Köln.Sport

Visionen auf dem Nordfeld

In diesem Teil unserer Serie zu Kölns kultigsten Plätzen haben wir uns am Walter-Binder-Weg umgeschaut – denn im Stadtteil Müngersdorf wird nicht nur im Rheinenergie-Stadion Fußball gespielt.
Visionen

Auf dem Nordfeld stehen viele ­Veränderungen an (Foto: Andreas Kerschgens)

Das graue, leicht verkommene Metallschild am Zaungitter hinter dem Tor findet keine Beachtung. „Das Betreten der Platzflächen mit Hunden ist verboten!“, steht dort in bedrohlichen Lettern. Daran hält sich jedoch an diesem warmen Sommervormittag niemand in Müngersdorf. Im Halbfeld werden Stöckchen geworfen, am Mittelkreis Befehle gegeben, an der Seitenlinie Spaziergänge veranstaltet. Davon zeugen nicht nur die anwesenden Hundebesitzer, sondern auch Pfotenspuren, die sich auf der trockenen Asche in dem roten Boden verewigt haben.

Genau zwischen Strafraumeck und Mittellinie hat ein Vierbeiner seine Abdrücke hinterlassen. Dabei ist das Betreten der Platzflächen mit Hunden doch eigentlich verboten … Der Stadtteil Müngersdorf ist auch über die Kölner Grenzen hinaus natürlich in erster Linie als Heimat des 1. FC Köln bekannt. Doch hier haben auch andere Kölner Sportvereine ihr Zuhause gefunden. Unweit der international renommierten Deutschen Sporthochschule schwingen unter anderen die Cologne Cardinals ihre Baseballschläger – das klingt vielleicht etwas bedrohlich, doch sie dürfen das. Schließlich spielen sie in der Baseball-Bundesliga, und das gar nicht so schlecht.

Neben dem „Circlewood Stadium“, der Heimspielstätte der „Cards“, hat der Kölner Reit- und Fahrverein seinen Sitz. Das sieht man an den Hinweisschildern, die aussagen: Vorsicht, hier könnten Pferde vorbeireiten! Und man riecht es.

Vorwärts, Spoho!

Darauf, dass hier abseits des Rheinenergie-Stadions noch gekickt wird, lässt sich auf den ersten Blick nicht schließen; es ist nichts ausgeschildert. Geht man den Walter-Binder-Weg, der von der Aachener Straße in Stadionhöhe nach rechts führt, jedoch noch ein Stück weiter hoch, landet man auf den eingangs erwähnten Ascheplätzen. Diese sehen etwas ungeordnet aus: Es stehen Tore in sämtlichen Größen, Formen und Abnutzungsstadien quer über die Plätze verteilt herum.

Die Netze sind noch überall gespannt. Das erinnert an einen typischen Trainingsplatz; möglicherweise ein Indiz für die Annahme, dass die verlassen wirkende Aschefläche vielleicht doch noch regelmäßig genutzt wird. Also von jemand anderem als Gassi gehenden Hundebesitzern?

Der Blick fällt auf ein kleines Vereinsheim, das dank heruntergelassener Rolläden und Eisenstangen davor nicht besonders einladend ausschaut. Vor dem Eingang steht eine Bierzeltgarnitur, die – das lässt sich aus den noch herumstehenden leeren Flaschen ableiten – vor Kurzem wohl noch genutzt wurde. Auf dem Tisch liegt ein Zettel. „Kleine Stärkung! Holt euch den Titel, eure Erste“, dahinter ist ein grünes Herz gemalt. Das Treiben rund um den Platz scheint also nicht so trist zu sein, wie das geschlossene Vereinsheim von außen aussieht. Davon zeugen auch grün-weiße Wimpelketten, die wie ein Relikt aus vergangenen Tagen an der altbackenen Fassade wedeln.

Asche

Foto: Andreas Kerschgens

Gegrillt wird hier auch, und das, betrachtet man die bereits verbrannte Kohle, nicht zu knapp. Einer der Grills sieht aus wie ein halber Fußball, er wird mit Holz befeuert, und das ist definitiv überall zu finden auf dem kleinen Waldstück. Bemerkbar macht sich die Umgebung zusätzlich an der Eckfahne des ersten Platzes, wo Gebüsch-Auswüchse an einer Seite einen großen Teil der Aschefläche bedecken. Sie sind mit Bauzäunen umrahmt – Angriffe über die rechte Offensivseite können also auf dem Geläuf nicht stattfinden.

Das dürfte für die Nachwuchskicker von „Vorwärts SpoHo 98“ allerdings kein Problem sein. Unter ihnen ist die Platzanalge lediglich als „Nordfeld“ bekannt, für viele der rund 20 Jugendmannschaften dient er als Trainingsstätte. Der Verein selbst wurde, wie es der Name sagt, 1998 von Studenten der Deutschen Sporthochschule Köln gegründet. Vereinsfarben? Grün-weiß, wie die wedelnden Wimpel.

Hunde auf dem Kunstrasen?

Zunächst wurde am Carl-Diem-Weg gekickt, dann auf der Sportanlage Telekom Post in Bocklemünd, und schließlich landete der Verein am Walter-Binder-Weg auf den Nordfeldern. Zu Anfang gab es lediglich eine Mannschaft im Herrenbereich. Seit der Saison 2010/11 hat „Vorwärts SpoHo 98“ aber auch eine Jugendabteilung. In der kommenden Spielzeit werden gar erstmals eine A-Junioren- und eine B-Juniorinnen-Mannschaft für den Spielbetrieb gemeldet. Auf diese Weise soll die Lücke zum Seniorenbereich weiter geschlossen werden.

Alle Nachwuchsmannschaften trainieren jede Woche auf unterschiedlichen Plätzen, auf den Stadionwiesen, am Salzburger Weg oder eben auf den Nordfeldern. Diese könnten, so wie sie aktuell aussehen, allerdings bald der Vergangenheit angehören: Seit fast fünf Jahren ist ein Kunstrasenplatz in Planung, der einen der beiden Ascheplätze ersetzen soll. „Vision Nordfeld“ ist das vom Verein ausgegebene Stichwort. Dazu gehört dann auch die Renovierung des maroden Vereinsheims am Walter-Binder-Weg – das ist aktuell nämlich wegen Einsturzgefahr des Dachs geschlossen.

Und doch hat die etwas heruntergekommene Anlage ihren eigenen Charme. Sie erinnert an die Spielwiese von Amateurkickern, die nach einer Runde elf gegen elf den Tag gemütlich auf der Bierzeltgarnitur mit dem ein oder anderen Kaltgetränk ausklingen lassen. Auch die nebenan stehenden Container, die als Toilettenhäuschen fungieren, oder der große, abgeschlossene Metallbehälter mit Bällen und Trainingsutensilien im Inneren passen in dieses Bild.

Dieser Charme wird vielleicht ein Stück weit verschwinden, wenn am Walter-Binder-Weg der Kunstrasen ausgerollt und das Vereinsheim wieder zum Leben erweckt wird. Und das ist auch dringend notwendig. Genauso wie eine Erneuerung des grauen, heruntergekommenen Zaunschildes. Denn auf einem neuen Kunstrasenplatz haben Hunde wirklich nichts zu suchen.

Lesen Sie hier Teil 1 (Das Loch), 2 (Im Schatten der Moschee)3 (Parken statt Kicken), 4 (Oase im Gleisdreieck) und 5 (Legende von gestern) unserer Serie zu den kultigsten Plätzen der Domstadt.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.