Köln.Sport

Niemals aufgegeben

Amalia Sedlmayr ist eine echte Sportskanone, nimmt an Triathlons teil – bis ein Deko-Fisch in einer Wasserkaraffe vor vielen Jahren ihr Leben für immer verändert, sogar bedroht. Doch aufgeben kommt für die gebürtige Kölnerin nie in Frage – im Gegenteil.
Amalia Sedlmayr

Amalia Sedlmayr rudert sowohl im Vierer, als auch im Zweier und will im kommenden Jahr an den Paralympics teilnehmen (Foto: Sportstiftung NRW)

Als Amalia Esta Maria Sedlmayr zum Interview-Termin mit Köln.Sport erscheint, ist sie klitschnass. Nein, das Gespräch findet nicht auf oder im Wasser statt, wo Amalia sich am liebsten aufhält – Wettergott Petrus hat schlicht für einen donnernden Regen gesorgt an diesem grauen Vormittag Anfang Oktober. Die 27-Jährige ist trotzdem bestens gelaunt, das kleine Unwetter kann ihr nichts anhaben. Wasser ist ihr Element, verrät sie. „Meine Mutter hat mich mit drei Jahren zum Schwimmen gebracht. Sie wollte verhindern, dass etwas passiert, wenn ich ins Wasser falle – dass ich dann im Wasser hängen bleibe und überhaupt nicht mehr raus will, hat sie natürlich nicht gedacht“, sagt Amalia und lacht. Ihre Passion für das Wasser hat Amalia nicht verloren – auch und erst recht nicht nach dem Vorfall, der 2013 und in den Folgejahren ihr gesamtes Leben auf den Kopf gestellt, ja sogar bedroht hat. Aber der Reihe nach.

Sport gehört zu Amalias Leben, seit sie denken kann. Mit drei bringt ihre Mutter sie zum Schwimmkurs an der Kölner Sporthochschule, im Alter von fünf Jahren kommt sie in eine Kinder-Turngruppe, macht zudem Leichtathletik. Jeden Tag. „Damit ich abends Ruhe gab, musste ich mich tagsüber auspowern“, sagt sie. Als sie eines Tages eine Nachbarin fragt, ob ihr das nicht etwas zu viel sei, entgegnet die Sportskanone: „Was soll ich denn sonst den ganzen Tag machen?“. Auch Ballett probiert sie aus, bis zum Alter von 16 Jahren trainiert sie als Rettungsschwimmerin bei der DLRG. Als sie 17 ist, erzählt ihr Onkel ihr von seinem neuen Hobby namens Triathlon, die selbst ernannte „Wasserratte“ ist direkt Feuer und Flamme. Schon bald nimmt sie an den ersten Wettkämpfen teil, liebt es, sich auszupowern und ihre Grenzen auszutesten.

Neben dem Sport hat Sedlmayr aber noch eine andere Passion: Sprachen. „Meine Mutter hat mich zweisprachig aufgezogen, sie ist Brasilianerin, ich hatte auch ein brasilianisches Kindermädchen. Als Kind wollte ich auch Englisch lernen, weil ich verstehen wollte, was die da im Radio so singen. Meine Mutter war schon fast genervt, weil sie mir immer alles übersetzen musste“, lacht sie. Für den beruflichen Werdegang entscheidet sich die damals frische Abiturienten, etwas mit Fremdsprachen zu studieren. „Den Sport, dachte ich, kann ich ja immer noch in meiner Freizeit machen“, sagt sie. Also entscheidet sie sich für den Studiengang Übersetzungswissenschaften, zieht nach Heidelberg.

„Da ich sehr wasseraffin bin, wollte ich mir mein Studentenzimmer maritim einrichten“, erzählt sie. „Also habe ich mir auf einem Flohmarkt einen kleinen Deko-Fisch gekauft. Andere legen Bergkristalle oder Ähnliches in die Karaffe, denkt sie sich. „Ein Fisch gehört ins Wasser – ich wollte ihn also in meiner Karaffe wieder „zum Leben erwecken“. Dass ich ihn zum Leben erwecke und mich damit gleichzeitig fast ins Grab bringe, habe ich aber natürlich nicht gedacht. Das sollte ich aber auch erst drei Jahre später erfahren“.

„Ich kann nicht mehr gehen“

Im Herbst 2013 kauft sie den Fisch, im Dezember desselben Jahres steht sie eines Morgens in ihrem Badezimmer und fühlt sich kraftlos. „Ich habe mich hingesetzt, als ich wieder aufstehen wollte, hat das rechte Bein nachgegeben. Ich bin weggeknickt und rückwärts in die Heizung gefallen“, schildert sie im Gespräch mit Köln.Sport. Anschließend geht sie sofort zum Hausarzt, der sie an eine Neurologin verweist. Diese diagnostiziert fokale Anfälle, das sind epileptische Anfälle, die sowohl Muskulatur als auch Motorik oder auch die Sinnesorgane angreifen können. „Sie sagte mir, dass man das nicht vollständig kontrollieren könne“, sagt Amalia.

Dennoch wird sie gegen diese Art von Anfällen therapiert – doch Besserung ist nicht in Sicht. Auch das linke Bein wird immer schwächer, zudem nimmt sie 27 Kilogramm ab. Ein Dreivierteljahr später muss sie erneut zum Hausarzt, der sie jedoch erneut weiterschickt ins Krankenhaus. Was Amalia genau zu Schaffen macht, können die Ärzte nicht feststellen. Das alles ereignet sich im Sommer 2014, sie ist zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre alt.

