Köln.Sport

Zum Kämpfen geboren

Deniz Ilbay möchte der nächste kölsche Box-Held werden. Dabei vergisst der Publikumsliebling und amtierende Deutsche Meister aber auch sein Veedel nicht, in dem er und seine Familie wichtige Sozialarbeit leisten.
Ilbay

Deniz Ilbay erzielte neun seiner 21 Profisiege durch Knockout (Foto: Andreas Kerschgens)

Die Taunusstraße in Köln-Kalk machte zuletzt eher negative Schlagzeilen. Am Samstag, den 2. Februar, führte die Polizei in Kalk und eben auch auf der Taunusstraße eine Großrazzia durch. Rund 160 Beamte waren im Kampf gegen „Straßenkriminalität“ im Einsatz. Doch inmitten des vermeintlichen sozialen Brennpunkts liegt das Box-Gym „G.I. Sports“ (G.I. steht für Garip Ilbay) – die sportliche Heimat des talentierten Kölner Weltergewichtlers Deniz Ilbay.

Im vergangenen Jahr erlebte der 24-Jährige eine regelrechte Achterbahnfahrt der Gefühle. „Es fing eigentlich gut an“, erzählt Ilbay beim Besuch von Köln.Sport. „Ich bekam schnell den ersten Kampf gegen den Hamburger Denis Krieger angeboten und habe zugesagt.“ Doch der Fight musste im April aus organisatorischen Gründen verschoben werden. Ilbay entschied sich, für zwei Wochen zum Training in die USA zu fliegen. „Dort habe ich mir dann zwei Tage vor der Rückreise im Sparring ganz unglücklich den Daumen gebrochen“, berichtet der Kölner.

Auf Henry Maskes Spuren

Ein herber Rückschlag für Ilbay, doch es sollten auch bessere Nachrichten folgen. „Erst erfuhr ich, dass meine Frau Lyna schwanger ist und dann noch, dass sich die Box-Promotion Team Sauerland für mich interessiert. Von da an ging es nur noch bergauf“, sagt der amtierende Deutsche Meister im Weltergewicht. Zuvor kämpften sich Deniz und sein Vater Garip, der zugleich sein Trainer ist, ohne einen größeren Promoter durch den „Dschungel“ Profiboxen. Nun meldete sich mit Team Sauerland die größte Adresse im deutschen Faustkampf. Der Stall, der schon Stars wie Henry Maske, Axel Schulz oder Arthur Abraham hervorbrachte.

„Allein der Name ‚Sauerland‘ öffnet mir viele Türen“, schildert der gebürtige Kölner mit türkischen Wurzeln. Er will mit dem Promoter im Rücken nun ganz vorne angreifen. „2019 soll ich um einen Titel aus einem der vier großen Weltverbände boxen“, verrät er. Auch wenn es noch nicht um einen WM-Gürtel gehen wird, möchte sich Deniz mit dem Gewinn eines „Intercontinental“-Titels oder der Europameisterschaft eine gute Platzierung in den Weltranglisten erboxen.

Ilbay ist Weltergewichtler. Ein international äußerst traditionsreiches Limit, das aber in Deutschland eher ein Mauerblümchendasein führt. Der Domstadt-Boxer will das ändern. „Viele Zuschauer kennen nur das Schwergewicht. Doch jetzt merken einige, dass es auch noch andere -Gewichtsklassen gibt, die genauso interessant sind,“ sagt der Boxprofi. Sein nächster Ringauftritt soll nicht mehr lange auf sich warten lassen. „Ich bin seit Anfang Januar wieder im Training und gehe davon aus, dass ich im März oder April wieder boxen werde“, kündigt Deniz an. „Ich möchte dieses Jahr kontinuierlich im Training bleiben, sodass ich immer bereit bin, falls es ein größeres Angebot geben sollte.“

Immer vertrauen kann er dabei auf seine zahlreichen Fans. Denn wenn Ilbay in den Ring steigt, kann er sich lautstarker Unterstützung sicher sein. „Da trägt auch mein Papa zu bei, der einfach Gott und die Welt kennt“, lächelt Deniz. Warum er und sein Vater so beliebt sind? „Wir sind einfach authentisch, verstellen uns nicht, sind immer für einen Spaß zu haben und können auch über uns selbst lachen.

Einen äußerst prominenten Fan aus Köln weiß der „Kalker Jung“ auch schon hinter sich. Denn nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft am 1. Dezember 2018 in Gummersbach bekam Deniz Post von Oberbürgermeisterin -Henriette Reker. „Ich war erstaunt, aber fand es auch klasse, dass man mal aus der Politik Anerkennung bekommt. Das zeigt mir außerdem, dass Köln die Sport-Hochburg schlechthin in Deutschland ist. Nicht nur aufs Boxen bezogen“, sagt Ilbay stolz.

