Köln.Sport

Teil 1: Rettig im Köln.Sport-Interview

Nach seinem Abschied beim FC St. Pauli legt Ex-FC-Manager Andreas Rettig nun eine Auszeit ein. Gedanken zum Effzeh, dem modernen Fußball und seiner Zukunft macht er sich trotzdem – wie der sympathische Fußballfunktionär im Gespräch mit Köln.Sport beweist
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Bei einem entspannten Plausch am Kiosk sprach Andreas Rettig mit Köln.Sport über seinen Abschied, den FC und den modernen Fußball (Foto: Köln.Sport)

Trotz seines Abschieds am 30. September trägt Andreas Rettig den FC St. Pauli noch immer im Herzen – und am Körper. In einem Trikot mit der Aufschrift „Kein Fußball den Faschisten“ erscheint der ehemalige kaufmännische Geschäftsleiter des Kiezclubs gut gelaunt in der Köln.Sport-Redaktion, genießt seine erste „freie“ Woche sichtlich. Von 2002 bis 2005 war Rettig der starke Mann beim 1. FC Köln – einen Verein, den er als zahlendes Mitglied noch immer ganz genau verfolgt, wie er im Köln.Sport-Interview beweist!

Herr Rettig, Sie sind erst seit Kurzem zurück in Köln. Zum Ausstand bei St. Pauli gab es einen „Kölschen Abschied“ – ist es schwer gefallen, dort „Tschüss“ zu sagen?

Der Abschied hat er ein deutlich größeres Loch in die Haushaltskasse gerissen, als mir das lieb war (lacht). Ich hätte nicht gedacht, dass die Kollegen so trinkfest sind, obwohl man das ja mit St. Pauli verbinden könnte. Es war wirklich grandios. Wie es sich gehört, habe ich auch einen DJ aus Köln (DJ Addi) gewinnen können. Wir haben kölsche Spezialitäten, vor allem natürlich auch das entsprechende Bier, kredenzt . Da war ich dann auf die Hilfe der St.Pauli-Fans, die wir ja auch in Köln haben, angewiesen. Die haben mir geholfen, Fässer aus der Kölner Südstadt nach Hamburg zu transportieren. Auf dem Wege noch mal Danke dafür!

Wo sie Köln schon ansprechen: Wie intensiv haben Sie den ihren Ex-Verein, den 1. FC Köln, in den vergangenen Jahren beobachtet?

Natürlich verfolgt man die Stationen, bei denen man selber aktiv und in der Verantwortung war. Ich bin dort ja auch aus freien Stücken und im Guten gegangen, habe mir weder einen goldenen Handschlag verpassen lassen, noch sonst irgendwas. Ich denke, dass es für einen Aufsteiger, auch wenn das hier in Köln nicht immer so wahrgenommen wird, keine ungewöhnliche Situation ist, dass man sich auch mal in den unteren Tabellenregionen wiederfindet. Ich glaube, dass die aktuelle Geschäftsführung richtig und gut damit umgehen wird. Ich mache mir keine Sorgen. Als zahlendes Mitglied drücke ich natürlich die Daumen und bin mir sicher, dass Köln bald die Kurve kriegen wird.

Sie haben eine ähnliche schwierige Hinrunde 2005 erlebt. Kann man die Situation vergleichen?

Nein. Wenn man sich die Tabelle anschaut, ist man natürlich nicht zufrieden. Aber es gibt sechs, sieben Mannschaften, die mit dem 1, FC Köln auf Augenhöhe sind. Das sind die, die sich auch jetzt schon da unten tummeln. Jetzt schon Alarm zu läuten, wäre daher etwas verfrüht.

Derzeit gibt noch viele andere „Baustellen“. Beim Thema Stadion hat sich der neue Vorstand klar pro Müngersdorf positioniert…

Bei dem Thema bin ich noch immer etwas gefühlsduselig. Ich habe die Zeit noch erlebt, als der Stadionname ein Fingerzeig auf die regionale Herkunft war. Heute sind wir in einer Zeit, wo er in zehn Jahren vier Mal verkauft wird. Ich will nicht zu pathetisch werden, aber das ist schon das „Wohnzimmer“ und die „Heimat“. Das Stadion ist für den Fans der wichtigste Ort, von daher finde ich die Entscheidung gut und richtig.

Das Trainingsgelände macht derzeit Sorge, weil die Unterstützung der Politik fehlt und Umweltschützer mit Klage drohen. Haben Sie so eine Situation schon einmal erlebt?

