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Köln.Sport

Auf die Vergangenheit verlassen

Schluss, aus, vorbei! „Die Mannschaft“ ist in der Vorrunde der Weltmeisterschaft ausgeschieden. Jetzt kommt alles auf den Prüfstand. Ein Kommentar.
Kommentar Ausscheiden

Das Unvorstellbare ist eingetreten: Jonas Hector und „Die Mannschaft“ fahren nach der Vorrunde als Gruppenletzter nach Hause. (Foto: imago/Sven Simon)

Als Heung-Min Son gestern gegen 17:45 Uhr deutscher Zeit auf das verwaiste Tor von Manuel Neuer zuläuft, ist es endgültige Gewissheit: Die Deutsche Nationalmannschaft ist mit der schlechtesten Vorrundenleistung ihrer Geschichte aus der Fußball-WM in Russland ausgeschieden.

Als Weltmeister, der vor dem Turnier zumindest medial keinen Zweifel daran ließ, erneut ein ernstes Wörtchen um den Titel mitzusprechen. „#zsmnn“, „#diemannschaft“, „#bestneverrest“ – nach drei extrem schlechten Gruppenspielen muss man aber leider feststellen, dass das Team von Bundestrainer Jogi Löw keinen dieser aufgebauschten Hashtags zu füllen wusste – treffender hätte das deutsche Motto lauten sollen: „WM 2018 – das wird schon gut gehen, irgendwie“.

Denn genau das schien die Marschroute zu sein, mit dem „die Mannschaft“ in das Turnier in Russland startete. Schließlich sind „wir“ eine Turniermannschaft, haben Weltmeister und jede Menge Stars an Bord und der Jogi weiß ja schließlich, wie es geht. Außerdem: Lieber eine schlechte Leistung in den Testspielen zeigen und im Turnier dann Ergebnisse liefern als andersherum, das war ja schon immer so.

Und dann kam das Spiel gegen Mexiko, mit dem diese gefühlte „Unantastbarkeit“ gewaltig anfing, zu bröckeln. Klar, auch in der Vorbereitung lief es spielerisch nicht rund, aber wann tat es das vor einem großen Turnier schonmal? Es wurde sich zu sehr auf die Vergangenheit verlassen.

Und im zweiten Spiel gegen wackere Schweden wurde die „Das wird schon gut gehen, irgendwie“-Einstellung besonders deutlich: Nach dem mehr als schmeichelhaften Siegtor von Toni Kroos hieß es allerorts: „Die Deutschen sind da, wenn es drauf ankommt“, „So ein Tor muss zusammenschweißen“, „Jetzt starten wir richtig durch“. Schließlich sind Erfolge noch immer der beste Berater in Krisenzeiten.

Status „Turniermannschaft“ bringt keine Punkte

Gegen Südkorea wurde jedoch dann auf, wie Manuel Neuer es nannte, „erbärmliche“ Art deutlich, dass der Sieg gegen Schweden keine Initialzündung war – das wurde jedoch durch den genialen Moment von Kroos in den Hintergrund gerückt. Schließlich waren „wir“ ja wieder im Rennen, die eiskalte Turniermannschaft, bei der es am Ende schon gut geht, irgendwie.

Warum es das diesmal nicht getan hat, muss nun vor allem Bundestrainer Jogi Löw beantworten, der im Fadenkreuz der Kritik steht, trotz Vertragsverlängerung vor der WM bis 2022. Obgleich „die Mannschaft“ sich taktisch, körperlich und mental nicht auf der Höhe zeigte, kann man ihm das Ausscheiden allerdings nicht allein ankreiden. Unzählige, teils fast schon zur Staatskrise erhobene Nebengeräusche, zu satte Weltmeister und wohl auch ein gehöriges Maß an Selbstüberschätzung auf allen Ebenen trugen ebenfalls ihren Teil bei. „Wir haben vor der WM unabhängig vom Ausgang gewusst, dass es anschließend einen Umbruch geben wird“, verriet DFB-Präsident Reinhard Grindel nach dem Abpfiff. Das ist wahr – aber nach der öffentlichen Kritik an bisherigen Hoffnungsträgern wie Özil und Müller vor allem eine populäre Aussage.

Denn allein neues Personal wird es nicht richten. Es braucht die Einsicht, dass der Status der „Turniermannschaft“ einem keine Punkte einbringt, es auch mal sein kann, dass das Glück in den letzten Spielsekunden ausbleibt. Und vielleicht, so weh es jetzt auch tun mag, hatte das frühe Ausscheiden des vierfachen Weltmeisters auch ihr Gutes. Denn nun kommt alles auf den Prüfstand. Damit man sich hoffentlich in der Zukunft nicht mehr darauf verlassen muss, dass es schon wird, irgendwie.

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