlt eben die Lobby für den Sport. Und schon sind wir wieder bei Herrn Pfeifer. Ich beneide ihn nicht um diese Aufgabe, diese Lobby in Köln wieder aufzubauen und den Sport zu mobilisieren. Das ist eine extrem schwere Aufgabe. Den Vergleich zu Düsseldorf will ich lieber nicht bringen.

Doch, tun Sie das bitte. Was wird dort besser gemacht?

Düsseldorf hat zum Beispiel einen Masterplan aufgelegt. Darin ist ein Zeitplan festgelegt, welche Sporträume bis wann saniert oder überarbeitet werden müssen. Wo werden neue Sporthallen gebraucht? Wo muss saniert werden, damit die Leute wieder gerne zum Sport gehen? Großveranstaltungen gibt es in Köln auch, keine Frage. Aber ich muss das eine tun, ohne das andere zu lassen.

Abschließend: Wie stehen Sie zur möglichen Rhein-Ruhr-Olympia-Bewerbung?

Wir stehen voll dahinter. Aber wir müssen auch die Menschen dafür begeistern. Das schaffe ich aber nicht, wenn die Sportstätten vor Ort schlecht sind. Wie soll ich mich dort für Olympische Spiele begeistern, wo die Sportstätten für die Profis auf Hochglanz poliert werden, und alles andere bleibt wie gehabt. Das geht nicht. Wir sind uns einig, dass die theoretische Begeisterung für solche Großereignisse vorhanden ist. Aber nur, wenn die Voraussetzungen stimmen.

Das Interview führten Peter Stroß und Thomas Werner.