Köln.Sport

Zwischen Büffeln und Boxring

Nadine Apetz gehört zu den erfolgreichsten Boxerinnen Deutschlands. Dabei muss die Kölnerin bereits seit Beginn ihrer Karriere mit einer Doppelbelastung zurechtkommen.
Nadine Apetz

Nadine Apetz möchte 2020 bei Olympia für Furore sorgen und für Deutschland eine Medaille gewinnen (Foto: Peter Eilers)

Denkt man an Boxer mit Doktortiteln, dann fallen einem natürlich sofort die weltberühmten Brüder Vitali und Wladimir Klitschko ein. Die beiden Ukrainer dominierten jahrelang die Weltspitze im Schwergewicht und konnten zahlreiche WM-Titel sammeln. Wladimir Klitschko gewann zudem 1996 noch Gold bei den Olympischen Spielen. Doch auch eine Kölner Boxerin arbeitet aktuell an ihrem Doktortitel – und träumt von Olympia.

Zwei WM-Medaillen kann Nadine Apetz schon ihr Eigen nennen. Die 32-Jährige studierte Biologin und Neurowissenschaftlerin gewann bei den Weltmeisterschaften im Amateurboxen sowohl 2016 wie auch in diesem Jahr Bronze. Ende November trat sie für den Deutschen Boxsport-Verband (DBV) in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi an. Ihre Teamkollegin Ornella Wahner (Halle/Saale) gewann sogar Gold. So sorgten die beiden DBV-Athletinnen für das beste WM-Ergebnis der deutschen Boxfrauen aller Zeiten.

„Ich bin sehr glücklich darüber, schon zum zweiten Mal auf dem Treppchen gestanden zu haben“, sagte Apetz im Gespräch mit Köln.Sport. Ihre Gewichtsklasse (bis 69 Kilogramm) wird 2020 erstmals olympisch sein. „Dadurch ist die Qualität in meinem Limit im Vergleich zur WM 2016 noch mal gestiegen. Daher bin ich zufrieden, dass ich trotzdem wieder eine Medaille geholt habe.“ Dennoch hätte sie die Medaille lieber noch ein bisschen edler gehabt. „Aber dann machen wir das im nächsten Jahr“, sagt sie selbstbewusst.

Der Traum von Olympia

Apetz hat keine typische Sportlerlaufbahn hinter sich. Mit dem Boxen fing sie erst mit Anfang zwanzig an. „Ich bin von zu Hause aus Haan für mein Biologiestudium nach Bremen gezogen und wollte einen Sport ausüben. Früher bin ich geritten und habe Tennis gespielt, aber das waren nicht unbedingt die Sportarten, die sich eine Studentin leisten kann“, berichtet sie schmunzelnd.

Als Studentin probierte sie verschiedene Disziplinen beim Uni-Sport aus. „Ich war in einer Handball-AG, bin in eine Laufgruppe eingestiegen – und dann fand ich die Box-AG. Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich immer mehr Kurse belegt habe.“

Bis zu vier Mal pro Woche zog sie die Handschuhe an. „Das lief circa ein Jahr so. Danach habe ich gedacht: Bei so viel Training, will ich jetzt auch wissen, wie gut ich eigentlich bin.“ Apetz absolvierte einige Kämpfe für die Uni. Mit überschaubarem Erfolg, wie sie lachend zugibt. Danach wechselte sie zu einem Verein in Bremen und schaffte es dort, ihre Kampfbilanz ins Positive zu drehen.

Drei Jahre nach „Down Under“

Nach dem Ende ihres Bachelor-Studiengangs in Biologie zog es Apetz für ihre Masterarbeit nach Australien. Insgesamt drei Jahre boxte und studierte sie nun „Down Under“. „Aber ich wollte im Ring noch mal Vollgas geben, und da war es besser, nach Deutschland zurückzukehren“, sagt die Weltergewichtlerin.

„Da ich sowieso schon nah bei Köln aufgewachsen bin und man als Kaderathletin hier am Olympiastützpunkt trainieren muss, bin ich 2014 nach Köln gezogen.“ Ihren Trainer Lukas Wilaschek kannte sie bereits von den Deutschen Meisterschaften 2013, wo sie gemeinsam den Titel gewannen.

In der Domstadt arbeitete Apetz zudem zwei Jahre lang an der Uni-Klinik. „Das war eine ganz kleine Mini-Stelle mit elf Stunden pro Woche, um mich über Wasser zu halten. Mit zweimal Training pro Tag und den ganzen Turnieren war es schwer, eine Vollzeitstelle zu finden.“ 2016 verpasste sie in der für sie ungewohnten Gewichtsklasse bis 75 Kilo die Quali für die Olympischen Spiele in Rio und dachte sogar ans Aufhören.

Training gegen männliche Gegner

„Ich hatte meine Doktorarbeit bereits angefangen, aber dann wurde mein Limit von 69 Kilo doch noch olympisch, und der Verband fragte an, ob ich es nicht noch mal versuchen wolle“, schildert die Athletin. Im Training musste sie dabei oft mit männlichen Sparringspartnern vorlieb nehmen. Es gibt einfach zu wenige Frauen in ihrer Gewichtsklasse.

„Beim SC Colonia bin ich die Einzige und trainiere daher vor allem mit den Jungs“, erzählt die gebürtige Bonnerin. Ihr Fokus liegt somit klar auf den Spielen 2020 im japanischen Tokio. Und die Doktorarbeit? „Ich versuch’s“, sagt sie lachend. „Es ist nicht einfach, weil ich so oft unterwegs bin.“ Mit dieser Doppelbelastung muss die mehrfache Deutsche Meisterin jetzt schon seit fast zehn Jahren zurechtkommen.

„Planung und Disziplin sind hier ganz wichtig“, weiß die 32-Jährige. Ihr Thema ist die tiefe Hirnstimulation (ein neurochirurgischer Eingriff im Gehirn) bei Parkinson im Alter. Zudem möchte sie an einem Forschungsprojekt teilnehmen, bei dem Sportarten mit häufigen Kopfverletzungen, wie American Football oder Boxen, im Mittelpunkt stehen sollen.

Untersuchungen der Risiko von Hirnschäden

„Es geht darum zu untersuchen, welche Folgen diese Verletzungen für die Strukturen im Hirn und auf die Gesundheit haben“, erklärt Apetz. Das Projekt stehe in den Startlöchern, die Mittel dafür wurden schon beantragt. In den Ring zurückkehren wird sie erst 2019. „Jetzt erhole ich mich erst mal“, sagt die Doktorandin. „Das Jahr war wirklich anstrengend mit EM, WM und den Deutschen Meisterschaften. Ich bleibe im Training, aber die nächsten Wettkämpfe steigen erst im kommenden Jahr.“ Über ein Ende ihrer aktiven Boxkarriere denkt die Kölnerin auch schon nach.

„Wahrscheinlich werde ich nach Tokio 2020 mit dem Leistungssport aufhören. Dann bin ich 34 und muss mich wohl endlich mal ein bisschen um meine Rente kümmern“, sagt sie schmunzelnd. „Allerdings glaube ich nicht, dass ich dem Boxsport ganz den Rücken kehren kann. Hier und da werde ich bestimmt noch den ein oder anderen Kampf machen, aber nicht mehr mit der Nationalmannschaft durch die Gegend ziehen.“ Dann aber höchstwahrscheinlich als Dr. Nadine Apetz.

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