Ja, es ist mir in der Tat ein vertrautes Problem. Ich war vier Jahre in Freiburg und als wir da eine Stadion-Erweiterung planten, mussten wir auf den „Höllentäler“ – das ist ein Wind – Rücksicht nehmen. Am Ende haben wir durch viele Maßnahmen einen Kompromiss gefunden. Das wünsche ich mir auch in Köln. Wir sind in einer Zeit, wo gesellschaftliche Verantwortung groß geschrieben wird. Nachhaltigkeit ist ein wesentlicher Punkt und ich plädiere dafür, dass der Profifussball dieser Verantwortung noch mehr gerecht werden muss. Aber: Gesellschaftliche Verantwortung bedeutet nicht nur ökologische Verantwortung. Wir haben dabei auch soziale und kulturelle Verantwortung und das sind die, die auch der 1. FC Köln zurecht für sich in Anspruch nehmen darf. Wir dürfen diese Dinge nicht gegeneinander ausspielen! Auch die Stadt als Sportstadt hat eine Verantwortung, denn es gibt nicht mehr so viele Bereiche in der Gesellschaft, in denen das Zusammengehörigkeitsgefühl so stark ist, wie im Sport. Daher irritiert mich das Verhalten einiger Politiker. Verlässlichkeit und Berechenbarkeit sind ein hohes Gut, gerade wenn man in einen Standort investiert. Dann muss man auch darauf vertrauen können, dass Absprachen eingehalten werden.

Keine leichte Aufgabe für den neuen Vorstand um Dr. Werner Wolf, der mit großer Mehrheit gewählt wurde. Sicher auch, weil er den Einstieg großer Investoren ablehnt…

Das sind wichtige Signale, die Herr Wolf gesendet hat. Aber man muss auch differenzieren: Unser Fußball mit seinen historischen, sozialen und kulturelleren Wurzeln – der eben nicht vergleichbar ist mit dem in England – hat eine besondere Alleinstellung. Wir sollten Investoren nicht verteufeln, im Gegenteil. Sie sind herzlich Willkommen, sollen ruhig in den Fußball und die Vereine investieren. Aber mir erschließt es sich nicht, warum sie die Mehrheit in einem Verein erreichen möchten. Das letzte Bestimmungsrecht muss immer beim Verein bleiben, das halte ich für unumstößlich! Deswegen engagiere ich mich seit Jahren aus tiefstem Herzen für 50+1. Insofern finde ich die Entscheidung des neuen FC-Vorstands gut! Die Vereine müssen sich Gedanken machen, wie man die Wettbewerbsfähigkeit steigern kann – ohne allerdings ihre DNA aufs Spiel zu setzen.

Der FC St. Pauli gilt Vielen als Musterbeispiel dafür, wie man mit als Verein mit Faninteressen umzugehen hat. Können Sie daraus möglicherweise auch etwas für das Verhältnis von Fans und Vorstand beim FC ableiten?

Ich gebe keine Empfehlungen aus der Ferne ab, die Verantwortlichen in Köln werden ihren eigenen Weg gehen. Aber: Wie so oft im Leben geht es um Glaubwürdigkeit. Man muss zuhören können und sich mit Argumenten der anderen Seite auseinandersetzen. Wir haben beim FC St. Pauli eine ausgeprägte, positive Streitkultur entwickelt – und liegen uns dabei nicht längst immer Astra-trinkend in den Armen. Da knallt es auch mal richtig. Wir hatten alle drei Monate immer unseren ständigen Fan-Ausschuss, dort kommen Präsident, Geschäftsführung und Fan-Vertreter zusammen, dort geht es mit unter auch mal ruppiger in den Diskussionen zu – wenn wir dann aber aus dem Gespräch herauskommen, steigt auch meistens Weißer Rauch auf. Wir diskutieren alle Themen, kommen aber auch manchmal an den Punkt, wo wir der Fanszene klarmachen müssen: Bis hierhin und nicht weiter. Ich finde, dass klar sein muss, wer am Ende die Verantwortung trägt. Es muss ein Grundvertrauen erzeugt werden, das ist der wichtige Punkt. Dass man das Gefühl hat, man kann mal ruppig miteinander umgehen, aber eigentlich wollen wir ja beide dasselbe, nämlich das Beste für den Verein. Und wenn das einmal da ist, dann kommt man auch durch einen Sturm.

Ist es für einen Vorstand überhaupt möglich, auf der einen Seite Fan-Nähe zu signalisieren, auf der anderen aber auch geschäftliche Entscheidungen zu treffen, die den Fans nicht passen?

Diese und viele Fragen mehr beantwortet Andreas Rettig morgen in Teil 2 des Interviews!

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