Im Krankenhaus darf sie sich nicht bewegen, muss ihren Körper schonen – ein Horror für die Sportskanone. „Spätestens nach drei Tagen hatte ich die Nase voll. Ich dachte, ich müsse doch meinen Kreislauf mal wieder ins Laufen bringen“, erzählt sie. Also schieben sie Freunde, die Amalia regelmäßig besuchen, auf die Dachterrasse des Heidelberger Krankenhauses. Sie heben sie aus dem Rollstuhl, wollen mit ihr ein paar Schritte laufen. „Doch es ging nicht“, sagt Amalia – „wir haben uns nur noch konsterniert angeguckt. Ich merkte: Ich kann nicht mehr gehen.“

Anruf vom Krankenhaus

Es beginnt ein Jahre andauernder Ärzte- und Spezialistenmarathon. „Ich wurde durchgecheckt, dann ging es in die Neurologie. Ich hatte so viele Arzttermine. Zu Beginn gab es viele Fehldiagnosen“, erklärt sie. Da Amalia extrem ehrgeizig ist und sie der „normale Studienverlauf unterforderte“, wie sie selbst sagt, studiert sie Doppelsemester. Die Ärzte sehen einen möglichen Grund für Amalias Probleme im Stress, raten ihr, nur noch die halbe Stundenzahl zu machen. „Das war sehr frustrierend, ich habe mich nicht Ernst genommen gefühlt. Ich habe früher sehr viel Sport gemacht, kenne meinen Körper ziemlich gut. Ich wusste: Die Schmerzen, die ich jetzt habe, können nicht davon kommen“, sagt sie.

„So einen Fall wie mich hatten die Ärzte vorher noch nicht gesehen“, versucht Amalia zu erklären, wie ihre Probleme so lange nicht erkannt werden konnten. Sie unterzieht sich weiteren Untersuchungen, die Mediziner diagnostizieren eine Schädigung des Knochenmarks oder der Leber, bei der Ursache tappen sie aber weiter im Dunkeln. Auch wenn der gesamte Prozess extrem an ihr zehrt, kommt für Amalia aufgeben nicht in Frage. Ihr Wille, zum Sport zurück zu kehren, ist stärker als die Angst und die Schmerzen. Dennoch bleibt sie eine gefühlte Ewigkeit lang im Ungewissen, Besserung stellt sich nicht ein – bis Amalia eines Tages in Bonn einen Anruf aus dem Heidelberger Krankenhaus erhält.

„Der Arzt sagte mir, dass die Ursache meiner Knochenmarksfunktionsstörung nicht im Knochenmark liege“, schildert Amalia – man merkt ihr an, wie genau sie sich noch genau an dieses Gespräch erinnern kann. „Aber ich solle trotzdem schnellstmöglich ins Krankenhaus kommen, weil ich eine Bleivergiftung habe“. Als sie entgegnet, dass sie sich im viele Kilometer weit entfernten Bonn aufhält, sagt der Arzt, sie solle in die dort ansässige Uniklinik gehen. Es wüsste ohnehin keiner, wie sie nun zu behandeln wäre, erklärt er.

Doch die Ursache ist endlich gefunden: Der kleine, bleierne Deko-Fisch in ihrer Wasserkaraffe hatte sie vergiftet, fast drei Jahre lang hatte Amalia das für ihren Körper schädliche Wasser getrunken. Dabei reichert sich Blei in den Knochen anstelle von Calcium an, wodurch das Nervensystem, Knochenmark, und Leber geschädigt werden und Lähmungen auftreten können. 2016 startet Amalia eine Entgiftungskur, sie nimmt kleine Kapseln, die das Blei nach und nach aus ihrem Körper ziehen. Als sie zum Gespräch mit Köln.Sport erscheint, erklärt sie zudem, sie habe eine Sehnscheidenentzündung in beiden Armen – bedrohlich sei dies allerdings nicht, betont sie. Nur, dass sie sich mit dem Sport nun noch länger gedulden muss, nervt sie gewaltig.

Nächstes Ziel: Paralympics

Genauso wie die Tatsache, dass sie ihre Karriere als Triathletin an den Nagel hängen muss. „Das Schlimmste an der ganzen Zeit war fast, zu realisieren, dass ich nicht mehr so werde Sport machen können, wie ich es vorher getan habe.“ Als sie eines Tages bei ihrem Orthopädietechniker vorbeischaut, um ihre Orthesen anpassen zu lassen, trifft sie auf Para-Weitspringer Markus Rehm. „Ein Freund von ihm war begeisterter Ruderer und suchte noch nach einer Frau für den Vierer“, erzählt sie. Vorher habe sie noch nie gerudert, doch Amalia erklärt sich bereit, es einmal auszuprobieren – und sitzt zwei Wochen später zum ersten Mal im Boot.

Nun will sie sich für die Paralympischen Spiele in Tokio 2020 qualifizieren, im Frühjahr des nächsten Jahres bekommt sie mit ihrem Doppelpartner die Chance dazu. Darüber hinaus studiert sie Sport und Leistung, möchte Trainerin für Menschen mit Einschränkungen im Leistungssport werden. „Ob fürs Rudern oder Schwimmen, weiß ich noch nicht genau.“ Das ist auch aktuell noch gar nicht so wichtig. Wohl aber, dass Amalia wieder gesund wird und ihren positiven Spirit beibehält. Da muss man sich jedoch keine Sorgen machen. Denn Aufgeben war noch nie Amalias Stil.

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