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Die Liebe zum Verein als Antrieb

Quelle: imago

1986 gründeten sich die

Die 1986 gegründeten „Fortuna Eagles Supporters“ sind Deutschlands älteste Ultrágruppierung. Dominik Kaiser, Autor von fankultur.com, zeichnet die Anfänge nach. Die Ultraszene sorgt in den Stadien der deutschen Fußballligen immer öfter für negative Schlagzeilen. Durch die Medien geistert das Bild von vermummten Männern, die Fußballplätze wie Schlachtfelder erstürmen. Doch das ist ein modernes Bild: Die wahren Beweggründe eines „Ultra“ liegen ganz woanders, wie die Geschichte dieser Gruppen in Deutschland zeigt.

Es ist der 33. Spieltag der Bundesligasaison 2010/2011. Eintracht Frankfurt unterliegt dem 1.FC Köln in der heimischen Commerzbank – Arena mit 0:2 und rutscht auf den vorletzten Tabellenplatz ab. Der Abstieg für den hessischen Traditionsverein scheint damit besiegelt. 150 Personen der Gruppe „Ultras Frankfurt 97″ stürmen das Feld und jagen Spieler ihres Teams wie Hunde über den Platz.

Neben einer 600.000 Euro teuren Spezialkamera zerstören diese Leute den Ruf einer kompletten Bewegung. Es war nicht das erste Mal, dass die „UF97″ unangenehm auffielen, bereits in der Hinrunde riefen sie via „YouTube“ zum „Schlachtfest in der Pfalz“ auf. Sind dies wirklich die Menschen, die ihr letztes Hemd für ihren Verein geben würden und sein Wappen mit Stolz tragen?

Italienische Vorbilder

Szenenwechsel. Renato und Marco betreiben ein kleines italienisches Restaurant in der Kölner Innenstadt. Die beiden Italiener sind nicht nur Gastwirte, sondern auch Fans der Kölner Fortuna und die ersten Ultras in Deutschland. „Früher war es langweilig im Stadion. Eigentlich in allen deutschen Stadien. Nichts war organisiert“, beschreibt Marco die Situation am Ende der achtziger Jahre.

Weder die damals noch gängigen „Kuttenträger“, noch die aufkeimende Hooligan-Szene entsprachen den Vorstellungen der jungen Männer, wie sich Fußballfans organisieren sollten. Angetrieben von ihren italienischen Vorbildern, den „Lazio Eagles“ (Ultras von Lazio Rom), gründeten sie 1986 die „Fortuna Eagles Supporters“, kurz „F.E.S“.

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Kennengelernt haben die beiden sich im Stadion im zarten Alter von 17 Jahren. Dort stieß ein weiteres Gründungsmitglied hinzu. Andreas war 13 und erinnerte sich: „Es gab schon ein paar andere Fans, aber von Organisation konnte da nicht die Rede sein.“ Mit dem Setzen eines optischen Highlights begann die Geschichte der „F.E.S“. Blaue Bomberjacken waren das erste Markenzeichen der Adler aus der Domstadt.

Drei Männer, drei Jahre und eine undefinierbare Zahl an Auswärtsspielen. Diese Zeit brauchte es, bis die Eagles unter den anderen Fortuna-Fans auffielen. „Renato hat irgendwann mal ein Megafon mitgenommen. Die anderen im Block waren irritiert, sie kannten sowas ja gar nicht. Aber von da an war Renato unser Mann auf dem Zaun.“

„Wir sind und waren immer nicht politisch orientiert“

Trotzdem sind Lehrjahre keine Herrenjahre. Oft wurden die Blaujacken belächelt und ernteten Unverständnis aus den eigenen Reihen. „Wir wurden mit unserer 5×5 Meter-Fahne oft wie Außerirdische angesehen. Aber woher sollte die das auch kennen? Wenige von ihnen waren wie wir in Italien und haben sich da den nötigen Input geholt“, erklärt Marco.

Gerade aber auf jüngere Fans strahlten die „Eagles“ nach und nach eine besondere Anziehungskraft aus. Es waren nicht die großen Massen die plötzlich dazukamen, aber Spiel für Spiel sammelten sich die Eintrittsanfragen. Die Gruppe wuchs und die blaue Bomberjacke wurde zu einem eindeutigen Erkennungsmerkmal unter eingefleischten Fortunen. „Das war ein ganz besonderes Gefühl, als plötzlich 30 Leute mit der gleichen Jacke im Block standen“, schwelgt Renato in Erinnerung.

