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Zwei Männer, eine Mission

Dem 1. FC Köln droht der siebte Abstieg der Vereinsgeschichte. Das neue sportliche Duo um Horst Heldt und Markus Gisdol soll diese Katastrophe verhindern. Doch das wird alles andere als leicht…

Zwei Spiele ein Punkt – Markus Gisdol (l.) und Horst Heldt warten noch auf den ersten „Dreier“. (Foto: imago images / Sven Simon)

Es war kein Montag wie jeder andere, dieser 18. November 2019. Zumindest nicht für die Anhänger des 1. FC Köln, die mit Spannung die Sport-App ihres Vertrauens mindestens stündlich checkten. Denn noch am Wochenende hatte Frank Aehlig, Leiter der FC-Lizenzspielerabteilung, verkündet, dass der Verein nach wie vor anstrebt, zu Wochenbeginn eine neue sportliche Führung präsentieren zu wollen.

Zwar zweifelte ein Großteil des Kölner Anhangs daran, dass dieses Vorhaben nach den Absagen von Bruno Labaddia und Pal Dardai tatsächlich gelingt, doch das befeuerte die Neugierde umso mehr. Um kurz vor 18 Uhr war es dann soweit – und so mancher Fan rieb sich beim Lesen der „Breaking News“ verwundert die Augen. Horst Heldt und Markus Gisdol übernehmen das Kommando bei der Mission Klassenerhalt.

Viel zu tun

Insbesondere Heldts Verpflichtung als Geschäftsführer überraschte, war er doch zuvor vom entscheidenden Gremium, dem „Gemeinsamen Ausschuss“, abgelehnt worden. Das wiederum dürfte den Start des ehemaligen FC-Profis zumindest nicht unbedingt erleichtern. Wie Gisdol, der 22 Monate nach seiner Freistellung in Hamburg nun wieder an der Seitenlinie steht, löste auch die Personalie Heldt bei den Fans überschaubare Euphorie aus.

Das Duo kommt also mit wenig Vorschusslorbeeren ans Geißbockheim, doch das muss nichts bedeutend. „Entscheidend is auf’m Platz“, diese Fußball-Weisheit ist auch 16 Jahre nach dem Tod ihres „Erfinders“ Alfred Preißler aktuell wie eh und je. Markus Gisdol und Horst Heldt müssen liefern und mit dem 1. FC Köln die Klasse halten. Es stellt sich angesichts der indisponierten Leistungen zuletzt nur die Frage, wie das gelingen soll? Klar ist, auf das neue sportliche Duo kommt jede Menge Arbeit zu.

Den Schalter umlegen

Für die kurzfristigen Erfolgserlebnisse muss zweifelsfrei Coach Markus Gisdol Sorge tragen. Dass das allerdings alles andere als leicht wird, machte seine Premiere gegen RB Leipzig deutlich. Mentale Ausbauarbeit, neue Impulse in Sachen Taktik und Personal – das alles verpuffte beim Auswärtsspiel gegen den Champions-League-Teilnehmer mit dem 0:1 in der 22. Minute.

„In dieser Form ist der Kader nicht auf Abstiegskampf ausgerichtet“, analysierte Horst Heldt nach der Pleite im „Express“-Interview. Und formuliert damit implizit die wichtigste Aufgabe für Gisdol: Die Mannschaft schnellstmöglich auf Abstiegskampf polen. Wie das gelingen kann, weiß der 50-Jährige. In Hoffenheim und beim Hamburger Sportverein stellte der Übungsleiter unter Beweis, dass er Clubs mit ähnlichen Ansprüchen zu den entscheidenden Siegen im Abstiegskampf führen kann. Dass dabei in den letzten Saisonspielen auch Glücksgöttin Fortuna ihr Übriges tat, schmälert seine Leistung nicht.

Die Geißböcke hatten den Fußballgott in der jüngeren Vergangenheit nicht allzu häufig auf ihrer Seite – bringt Gisdol diesen mit an den Rhein, wäre das ein guter Anfang. Ansonsten sind es die Attribute eines klassischen „Feuerwehrmanns“, die von Gisdol verlangt werden. Viel Kommunikation, um ein „Wir-Gefühl“ und eine Aufbruchsstimmung zu schaffen. „Gisdol hat uns mehr als überzeugt. Man kann sagen, er brennt“, lobt Präsident Werner Wolf den neuen Coach. Selbstbewusstsein aufbauen, neues Feuer entfachen, Spiele gewinnen – was so einfach klingt, scheint angesichts der momentanen miserablen Verfassung des Teams allerdings brutal schwer.

Formation finden

Der Trainer muss in erster Linie ganz konkrete Fragen beantworten: Wie lautet die taktische Marschroute? Gegen RB setzte Gisdol – wie sein Vorgänger Beierlorzer meist auch – zunächst auf eine Vierer-, nach der Halbzeit auf eine Dreierkette. Damit einher ging auch eine Umstellung im Mittelfeld, auch hier muss der gebürtige Baden-Württemberger noch seine Bestbesetzung finden. Gleiches gilt für das Sturmzentrum: Gegen Leipzig vertraute Gisdol dem völlig außer Form wirkenden Antony Modeste. Im Heimspiel gegen Augsburg stellte er ihm Simon Terodde zur Seite. Am Ende war es aber insbesondere Jhon Cordoba, der nach seiner Einwechslung überzeugte.

