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Amateurfußball: Der illegale 12. Mann

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Doping bei Amateurfußballern: Die es für Blödsinn halten, müssen sich eines Besseren belehren lassen. Foto: imago / eyevisto

Doping bei Amateurfußballern: Weiter verbreitet als viele denken
Foto: imago / eyevisto

Dass Doping auch im Amateurfußball weit verbreitet, ist leider kein Geheimnis mehr. Köln.Sport geht der Sache auf den Grund und deckt auf, was dahinter steckt. 

„Doping im Fußball? Aber das Zeug muss doch in die Spieler!“ – Mit diesem Kalauer wurden Nachfragen nach dem Nutzen von unerlaubten Hilfsmittelchen bislang oft abgebügelt. Doch seit dem Erscheinen einer Dopingstudie, die die deutsche Vergangenheit in Sachen chemischer Leistungsunterstützung im Sport beleuchtet, steht auch der so saubere Fußball in den Schlagzeilen.

Waren die „Helden von Bern“ 1954 voller Aufputschmittel? Wurden Kicker unserer 66er-WM-Mannnschaft positiv getestet? Stimmt es, wie FC-Legende Harald „Toni“ Schumacher in seiner Biographie schrieb, dass auch in seiner großen Zeit, also den 70er und 80er Jahren, so mancher Spieler leichterhand „Mittelchen“ eingeworfen hat? Inzwischen, so behaupten Insider, würden sich selbst Kreisligakicker vor ihren Spielen ungehemmt chemische Hilfsmittel verabreichen – von gängigen Medikamenten bis hin zu regelrechten Aufputschmitteln.

Doping im Amateurfußball? Hobbykicker, die ihren Leistungen heimlich nachhelfen? Eigentlich kaum zu glauben. Zeit also für Köln.Sport, solchen Gerüchten nachzugehen und aufzudecken, ob auch hierbei „die Wahrheit auf dem Platz“ liegt – ob tatsächlich manche Mannschaften am Wochenende mit einem verbotenen 12. Mann antreten. „Der Amateurfußball hat kein massives Dopingproblem. Ich glaube aber, dass es natürlich auch dort Doping gibt“, schreibt der Journalist Daniel Drepper, der das Rechercheblog fussballdoping.de betreibt. Aber: Seine Vermutung wird von der Realität weit übertroffen.

Teil des Aufwärmprogramms

Unsere ersten Kontakte zu Kickern aus der Region bestätigen das in erschreckendem Maß. „Das alles ist ja kein Geheimnis“, gesteht Christian P. (die richtigen Namen der hier zitierten Spieler und Trainer sind der Redaktion bekannt), der früher in der Mittelrheinliga aktiv war. „Über den Konsum von Schmerzmitteln wird völlig offen geredet“, enthüllt er. Tabletten würden in der Kabine die Runde machen, in den etwas höheren Klassen sei Fitspritzen an der Tagesordnung. Der Missbrauch von Schmerzmitteln ginge sehr weit: „Ich habe schon miterlebt, wie unser Torwart nach dem Spiel Blut gespuckt hat, weil er vor den Partien ständig mehrere Ibus (das Schmerzmittel Ibuprofen, Anm. d. Red.) genommen hat“, erzählt der ehemalige Amateurkicker ohne jede Spur von Empörung.

Harter Tobak. Doch vertrauliche Gespräche mit einer Reihe von Spielern, egal ob aus Kreis- oder Landesliga, bestätigen die Eindrücke von Christian P.. „Das Ganze ist zu einer echten Seuche geworden“, erklärt beispielsweise Hendrik S., der seit langer Zeit auf Kreisliganiveau gegen den Ball tritt. „Mittlerweile gehört dieses verdammte Pilleneinwerfen bei vielen ganz normal zum ‚Aufwärmprogramm’“, verhehlt er nicht seine Abneigung gegenüber solchen Praktiken. Mitunter würden die entsprechenden Mittel sogar von den Vereinen oder Klubverantwortlichen gestellt.

Doch warum riskieren Spieler ihre Gesundheit, obwohl sie Fußball eigentlich nur als Hobby betreiben? „In erster Linie geht es darum, erfolgreich und auf dem höchstmöglichen Level Fußball zu spielen“, versucht sich Ricardo N., ehemaliger Bezirksliga-Kicker, an einer Erklärung. Christian P. sagt es unverblümt: „Das Geld ist der Hauptgrund.“ Fußball sei auch in unteren Amateurklassen schon oft ein wichtiger oder gar der einzige Nebenverdienst der Kicker. Viele würden nur bei Einsätzen bezahlt. „Und wenn’s ums eigene Konto geht“, ist der Kölner überzeugt, „sinkt natürlich die Hemmschwelle gegenüber solchen Mitteln enorm.“

Chemische Keule sorgt für Einsatzfähigkeit

Aber auch die sportliche Komponente spielt eine große Rolle. Häufig greifen Spieler gerade in kritischen Situationen auf Schmerzmittel zurück: Ab- oder Aufstiegskampf, Personalnot – die chemische Keule sorgt für Einsatzfähigkeit. „Ich wollte vor dem eigenen Team nicht als Weichei dastehen“, gesteht Patrick V., der noch in der letzten Saison regelmäßig auf Schmerzmittel zurückgegriffen hat. Am Ende wurden seine Beschwerden so schlimm, dass er mehrere Mittel auf einmal einwarf. „Zeitweise hatten wir kaum Spieler im Kader. Ich kann doch mein Team nicht im Riss lassen“, nennt der Amateurkicker als Beweggrund für seine Loyalität.

Nicht selten gehen Amateurfußballer sogar mit grippalen Infekten ins Spiel. Dabei ist das hoch riskant: Ihnen droht eine Herzmuskelentzündung, die nicht nur für sportlich aktive Menschen lebensgefährlich werden kann. „Ich denke, dass die meisten sich kaum Gedanken darum machen, was mit ihrem Körper passiert oder passieren kann“, bekennt Ricardo N. offenherzig. Vor Trainer und Team werde so etwas häufig verschwiegen oder als „bisschen Schnupfen“ abgetan. „Bei uns haben wir einfach Wick MediNait oder so ein Zeug genommen, um bloß nicht auszufallen“, offenbart Ricardo mit Nachdruck.

Es sind allerdings bei weitem nicht nur Schmerzmittel und Erkältungspräparate, die in den Amateurligen im Umlauf sind. Ein Spieler berichtet unverhohlen von einem Verein, dessen Mäzen vor den Partien stets mit einem kleinen Koffer in die Kabine kam. Prall gefüllt mit diversen Mittelchen, vom harmloserem Aspirin bis hin zu Aufputschmitteln wie Ephedrin. Die Spieler durften zugreifen. Oder besser gesagt: Sie sollten sogar! Wer sich nicht bediente, wurde von den Verantwortlichen schief angeschaut. fussballdoping.de-Experte Drepper bestätigt: „Eine Studie an der TU Darmstadt deutet darauf hin, dass vor allem Aufputschmittel eingesetzt werden.“

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