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Fall Rehm: ”Verpasste Chance”

Beindertensportler Markus Rehm mit seiner Karbon-Prothese. Foto: IMAGO

Beindertensportler Markus Rehm mit seiner Karbon-Prothese.
Foto: IMAGO

Der „Fall“ Markus Rehm führt weiter zu kontroversen Diskussionen. Köln.Sport fragte nach …

Der Paralympicssieger von 2012, der am vergangenen Wochenende Deutscher Meister im Weitsprung bei den Nichtbehinderten wurde, hat nach Meinung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) einen Vorteil durch seine Karbon-Prothese gegenüber anderen Sportlern ohne Handicap. Laut Verbandspräsident Clemens Prokop bestehen „deutliche Zweifel, dass Sprünge mit Beinprothese und mit einem natürlichen Sprunggelenk vergleichbar sind“. Mit der Folge, dass Rehm trotz Norm-Erfüllung nicht bei den EM in Zürich (12.-17. August) starten darf. Der Leverkusener will auf rechtliche Schritte verzichten. Ob er seinen Titel als Deutscher Meister im Weitsprung behalten darf, soll vom Bundesausschuss für Wettkampforganisation entschieden werden.

 

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Potthast, Institut für Biomechanik und Orthopädie an der Deutsche Sporthochschule Köln:

„Es war sehr unglücklich und ist schwer nachvollziehbar, Markus Rehm zunächst zum Deutschen Meister zu küren und ihn drei Tage später aufgrund vermeintlicher Chancen-Ungleichheit von den Europameisterschaften auszuschließen. Die Datenlage, auf der die Entscheidung getroffen wurde, ist nicht umfassend. Ein derart kurzfristig getroffener und übereilter Schiedsspruch wäre nicht notwendig gewesen.

Bereits im Juli 2013 ist Markus Rehm eine Weite von 7,95 m gesprungen. Frühzeitig eingeleitete umfangreichere Studien hätten wertvolle Informationen liefern können, um eine seriöse datenbasierte Entscheidung bereits vor den Deutschen Meisterschaften treffen zu können. Die Dachverbände dürfen nicht weiterhin Verfügungen zur Inklusion von Athleten mit Behinderungen an Einzelfällen erlassen, wie nun bei Markus Rehm und vor Jahren bei Oscar Pistorius geschehen. Sie sind gefordert, grundsätzliche belastbare Regularien, basierend auf soliden Datensätzen festzulegen.“

 

Reinhard Schneider,
 Vorsitzender Behinderten-Sportverband Nordhrein-Westfalen (BSNW):

„Als der Deutsche Leichtathletik-Verband Markus Rehm die Starterlaubnis für die Deutsche Meisterschaft gegeben hatte, habe ich geglaubt, dies sei ein Durchbruch in den Bemühungen um Inklusion im Spitzensport. Sein Ausschluss von der Teilnahme an den Europameisterschaften ist daher mehr als enttäuschend. 
Vor allem die Begründung, dass Markus einen Vorteil haben könnte, sticht nicht. Die jetzt geführte Debatte hat es bereits vor Jahren im Fall Pistorius gegeben, und man wusste von der Brisanz des Themas Prothesennutzung und Chancengleichheit. Markus Rehm dann zur Deutschen Meisterschaft zuzulassen, jedoch bei der Europameisterschaft die Starterlaubnis zu verweigern, ist ein grober Fehler.

Die biomechanischen Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Daher hätte Markus Rehm in das Europa-Team aufgenommen werden müssen. Als fairer Sportsmann hatte Rehm im Vorfeld erklärt, dass er eine spätere Disqualifikation akzeptieren würde, wenn ein Vorteil durch die Prothesennutzung nachweisbar wäre. So stehen die mechanischen Eigenschaften eines Karbonfußes im Blickpunkt und nicht die fantastische Trainings- und Wettkampfleistung eines großartigen Sportlers.
 Damit verpasst der Ausnahmeathlet die Chance, an einem hochkarätigen Wettkampf als gleichberechtigter Sportler teilzunehmen, und der DLV hat die Chance verpasst, sich als Unterstützer des Inklusionsgedankens im Sport zu profilieren.“

 

Christian Ermert, Chefredakteur Zeitschrift „Leichtathletik“

„Es ist nicht auszuschließen, dass Markus Rehm durch seine Prothese einen Vorteil hat. Ich finde es deshalb richtig, einen tollen Athleten wie Markus Rehm zwar gemeinsam mit der nichtbehinderten Konkurrenz starten zu lassen, aber nicht gemeinsam zu werten. Denn die meisten Beobachter in Ulm waren sich einig, dass Weitsprung mit Carbon-Prothese eine ganz andere Disziplin und nicht direkt vergleichbar ist mit dem Weitsprung nichtbehinderter Athleten. Diese Ansicht unterstützen auch die ersten biomechanischen Untersuchungen, die bei den Deutschen Meisterschaften gemacht wurden.

Wer von Diskriminierung spricht, weil Rehm nicht für die EM nominiert wurde, schießt weit über das Ziel hinaus. Denn das hohe Gut der Inklusion behinderter Athleten wird durch den Fall Rehm ja auch nicht wirklich infrage gestellt. Immer mehr behinderte und nichtbehinderte Menschen treiben täglich gemeinsam in Training und Wettkampf Sport. Und darauf kommt es an.“

 

Lars Bischoff, Agentur HEIMSPIELE, Köln:

„Als betreuende Agentur sind wir gleichermaßen enttäuscht über die Nichtnominierung zur EM wie unser Athlet Markus Rehm selbst. Wir verstehen auch das Dilemma, in dem der DLV steckt, und deshalb teilen wir die Haltung von Markus, der bereits im Vorfeld gesagt hat, dass er die Entscheidung hinsichtlich der EM-Nominierung akzeptieren wird, egal wie diese ausfällt.

Wir unterstützen aber auch die weiteren Schritte von Markus, denn, es wird jedem klar sein, dass die rudimentäre Untersuchung in Ulm nicht die Basis für eine endgültige Entscheidung sein kann. Daher werden wir mit allen Verantwortlichen alles dafür tun, um schnellstmöglich wissenschaftlich belastbare Daten erheben und auswerten zu lassen, um damit Fairness für alle Beteiligten zu erhalten.“

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