Lange Experimentierphasen darf sich Gisdol nicht mehr erlauben, die Bürde, zur Winterpause abgeschlagen hinten zu liegen, kann sich der Effzeh nach den Erfahrungen der Spielzeit 2017/18 nicht erlauben. „Es wird ein weiter und steiniger Weg sein“, ist sich Gisdol des Marathons bewusst, der ihm und seinem Team bevor steht. Dessen ist sich auch sein neuer Chef Horst Heldt gewiss.

Immerhin: Die beiden müssen sich untereinander nicht mehr groß kennenlernen, aus gemeinsamen Zeiten bei Schalke 04 wissen sie ganz genau, wie der jeweils andere tickt. Von 2011 bis 2012 fungierte Gisdol bei den „Könisgblauen“ als Co-Trainer, während Heldt u. a. den Bereich Sport und Kommunikation verantwortete. Nun ist der gebürtige Königswinterer zurück bei seinem Herzensverein, bei dem er bereits in der Jugend kickte und als Profi 151 Pflichtspiele bestritt.

Bekanntes Umfeld

Sein Bezug zur Domstadt und zum 1. FC Köln dürfte sicherlich kein Nachteil für den neuen Geschäftsführer Sport sein, darf aber auch nicht als überragende Qualifikation für das Amt verklärt werden. Der 49-Jährige wird schon bald an Taten gemessen werden – und zu tun gibt es einiges. Kurzfristig muss er dafür sorgen, Mannschaft und Umfeld wieder zu einer festen Einheit zusammenzuschweißen.

Genau diese beschwor bereits sein Vorgänger Armin Veh sowie nach Amtsantritt auch Werner Wolf – allerdings ohne wirklichen Erfolg. „Insgesamt ist die Situation kritisch. Nach meinen ersten Eindrücken habe ich das Gefühl, dass das noch nicht jeder in Köln verstanden hat“, macht Heldt im „Express“-Interview jedem im Verein unmittelbar klar, was die Stunde geschlagen hat. Gleichzeitig muss er jetzt durch Anpassungen am Kader den Grundstein dafür legen, dass Markus Gisdol in der Rückrunde eine besser funktionierende Mannschaft zur Verfügung steht.

Kaderanpassungen im Winter?

„Im Hinblick auf den Kader ziehen wir zur Winterpause einen Strich und entscheiden, ob es Sinn macht, Wintertransfers zu machen. Das ist ja auch kein einfacher Markt“, analysiert der ehemalige Nationalspieler. Viel Geld dürfte nicht zur Verfügung stehen, reizte Veh bereits im Sommer das vorgesehene Budget aus. Finanzchef Alexander Wehrle allerdings ist sicherlich gesprächsbereit – schließlich bekam er mit Heldt seinen Wunschkandidaten an die Seite.

Die beiden Geschäftsführer müssen gemeinsam mit den Gremien entscheiden, wieviel Risiko der Verein bereit ist, einzugehen. In jedem Fall steht Heldt, der sicher auch den ein oder anderen Spieler von der Gehaltsliste bekommen muss, ein schmaler Grad bevor. Bei seinen letzten Stationen bewies der ehemalige FC-Profi nicht immer ein glückliches Händchen bei Transfers. Neue Impulse benötigt der FC aber dringend, und auch die Vertragsdetails von Heldt und Gisdol lassen vermuten, dass die beiden im Winter nicht zögern werden, die Kaderqualität durch externe Zugänge zu steigern.

„Erstmal ist die kurzfristige Planung wichtiger als die langfristige, denn was nutzt die langfristige Planung, wenn wir nächstes Jahr in der Zweiten Liga spielen“, stellt Heldt, dessen Kontrakt ebenso wie der von Gisdol nur für die Bundesliga gilt, unmissverständlich klar.

Kritik und Skepsis als Ansporn

Der Utopie, dass zwei, drei mögliche Neue allerdings eine Nichtabstiegsgarantie mit nach Köln bringen, unterliegt am Geißbockheim niemand. „Der Schlüssel zur Rettung ist aber nicht zig weitere Zugänge, sondern die Bereitschaft, den Extrameter zu gehen“, so der neue Sportchef, der noch einen Trumpf in der Hinterhand zu glauben hat: „Wenn es um Neuzugänge geht, schaue ich als erstes in den Nachwuchsbereich. Da sind wir sehr gut aufgestellt, dahin geht mein erster Blick.“

Ob allerdings Youngster nun das Ruder rumreißen können, darf zumindest bezweifelt werden. So oder so: Für Heldt und Gisdol geht es in den nächsten Monaten darum, die nötigen Punkte zu holen und die Mission Klassenerhalt zu erfüllen. Genau das trauen ihnen viele Kritiker derzeit nicht zu. Die Erwartungen sind gering. Wie Gisdol und Heldt selbst wissen auch die Fans, dass das Duo nicht die Wunschbesetzung war. Der neuen sportlichen Führung wird in Köln viel Skepsis entgegen gebracht.

„Für mich sind Kritik und Skepsis in erster Linie Ansporn. Manchmal habe ich das Gefühl, dass einem im Fußballgeschäft Erfahrung heutzutage als Nachteil ausgelegt wird. Das ist dann geprägt von Vorurteilen. Ich habe da meine eigene Sichtweise drauf. Ich weiß, was ich kann und was ich nicht kann“, gibt sich Horst Heldt kämpferisch. Für den Ersten Fußballclub Köln bleibt zu hoffen, dass das Können der beiden Neuen ausreicht, um am Ende den erneuten Gang in die Zweitklassigkeit zu verhindern. Und dann dürfte auch der besagte Montag Mitte November den Anhängern des Vereins im Nachhinein in einem anderen Licht erscheinen.

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