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Haie-Coach Clouston: Der Reanimator

Cory Clouston, Trainer der Kölner Haie

Führte die Kölner Haie ins Playoff-Halbfinale: Chefcoach Cory Clouston
Foto: imago/Eibner

Cory Clouston hat den Kölner Haien ­endlich wieder Biss gegeben. Aus einer Ansammlung von Einzelkönnern formte der Kanadier ein Team mit Herz und Verstand. Warum der ehemalige NHL-Coach ein Glücksfall für den KEC ist.

So etwas hatten selbst langjährige Begleiter der Kölner Haie geraume Zeit nicht mehr erlebt: Die mit über 18.000 Zuschauern prall gefüllte Lanxess-Arena tobte, die Fans hüpften und sangen vor Freude, selbst die Spieler schauten während der laufenden Partie mit einem Lächeln auf den Lippen auf die Ränge. 5:1 führte der KEC im zweiten Playoff-Halbfinale der Deutschen Eishockey Liga (DEL) gegen den EHC München, die holprige Saison schien ein für allemal vergessen gemacht. Nur einer blieb komplett ruhig im Auge des Stimmungsorkans: Cory Clouston schien schon kurz nach der Schlusssirene mit den Gedanken beim nächsten Spiel zu sein. Freude über das Erreichte? Kaum spürbar. Auch während der Partie ist der Kanadier betont ruhig. Ausgiebiger Jubel nach Treffern? Fehlanzeige.

Und das hat Gründe, wie der ehemalige NHL-Coach (von 2009 bis 2011 Cheftrainer der Ottawa Senators) betont: „Zum Jubeln habe ich keine Zeit. Der Jubel gehört den Spielern, ich schieße ja keine Tore. Ich muss mich sofort wieder konzentrieren, damit die richtigen Spieler auf dem Eis sind“, stellt er seine Aufgaben als Trainer voran. Selbst Fehlentscheidungen der Schiedsrich­ter wie in der Playoff-Serie gegen Berlin, als den Haien zwei glasklare Treffer aberkannt wurden, bringen den 46-Jährigen nicht aus dem Konzept: Nach dem Motto „Losing focus is losing games“ (Verlierst du deinen Fokus, verlierst du auch Spiele!) bleibt Clouston stets die Ruhe in Person – Ausraster und Diskussionen wie bei anderen DEL-Trainer sind bei ihm nicht zu sehen. „Ich habe in der NHL gegen die besten Trainer der Welt gecoacht und von ihnen gelernt, Ruhe zu bewahren. Wenn du dich in Emotionen verlierst, hilft das nicht“, betont der „Drill Sergeant mit dem Babyface“, wie er in Nordamerika während seiner Zeit bei den Senators genannt wurde.

Cooler Stabilitätsfaktor

In Köln steht dagegen seine ruhige, hochkonzentrierte Art im Fokus. Als „Eisblock-Trainer“ bezeichnete ihn die „Bild“-Zeitung, bei anderen gilt er als kühler Stratege, der auch in schwierigen Situationen den Kopf behält. Eine Herangehensweise, die sich auf das Eis überträgt: Mit kühlem Kopf meisterte das zuvor äußerst instabile KEC-Team zunächst die Drucksituation im Endspurt um die Playoff-Qualifikation und kämpfte sich durch enge Serien gegen den amtierenden Titelträger Mannheim sowie die von Haie-Legende Uwe Krupp gecoachten Eisbären Berlin. Das imponiert auch den Verantwortlichen beim achtmaligen Deutschen Meister: „Es ist eine Frage der emotionalen Kontrolle. Cory bleibt, egal was passiert, immer ruhig – das ist auf der Trainerbank sehr wichtig. Gerade in unserer Sportart, in der es besonders in den Playoffs viel Druck gibt“, sagt Haie-Sportdirektor Mark Mahon: „Wenn Sie sich Spiel sechs und sieben gegen Berlin anschauen, zwei absolute ‚Must-win‘-Spiele, dann war das dort immer derselbe Cory Clouston. Das ist für ein Team sehr wichtig. Als Coach ist er der Leader – und wenn er ruhig bleibt und viel Vertrauen ausstrahlt, dann strahlt das auch auf das Team aus.“

