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Köln.Sport

Bayer 04: Südamerika-Fraktion

Von Jorginho bis Arturo Vidal prägten immer wieder Südamerikaner das Spiel von Bayer 04. Mit Neuzugang Exequiel Palacios beginnt ein neues Kapitel dieser ­erfolgreichen Transfer-Geschichte.

Juan, Lucio und Robson Ponte absolvierten zusammen 403 Pflichtspiele für Bayer 04 Leverkusen (Foto: imago images/ Ulmer)

Es lief die 57. Minute des Finalrückspiels im UEFA-Pokal der Saison 1987/88, als das vielleicht wichtigste Tor fiel, das ein Südamerikaner im Trikot von Bayer 04 bis dahin und auch seitdem jemals geschossen hat. Herbert Wass hatte den Ball von rechts in den Strafraum gebracht, wo Tita lauerte und das Missverständnis in der Abwehr von Espanyol Barcelona geschickt ausnutzte.

Der Brasilianer mit der Nummer 10 auf dem Rücken, der erste südamerikanische Spieler der Vereinsgeschichte, läutete mit seinem Tor zum 1:0 die historische Nacht ein, die in Leverkusens erstem Titel der Vereinsgeschichte mündete. „Dieser Pokal bedeutet mir bis heute sehr viel. Ich war der erste Brasilianer, der bei Bayer 04 gespielt hat. Damals waren Brasilianer eine Seltenheit im europäischen Fußball“, blickt Tita in einer Dokumentation von Bayer 04 zum UEFA-Pokalsieg zurück.

Brasilianer im Fokus

Titas Zeit bei der Werkself endete allerdings schon nach seiner ersten, sehr erfolgreichen Saison. Im Sommer 1988 zog der Brasilianer weiter in die Serie A. Doch sein Kurzauftritt bei Bayer 04 leitete eine Transfergeschichte ein, die in der Bundesliga ihresgleichen sucht. Bis heute haben insgesamt 23 Brasilianer für Bayer 04 gespielt. Keine andere Nation ist in der Transferhistorie des Vereins so stark vertreten.

Kurz nach Titas einjährigem Gastspiel im Ulrich-Haberland-Stadion folgte auch schon der nächste Brasilianer. Jorginho lief von 1989 bis 1992 für Bayer Leverkusen auf. „Das waren schon damals mehr als nur Künstler“, berichtet Leverkusens ehemaliger Manager Reiner Calmund gegenüber Köln.Sport mit Blick auf die ersten Brasilianer unter dem Bayer-Kreuz, „die Ausbildung in den Nachwuchszentren in Brasilien war zum Beispiel schon in den 1980er-Jahren sehr strategisch und sehr taktisch.“

Reiner Calmund selbst hatte zum Beispiel großen Anteil an Jorginhos Verpflichtung. Nachdem die damaligen Leverkusener Trainer Jürgen Gelsdorf und Peter Herrmann bei einem Spiel der brasilianischen Nationalmannschaft auf den Spieler aufmerksam geworden waren, flog auch Calmund nach Brasilien. Auf dem heimischen Sofa in Rio de Janeiro habe ihn Calmund dann von einem Wechsel nach Deutschland überzeugt, erzählte Jorginho viele Jahre später einmal in einem Interview.

Wendell auf der Überholspur

Während seiner Zeit in Leverkusen wurde Jorginho auch zu einer festen Größe in der brasilianischen Nationalmannschaft. „Wir hatten bisher allein vier Spieler, die Kapitän der Seleção wurden“, sagt Calmund. Neben Jorginho gehörten die Verteidiger Lucio und Juan sowie Mittelfeldmann Emerson zu diesem illustren Kreis. Juan, der von 2002 bis 2007 unter Vertrag stand, war lange Zeit auch der Brasilianer mit den meisten Bundesliga-Einsätzen für Bayer Leverkusen (139). Am 34. Spieltag der vergangenen Spielzeit luchste Wendell Juan diesen Titel ab. Der Verteidiger spielt seit 2014 für die Werkself.

Für Wendell wie für die meisten anderen Südamerikaner ist Leverkusen die erste Karriere-Station in Europa. So kamen zum Beispiel mit Jorginho, Juan und Renato Augusto gleich drei Männer vom brasilianischen Hauptstadtklub Flamengo Rio de Janeiro an den Rhein. Eine der wenigen Ausnahmen war Mittelfeld-Ass Ze Roberto. Vor seiner Leverkusener Zeit kickte er schon – allerdings noch nicht mit durchschlagendem Erfolg – in Spanien.

