Köln.Sport

Teil 2: Rettig im Köln.Sport-Interview

Im zweiten Teil des KS-Interviews (hier gehts zu Teil 1) spricht Andreas Rettig über den FC St. Pauli, wie er sich seinen Ruhestand vorstellt und Pläne von einer Rückkehr ins Fußballgeschäft.
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Andreas Rettig hat ganz konkrete Pläne für seinen Ruhestand (Foto: Köln.Sport)

Ist es für einen Vorstand überhaupt möglich, auf der einen Seite Fan-Nähe zu signalisieren, auf der anderen aber auch geschäftliche Entscheidungen zu treffen, die den Fans nicht passen?

Ich bin immer gut damit gefahren, sich nicht jedem an den Hals zu werfen. Ich erwarte von einem Präsidium und einer Geschäftsführung aber ohnehin, dass man sich mit allen Interessenvertretern auseinandersetzt. Es muss bei jedem, der es mit dem Verein gut meint, das Gefühl entstehen: Die handelnden Personen haben den Weitblick und versuchen, alles auszutarieren. Wir dürfen nicht die Fans gegeneinander ausspielen. Nur weil der Logenpartner ein paar Euro mehr im Portemonnaie hat, ist er kein schlechterer Fan. Natürlich weiß ich, was ein Allesfahrer auf sich nimmt, und finde das großartig. Aber jemanden, der in einem anderen Berufsweg ist und aus privaten Gründen nicht zu jedem Auswärtsspiel fahren kann, dürfen wir dafür nicht geißeln.

Zurück zum FC St. Pauli. Angeblich haben Sie 2015 für den Kiezclub Angebote aus der Bundesliga abgelehnt. Warum?

Meine Frau und ich haben unser Geld nie in Gucci-Taschen oder Ähnliches investiert. So konnten wir im letzten Drittel des beruflichen Wirkens auch sagen: Wir treffen eine berufliche Entscheidung, die nicht allein vom Finanziellen abhängig ist. In erster Linie ging es darum, mit welchen Menschen man es zu tun hat, an welchem Standort man arbeitet und welche Perspektive man hat. Ich habe mich für das wirtschaftlich schlechteste Angebot entschieden, wollte auch nichts sagen wie „Ich wollte hier schon immer arbeiten, das ist mein Verein“. Mein Verein ist immer Rot-Weiß Essen gewesen – aber St. Pauli fand ich immer stark. Die haben auf mich einen guten Eindruck gemacht, etwas selbstironisch, gegen das Establishment. Damit konnte ich etwas anfangen.

Sie tragen heute ein Trikot des FC St. Pauli, offenbar hat die Zusammenarbeit also gut gepasst.

Das habe ich von unserem Fanladen, einer echten Institution auf St. Pauli, als Abschiedsgeschenk bekommen. Daher trage ich es mit besonderem Stolz. Wir haben in diesem Trikot gegen RB Leipzig gespielt. Jeder Fußballfan weiß ja, dass RB für Rasenball steht – wofür auch sonst. Wir haben uns, obwohl ich persönlich den Klub nicht besonders mag, ganz bewusst dieses Spiel ausgesucht, um eine Botschaft zu senden. Nämlich „kein Fußball den Faschisten“. Die jeweiligen Verantwortlichen haben vor dem Spiel eine Erklärung vorgelesen. Und obwohl wir uns nicht mögen, uns in der Ausrichtung diametral gegenüberstehen, haben wir gemeinsam gesagt, dass es Wichtigeres gibt. Gerade in der heutigen Zeit müssen wir den Rücken gerade machen.

Nun haben Sie sich nach vielen Jahren im Fußballgeschäft eine Auszeit genommen, haben also viel Zeit für andere Projekte. Was steht auf der Agenda von Andreas Rettig?

Da hätten Sie meine Frau einladen sollen (lacht). Ich freue mich darauf, den Tag mal wieder etwas selbstbestimmter zu genießen. Ich stehe morgens immer vor 6 Uhr auf und lese die überregionalen Zeitungen quer. Im Fußball-Tagesgeschäft kommt man ja nicht mehr dazu, mal in Ruhe eine Zeitung zu lesen. Und ich gehöre eben noch zu der Generation, die sich zwar über Druckerschwärze ärgert, aber die Zeitung nicht missen möchte. Ich habe einen Packen an rausgerissenen Seiten, die ich unbedingt lesen will. Der ist mittlerweile ziemlich groß und hoch. Ich habe mir diese bewahrt, weil ich mir nicht von Algorithmen mein Leseverhalten vorschreiben lassen wollte. Und dann widme ich mich Themen, die mich interessieren. Wie das Thema Nachhaltigkeit oder das Thema Führung. Auch mein Englisch müsste ich nochmal verbessern. Das wird mich schon in Anspruch nehmen.

Vielleicht trifft man Sie ja auch mal in Höhenberg bei der Viktoria? Dort waren Sie ja einst selbst aktiv…

Aber mit mäßigem Erfolg. Ich war ja nicht mit einem ganz so großen Talent ausgestattet, aber es war eine tolle Zeit damals. Wir haben es leider zwei Mal knapp verpasst, aus der Oberliga Nordrhein in die 2. Bundesliga aufzusteigen. Ich verfolge aber mit Interesse, was dort passiert. Man kann Herrn Wernze, Franz Wunderlich und allen Verantwortlichen nur gratulieren. Das ist eine tolle Geschichte und ich werde dort sicher auch mal vorbeischauen. Allerdings definiere ich das nicht anhand einer Liga. Ich gehe auch gerne mal zum Jugendfußball. Also überall dorthin, wo es gute Bratwürste gibt.

Sie haben von einer Pause gesprochen, was bedeutet, dass diese auch irgendwann ein Ende haben müsste. Gibt es langfristig Pläne, nochmal ins Fußballeschäft zurückzukehren?

Nein, das sage ich auch ganz klar. Ich habe meine Entscheidung getroffen im Hier und Jetzt. Ich weiß noch, wie ich damals belächelt wurde, als ich aus Köln nach Augsburg gegangen bin und dies bekannt gegeben habe. Als der Verein noch in der 3. Liga gespielt hat. In Augsburg habe ich selbstbestimmt aufgehört, trotz Bundesliga-Klassenerhalt. Danach wusste ich nicht, wie es weitergeht. Dann bin ich bei der DFL gelandet, habe dort meinen Vertrag nicht verlängert und für mich entschieden, dass ich etwas anderes machen muss. Dann ist es St. Pauli geworden und ich wusste wieder nicht, was passiert. Sie müssen sich also um mich keine Sorgen machen.

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