Dass das funktioniere, beweise der Einzug ins Playoff-Halbfinale. Auch Peter Schönberger, Haie-Geschäftsführer, ist von der Arbeitsweise des erfahrenen Trainers beeindruckt: „Wenn man Cory gegenübersteht, merkt man, dass er ein sehr ruhiger Mensch ist, der klare Ansagen macht. Er hat in kurzer Zeit aus dieser Mannschaft ein echtes Team geformt und strahlt durch seine enorme Erfahrung eine unglaubliche Ruhe und Stabilität aus, vor allem in kritischen Situationen. Das ist eine ganz besondere Eigenschaft, die man selten bei Trainern antrifft.“

„Angenehm, ruhig & präzise“

Lobeshymnen gibt es auch von den Spielern, denen Clouston schnell sein System nahegebracht hat: „Er hat uns Struktur und Konstanz gegeben. Unser Spiel sieht, von außen betrachtet, besser aus und so fühlt es sich auch an“, sagte Angreifer Alexander Weiß während der Saison. Auch Kapitän Moritz Müller spricht in den höchsten Tönen von seinem neuen Vorgesetzten: „Cory ist angenehm, ruhig und präzise. Er sagt klar, was er haben möchte, und lässt keinen Spielraum für Diskussionen. So haben wir wieder Selbstvertrauen getankt“, weiß der Verteidiger um die Verdienste des Familienvaters, der insbesondere die Haie-Defensive stabilisiert hat.

„Unser Ziel ist natürlich, so wenig wie möglich zuzulassen. Man will zwar sicherlich immer mehr Torchancen generieren, aber nicht auf Kosten der Defensive, indem man zu weit aufmacht“, beschreibt Clouston seine Marschroute. Unter ihm bekommen die Haie weniger Schüsse auf das eigene Tor, der Gegner spielt sich weniger klare Chancen heraus. „Das Team spielt mittlerweile sehr strukturiert, agiert gut zusammen und steht sehr kompakt“, lobt Mahon. „Cory hat einen Plan, wie er spielen will, und das kann er den Spielern auch gut vermitteln.“ So eingestellt, entnervte der KEC beispielsweise auch die Krupp’schen Eisbären im entscheidenden siebten Spiel, das zuvor zu einer „Do or die“-(Friss oder stirb)-Partie erklärt worden war. Eine Einstellung, die Clouston nicht teilt: „Solche Spiele gibt es für mich nicht. Es muss Spaß dabei sein, zu viel Druck ist nie gut. Wir kämpfen ja nicht um unser Leben. Da gibt es andere Menschen auf der Erde, denen es so ergeht. Wir dagegen haben es beneidenswert gut hier: eine tolle Stadt, ein toller Verein und eine tolle Arbeit“, setzt er sein Wirken in die entsprechenden Relationen. Auch hier: Ruhe ist das oberste Gebot.

Dass er auch in der kommenden Saison auf der Trainerbank der Kölner Haie Platz nehmen wird, ist bereits beschlossen. Nur einen Tag nach dem Halbfinal-Aus gegen den EHC München verlängerte Clouston seinen Vertrag in der Domstadt um ein weiteres Jahr. „Durch seine strukturierte und professionelle Herangehensweise war Cory in kurzer Zeit in der Lage, das Team zu stabilisieren, zu führen und zu motivieren. Cloustons enorme Erfahrung kombiniert mit seiner starken Kommunikationsfähigkeit und seiner taktischen Denkweise sind für uns Schlüsselcharakteristika, die wir benötigen, um in der Zukunft konstanter und erfolgreicher zu sein“, erklärte Mahon bei der offiziellen Verkündung. Das dürfte bei den Haie-Fans abermals für gute Laune gesorgt haben.

Thomas Reinscheid