Die Optik brachte aber Probleme mit sich. Schnell wurde versucht die Ultras von Fortuna in die rechte Ecke zu stellen. Doch alle drei stellen klar: „Wir sind und waren immer nicht politisch orientiert. Unsere Ziele lagen vollkommen woanders.“ Sie wollten die Fußballszene revolutionieren. Der erste Schritt war die Modernisierung der Fanszene des Kölner Südstadtclubs. Dinge, die heute das Bild jeder Fankurve prägen, haben ihren Ursprung in den Köpfen der „Eagles“: Schwenkfahnen und eigenes Liedgut, sowie aufwendige Choreografien waren geboren.

„ Für uns heißt Ultra sein positiver Support“

Marco wird heute noch schlecht an bei dem Gedanken an die Probleme von früher: „Immer wenn wir mal 20 Fahnen in den Block nehmen wollten gab es gleich Theater mit dem Ordnungsamt.“ Das hat sich bis heute nicht verändert. Wie vieles andere. Die Hierarchie in der „Mutter der deutschen Ultras“ war über Jahre gleich. Renato war Capo, Marco und Andreas kümmerten sich um das Organisatorische. Alles war für den Kurvengänger im Jahr 2011 zur Normalität gehört, mussten sich die Eagles erarbeiten. Nächtelang saßen sie zusammen und bastelten an Fahnen oder nähten die ersten eigenen Fanutensilien zusammen. „Wir haben viel gemalt“, gibt ein lachender Andreas zu.

Marco und Renato sind heute Familienväter, trotzdem kam ein Rückzug bei den Eagles niemals in Frage. Die Entwicklung der modernen Ultras sehen sie kritisch: „ Für uns heißt Ultra sein positiver Support. Ich gebe alles für mein Team, und treibe meine vergötterte Mannschaft zum Sieg.“ Einen Seitenhieb in Richtung der jungen Ultrageneration können sie sich nicht sparen: „99 Prozent des Supports ist gekünstelt. Da ist keiner mehr in einer Jacke, der hingeht und sagt ‚Mach! ‚“ Kein Wort von Gewalt oder Hetzjagden. Was sie antreibt, ist die Liebe zu ihrem Verein.

Einsicht als Weg zur Besserung?

Schließen wir den Kreis. Die Geschehnisse von Frankfurt spiegeln nicht den Geist der kompletten Ultraszene in Deutschland wieder. Ein deutliches Zeichen wurde im Oktober 2010 gesetzt. Friedlich demonstrierten über 5000 Fußballfans in Berlin, der Großteil davon Ultras, für den Erhalt ihrer Fankultur.

In der Auftaktkundgebung durch die Harlekins Berlin 98, den Ultras von Hertha BSC, hieß es: „Die Ultrabewegung in Deutschland ist so stark wie nie […] Aber Ultra in Deutschland ist leider nicht nur Choreographie, Support und Unterstützung. Ultra ist teilweise auch Angriff auf andere Fans und Angriff auf Fanprojekte. So kann es nicht weitergehen. Es muss ein Selbstreinigungsprozess durch die Gruppen gehen, bevor es zu spät ist. […] Es kann nicht sein, dass Angriffe auf Fans durch Gruppen organisiert und durchgeführt werden. Es muss Tabus geben die auch innerhalb der Ultraszene gelten und an die sich Jeder zu halten hat.“

Einsicht ist der erste Weg zu Besserung. So kämpfen die Ultras heute wieder für die Rechte von Fußballfans. Gegen Stadionverbote nur bei Verdacht. Für den kontrollierten Einsatz von Pyrotechnik. Für das Erbe von Marco und Renato.

Der gebürtige Brandenburger Dominik Kaiser studierte bis Sommer 2011 Sportjournalismus an der privaten Hochschuleinruchtung „die medienakademie“ in Hamburg. Seit Beginn seines Studiums veröffentlicht er als freier Journalist in verschiedenen Online- und Printmedien. Als leidenschaftlicher Fußballfan beschäftigte er sich schon als Jugendlicher mit Entwicklungen und Unterschieden von Fankulturen. Seit kurzer Zeit ist der Wahl-Berliner die Adresse von fankultur.com in der Bundeshauptstadt.