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„Es muss ein ‚Köln-Gen‘ geben“

Quelle: Getty

Thomas Broich wurde mit der Johnny-Warren-Medaille als bester Spieler der australischen A-League ausgezeichnet

Köln.Sport sprach mit Ex-FC-Spieler Thomas Broich, der zur Zeit sehr erfolgreich in Australien kickt. Mit den Brisbane Roar gewann der 31-Jährige am 22. April zum zweiten Mal in Folge das Finale um die australische Meisterschaft.

Hallo, Herr Broich! Wir erreichen Sie telefonisch in Australien. Mann nennt Ihr Team auch ehrfurchtsvoll „Roarcelona“, in Anspielung an Barca. Welchen Anteil tragen Sie daran?

(Lacht) Das ist immer schwer zu sagen. Ich glaube aber, dass das in erster Linie der Trainer ist, der uns das System auferlegt hat. Wenn nur ein einziger die Idee hätte, so zu spielen, dann würde es nicht funktionieren. Wir haben viele Spieler, die sich die Idee einverleibt haben.

Stellen Sie jetzt Ihr Licht nicht ein bisschen zu sehr unter den Scheffel?
Nein, wirklich nicht. Auch in Phasen, in denen ich verletzt war, haben die Jungs es trotzdem durchgezogen.

Einen Titel haben Sie bereits sicher, Sie wurden gerade von den Profis der australischen A-League zum „Spieler des Jahres“ gekürt. Eine gerechte Wahl?
Ich denke schon, dass es eine gerechte Wahl war. Ich selbst war ein wenig überrascht, weil ich die halbe Saison verletzt ausgefallen bin, konnte auch nicht sofort wieder einsteigen nach der Verletzung und habe etwas Zeit gebraucht, um wieder in Höchstform zu kommen. Aber umso mehr freut es mich, dass ich diesen Titel bekommen habe. Es war eigentlich ein schwieriges Jahr für mich. Diese Auszeichnung war somit ein bisschen die Krönung, wenn man meine zwei Jahre im australischen Fußball als Paket betrachtet.

Gab es einen Kandidaten, wo Sie gesagt hätten: Der hätte es eher verdient?
Es gibt ein Paar, die durchaus in Frage gekommen wären. Etwa mein Teamkollege Besart Berisha, der hat früher für den HSV gespielt und für uns fast 20 Buden gemacht. Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass er den Titel abräumen würde.

Wie lebt es sich sonst in Down Under?
Ach, hier lebt es sich superentspannt. Ich genieße es total. Fußball wird hier nicht so an die große Glocke gehängt. Es gibt einem so ein bisschen ein Schattendasein, das kommt mir total entgegen. Fußball macht riesig Spaß, und abseits des Platzes habe ich alle Freiheiten. Ich genieße einfach das Leben.

Vermissen Sie in Australien etwas aus Ihrer Kölner Zeit?
Die europäische Kultur vermisse ich schon ein wenig. Manchmal würde ich es kulturlos nennen. Dass man wie in Köln vor dem Dom steht und einfach mal 1.000 Jahre Geschichte einatmet, das gibt es hier nicht. Und die Essenskultur: Die ist manchmal ein bisschen arg Britisch.

Sie haben Köln vor drei Jahren verlassen. Haben Sie noch Kontakt hierher?
Ja, ich habe relativ viel Kontakt nach Köln. Ich habe noch einige Freunde dort und werde im Juni, wenn wir hier frei haben, bestimmt ein oder zwei Wochen in Köln verbringen.

Wissen Sie, wie es aktuell um den 1. FC Köln bestellt ist?
Ja, auf jeden Fall! Die Geschehnisse um den FC verfolge immer recht aufmerksam, aber ich „unterhalte“ mich mehr damit. (schmunzelt)

Haben Sie schon von der Verpflichtung von Rolf Herings als Assistenztrainer gehört?
Ja, das ist ja mal sehr sehr vernünftig. Den Rolf kenne ich selbst noch. Er ist einfach durch und durch ein sehr seriöser Mann – ich glaube, solche Leute braucht der FC.

Haben Sie noch Hoffnung, dass sich der Klub vor dem Abstieg rettet?
Ja, durchaus. Es wird ja wahrscheinlich so sein, dass sie in die Relegation müssen. Aber so wie ich Köln kenne, wird alles mobilisiert. Dann werden sie das hinkriegen.

Alle fragen sich: Was läuft bloß immer wieder falsch beim FC? Haben Sie eine Antwort parat?
Nicht so wirklich. Aber aus der Ferne betrachtet, wenn ich Meldungen wie über Peszko mitbekomme, dann drängt sich mir der Eindruck auf, dass es ein Köln-Gen geben muss, oder? Das Bayern-Gen soll es ja geben, also gibt es vielleicht auch so etwas wie das Köln-Gen. Heißt: Gegen so etwas kann man wohl gar nicht angehen.

Mancher FC-Fan wünscht Sie sich zurück. Besteht Hoffnung?
Nein, das ist überhaupt kein Thema. Ich fühl mich hier superwohl und bin auf den Geschmack gekommen. Ich könnte mir eher vorstellen, noch ein paar Jahre in Asien zu spielen. Ich bin eigentlich ganz froh, dass ich aus Deutschland raus bin. Das soll jetzt auch nicht falsch verstanden werden. Ich bin dem FC immer noch extrem verbunden, sprich: Er ist von allen meinen Vereinen der Verein, der mir am meisten am Herzen liegt. Für mich war die Zeit aber eher schwierig, und ich habe hier in Australien mein Glück gefunden.

Der gebürtige Oberbayer Broich lief zwischen 2004 und 2010 in der Bundesliga für Mönchengladbach, Köln und Nürnberg auf. Für die deutsche U21-Nationalmannschaft bestritt Broich zudem sieben Länderspiele. Im Sommer 2010 war die Geschichte des Australien-Aussteigers unter dem Titel „Tom meets Zizou“ in den deutschen Kinos zu sehen.