Von Real Madrid ging es schließlich nach Deutschland. In der Bundesliga prägte Ze Roberto dann maßgeblich das Leverkusener Spiel. Gemeinsam mit seinem Landsmann Lucio hatte der Brasilianer zum Beispiel entscheidenden Anteil an den herausragenden Auftritten von Bayer Leverkusen in der Triple-Vize-Saison 2001/2002.

Werkself als Zwischenstation

Mit dem Argentinier Diego Placente gehörte noch ein weiterer Südamerikaner zu der damals so stark aufspielenden Werkself. Doch diese südamerikanische Achse wurde nach der Vize-Saison schnell auseinander gerissen, als Ze Roberto nach drei Jahren im Team den Verein verließ. Die Tatsache, dass nur wenige südamerikanische Top-Spieler wirklich lange in Leverkusen blieben, gehört zu den negativen Aspekten dieser sonst fast makellos wirkenden Erfolgsgeschichte. Die magische Zahl scheint in diesem Fall die 3 zu sein.

Ganz wie Ze Roberto spielte einst auch Jorginho nur für drei Spielzeiten in Leverkusen, genauso wie Stürmer Franca (2002 bis 2005) oder Emerson. Letzterer wechselte nach drei Jahren im rot-schwarzen Trikot im Jahr 2000 für die damalige Rekordsumme von 36 Millionen Mark zum AS Rom. Stürmer Paulo Sergio, der 63-mal für die Werkself knipste, markiert da mit vier Spielzeiten bei Bayer 04 schon eine Ausnahme.

Bayer 04 als Sprungbrett

Auch heute ist Leverkusen für Südamerikaner weiterhin ein ideales Sprungbrett für eine erfolgreiche Karriere in Europa. „Das war einer der Gründe, hierhin zu wechseln: Weil ich weiß, dass Bayer alle Voraussetzungen bietet, den nächsten Schritt zu machen, und die großen Klubs ein Auge auf Spieler von Bayer werfen“, äußerte sich nun auch der letzte Debütant aus Südamerika Exequiel Palacios. „Ich habe gesehen, dass es eine große Chance ist, den Schritt nach Europa zu wagen. Ich habe vorab mit Lucas Alario gesprochen und erfahren, dass hier etwas zusammenwächst“, ergänzte der 21-jährige Palacios bei seiner Vorstellung in Leverkusen.

Der argentinische Mittelfeldmann streifte beim DFB-Pokal-Achtelfinale gegen Stuttgart Anfang Februar das erste Mal das Trikot der Werkself über. Wie Lucas Alario und auch Diego Placente zog es Palacios vom argentinischen Top-Verein Club Atletico River Plate nach Deutschland. Wohin Palacios in Zukunft einmal wechseln wird, steht heute natürlich noch in den Sternen. In den vergangenen Jahren bugsierte das Bayer-Sprungbrett jedoch zahlreiche südamerikanische Spieler immer wieder in genau eine Richtung: direkt an die Säbener Straße.

Den Anfang machte Jorginho. Für Paulo Sergio ging es nach einem Zwischenstopp in Rom ebenso nach München. Später feierten auch Lucio und Ze Roberto nach ihrer Bundesliga-Eingewöhnungsphase in Leverkusen mit dem FC Bayern ihre großen Karriere-Erfolge. Mit dem Chilenen Arturo Vidal, der von 2007 bis 2011 bei Bayer und anschließend für Juventus Turin spielte, schnappten sich die Münchner einen weiteren Südamerikaner, der seine ersten Schritte in Europa in Leverkusen gemacht hatte.

Mehr als nur Brasilien

Die Person Arturo Vidal steht jedoch in diesem Kontext für weit mehr als nur seinen Wechsel zum FC Bayern. Schließlich ist der Chilene, der in 117 Bundesligaspielen für Leverkusen auflief, auch der Beweis dafür, dass Südamerikaner bei Bayer 04 nicht gleich Brasilianer heißen muss. Denn neben den 23 Brasilianern kamen bisher auch drei Chilenen sowie drei Argentinier in Leverkusens Vereinsgeschichte zum Einsatz.

Mit Blick auf den momentanen Kader der Werkself ist sogar eine Verschiebung von einer brasilianischen Fraktion hin zu einer vielfältigeren südamerikanischen Connection zu erkennen. Schließlich stehen momentan mit Stürmer Lucas Alario und Neuzugang Exequiel Palacios genauso viele Argentinier im Kader wie Brasilianer (Wendell und Paulinho). Charles Aranguiz aus Chile ist der fünfte Mann dieser südamerikanischen Gruppe – die noch nie so bunt aufgestellt war wie in dieser Saison.

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