Köln.Sport

Oase im Gleisdreieck

Kölns Kultigste Plätze Teil 4: Auf der Suche nach unserem nächsten Kultplatz begeben wir uns diesmal nach Nippes, wo ein echtes Olympiastadion steht. Doch das ist nicht so leicht zu finden …
Kultplatz

Direkt neben dem „Olympia­stadion“ des ESV steht das zehnstöckige Bordell „Pascha“,­ das – ob gewollt oder nicht – den Kultstatus des Platzes mitbegründet hat (Foto: Thomas Berger)

Wussten Sie, dass Köln ein „Olympiastadion“ hat? Nein? Ist auch nicht leicht zu finden! Biegt man aus östlicher Richtung kommend von der Inneren Kanalstraße in die Hornstraße ein, fällt einem zugegebenermaßen auch zuerst etwas anderes in die Augen. Da wäre zum Beispiel das „Odonien“ auf der linken Seite, ein Schrottplatz, aus dem der Künstler Odo Rumpf vor vielen Jahren einen einzigartigen Veranstaltungsort mit skurrilen Metallskulpturen geschaffen hat.

Nur 30 Meter weiter prangt auf der gegenüberliegenden Seite das „Wahrzeichen“ der Hornstraße: Das Anfang der 1970er-Jahre als erstes Hochhausbordell Europas erbaute „Pascha“ ist heute längst über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Schrottplatz, Eros-Center – und irgendwo hier soll ein Olympiastadion sein? Hinter dem Pascha geht eine kleine Straße rechts ab. Wer hier abbiegt, hat sich entweder verirrt oder ist ortskundig, denn nach weiteren 50 Metern, auf denen man einen heruntergekommenen Parkplatz mit Stacheldrahtzaun passiert, offenbart sich rechts eine wenig einladende Unterführung, deren triste Betonwände weitestgehend kunstlose Graffitis zieren.

Wer sich dennoch hindurchtraut, wird belohnt. Eine schmale Straße hinunter, vorbei an zwei großen Stahlschranken – und da liegt er, der Platz des ESV Olympia Köln. Einen Ableger des Schrottplatzes oder eine abgelegene Fabrik hätte man hier eher erwartet, doch in diesem einzigartigen Ambiente findet sich tatsächlich einer der kultigsten Fußballplätze der Domstadt. Eingekesselt von drei Bahndämmen kontrastiert ein moderner Kunstrasenplatz die von Industrieflair bestimmte Szenerie.

Mit den vielen grünen Bäumen, die das Spielfeld rundherum vor den Gleisen schützen, wirkt dieser Ort wie eine kleine Oase mitten zwischen mehreren Bahntrassen. Bei einem Blick auf die Gegengerade verflüchtigt sich dieses Gefühl allerdings auch schnell wieder. Die bis auf den letzten Zentimeter besprühte Spundmauer auf der Südseite gibt dem Fußballplatz des Eisenbahner-Sportvereins dann doch eine urbane Note.

Olympiastadion

Die einzigartige Lage im Nippeser Gleisdreick charakterisiert den ESV-Platz (Foto: Facebook)

Der schlechteste Platz Europas

Noch ausgeprägter war diese vor knapp zwei Jahren. Damals stiegen im Schatten des Pascha häufig große Rauchwolken auf, weil die Asche so staubtrocken war, dass es vor allem im Sommer kaum auszuhalten war. Bei Regen sah die Sache allerdings nicht viel besser aus. „Eine Dränage ist zwar vorhanden, doch abgeflossen ist unter dem festgetretenen Boden schon lange nichts mehr“, beschrieb Oliver Rausch, Abteilungsleiter Fußball des ESV Olympia im April 2016 den Zustand des Platzes. So sprachen Vereinsmitglieder seinerzeit schon lange nicht mehr von einem Ascheplatz, sondern wahlweise von der „Matsch-Hölle“, dem „Kartoffelacker“ oder schlicht dem „schlechtesten Platz Europas“.

Ob er dieses inoffizielle Prädikat wirklich verdient hatte, ist nicht verifiziert. Fest steht allerdings: Die Zeiten, in denen der Platz wegen seines katastrophalen Zustandes gefühlt jede zweite Woche gesperrt war, sind seit Sommer 2017 für alle Zeiten vorbei.

Zauberpulver aus Mexiko

Da nämlich wurde der neue Kunstrasenplatz mit einer großen Feier eröffnet. Die alte Asche gab es damals, als „Altes Zauberpulver aus Mexiko“ angepriesen, in Gläsern zu kaufen. Sie besitzt, wie der Platz an sich, längst Kultstatus und steht nun in so manchem Wohnzimmer in Neuehrenfeld und Nippes, wo sie alteingesessene Fußballrentner mindestens jeden Sonntagnachmittag an glorreiche Kreisligapartien erinnert. Deren Kinder allerdings dürften weniger wehmütig auf das staubige Relikt aus alten Zeiten blicken. Sie freuen sich darüber, dass sie nun nicht mehr auf dem vielleicht schlechtesten Fußballplatz der Stadt, sondern auf einem der besten kicken und bolzen können. Dass beim Training und bei den Spielen im Minutentakt Züge vorbeifahren, tut dem keinen Abbruch. „Züge? Die hört hier niemand mehr. Das ist wie bei einer Uhr, da hört man das Ticken irgendwann auch nicht mehr“, beschreibt Oliver Rausch sein eigentümliches Verhältnis zu Zuggeräuschen.

Er ist mitverantwortlich dafür, dass der ESV Olympia heute eine florierende Jugendabteilung hat, nachdem die Fußballabteilung zwischen 2011 und 2012 mehr oder weniger neu hatte gegründet werden müssen. „Wir haben eine klare Philosophie. Ein hauptamtlicher Sportlicher Leiter coacht die Jugendtrainer regelmäßig in Workshops.

Es gibt Feriencamps, Talentschmieden außerhalb des normalen Mannschaftstrainings und vieles mehr. Alle Jugendmannschaften sind voll, und das war auch schon so, bevor es den Kunstrasen gab“, freut sich der Abteilungsleiter des ESV. Stolz ist er auch auf das neue Klubheim, das im vergangenen Monat eröffnet hat. Von dort aus können die Gäste des Lokals bei perfektem Blick auf den Platz den einzigartigen Charme dieses kultigen Ortes im Nippeser Gleisdreieck genießen – vorausgesetzt, sie haben den Weg dahin gefunden.

Lesen Sie hier Teil 1 (Das Loch), 2 (Im Schatten der Moschee) und 3 (Parken statt Kicken) unserer Serie zu den kultigsten Plätzen der Domstadt.

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