Rheinischer Revolverheld

Seinen Kampfnamen „El Pistolero“ trägt er übrigens seit der Fußball-WM 2014. „Der Uruguayer Luis Suarez hat nach einem Tor einen Pistolen-Jubel gezeigt – da kam mein Papa auf den Kampfnamen ‚El Pistolero‘. Den fand ich richtig cool“, erzählt der Rheinländer schmunzelnd. „Übersetzt bedeutet es ‚Revolverheld‘, da meine Fäuste mindestens so schnell wie Revolver sind, ist es ein passender Name.“

Ilbay hat den Kampfsport im Blut. Sein Vater Garip war Europameister sowie Vizeweltmeister im Kickboxen und Thaiboxen. Im familieneigenen Gym in Kalk trainieren auch Deniz‘ Schwester und seine Frau Lyna, die übrigens die Schwester von FC-Star Marcel Risse ist. Deniz fing bereits im Alter von vier Jahren mit dem Kampfsport an. Zunächst wie sein Papa mit Muay Thai und Kickboxen, später wechselte er zum Boxsport.

„Das war in erster Linie Verletzungen geschuldet“, erzählt der „Pistolero“. Nach rund 100 Kämpfen im Thaiboxen waren Deniz‘ Füße lädiert, doch er wollte nicht mit dem Kampfsport aufhören. „Mixed Martial Arts wurde mir damals auch angeboten, aber wir wollten es erstmal mit dem Boxen versuchen – und das war das Beste, was mir je passiert ist. Ich sehe die Welt, kann meine Familie überallhin mitnehmen und es macht Spaß“, sagt Ilbay zufrieden.

Sozial Engagierte Box-Familie

Die Beziehung zu seinem Vater Garip ist eine ganz besondere. „Als Coach ist er wirklich sehr streng, aber ansonsten ein netter und liebevoller Papa“, erzählt der Weltergewichtler. Seit rund 20 Jahren weiß der Youngster seinen Vater auch sportlich immer an seiner Seite. „Manchmal ist es eine typische Papa-Sohn-Beziehung, in der man auch mal aneckt“, beschreibt Ilbay ihr Verhältnis, „aber insgesamt harmonieren wir schon wirklich gut miteinander.“

Gemeinsam leiten Junior und Senior Ilbay seit einigen Jahren auch das Kindertraining im Gym. Und der Ansturm ist groß. „Mittlerweile können die Kids hier vier Mal pro Woche trainieren“, sagt Deniz, der bereits als Zehnjähriger anfing, seinem Vater beim Leiten des Trainings zu helfen. „Die Einheiten teilen wir uns auf. Neben klassischem Boxen bieten wir auch Kickboxen und Thaiboxen an.“

Zudem arbeiten die Ilbays mit dem sozialen und gemeinnützigen Verein „Die Brücke Köln“ zusammen. So können straffällig gewordene Jugendliche ihre Sozialstunden im Gym der Ilbays ableisten. Der Kontakt mit dem Projekt kam auf eher kuriose Weise zustande. „Ich besaß früher einen Roller“, erzählt Deniz lachend. „Der war aber frisiert. Das heißt, er ist nicht 25, sondern 45 km/h gefahren.“ Deniz hatte allerdings nur einen Mofa-Führerschein, wurde zwei Mal hintereinander erwischt und bekam Sozialstunden aufgebrummt. „So sind wir vor rund acht Jahren mit der ‚Brücke‘ in Kontakt gekommen.“ Die Ilbays stellten sich bei dem gemeinnützigen Verein vor und berichteten, dass sie ein Boxstudio betreiben. „Die Verantwortlichen der ‚Brücke‘ fragten dann, ob sie uns einige Jungs vorbei schicken könnten. So betreuen wir nun mehrmals pro Jahr straffällige Jugendliche, die einerseits ihre Sozialstunden im Gym abarbeiten, und andererseits auch bei uns mittrainieren können“, schildert Deniz.

So leistet die Box-Familie auch wichtige Sozialarbeit und widmet sich Kindern aus sozialen Brennpunkten. „Kalk zählt in der Stadt ja zu den Problemvierteln. Wenn wir die Jugendlichen durch den Boxsport in die richtige Bahn lenken und etwas erziehen können, dann machen wir das gerne“, betont Deniz. Mittlerweile verbrächten die Kids  mehr Zeit im Gym, als draußen auf der Straße abzuhängen. „Während anfangs noch viele Jungs versuchen würden, „den Coolen zu spielen, merken sie aber auch schnell, das sie das mit uns nicht machen können“, sagt der Box-Champion. Und macht den Kids eines klar: „Wer das, was er bei uns im Gym lernt, draußen anwendet, der kann sofort gehen!“

Ilbay unterstützt „Die Brücke e.V.“

Seit 1980 widmet sich der gemeinnützige Verein „Die Brücke Köln e.V.“ der Kriminalprävention von Jugendlichen. Der Verein arbeitet als Schnittstelle zwischen Jugendhilfe und Strafjustiz und vermittelt straffällig gewordene Jugendliche zu Sozialdiensten wie gemeinnütziger Arbeit und/oder Anti-Aggressions-Training. So will Die Brücke „die schädlichen Folgen“, die Jugendarrest und -strafe an den Jugendlichen anrichten, verhindern, wie der Verein mitteilt.

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