Köln.Sport

Legende von gestern

Die neueste Folge unserer Reihe zu Kölns kultigsten Plätzen hat uns auf die „Schäl Sick“ geführt – zu einem Platz, der dank eines Mannes noch nicht ganz von der Fußball-Landkarte verschwunden ist.
Winfriedia Mülheim

Früher fanden auf diesem Fußballplatz des DJK Winfriedia Mülheim statt – mittlerweile ist der Spielbetrieb allerdings schon seit vielen Jahren eingestellt (Foto: Thomas Berger)

Einen kleinen Spalt breit steht das angerostete Gittertor offen. Schon von außen fällt auf: Hier war ein Gärtner am Werk, die schön sichtbar angeordneten Blumen und Sträucher passen nicht zu den vergilbten und dreckigen Hauswänden, vor denen sie stehen und dessen äußeres Erscheinungsbild sie verschönern sollen. Auf einem großen, silbernen Metallschild prangt der Schriftzug „Sportanlage der Stadt Köln“. Hier, auf der Piccoloministraße in Holweide? Zu sehen ist nichts dergleichen. Scheint aus einem vergangenen Jahrhundert zu sein, dieses Schild, so unbelebt sehen die Gebäude aus. Und dann geht eine Tür auf, ein kleiner, hagerer, älterer Herr tritt hinaus. Die schwarze Baseball-Kappe tief ins Gesicht gezogen, rümpft er die Nase, um durch seine Brille nach oben schauen zu können. Wir werden kurz gemustert, dann heißt es: „Der Fußballplatz? Da hinten geht’s lang, schauen Sie sich ruhig um, ich bin sowieso hier.“

Er zeigt in Richtung einer kleinen Lücke zwischen den Gebäuden, vorbei an dem alten Plastik-Campingtisch mit aufgespanntem, rot-gelb-orangem Sonnenschirm und einer kleinen Feuerstelle, die aussieht, als wäre dort bereits seit fünf Sommern keine Bratwurst mehr auf den Grill gekommen. Es geht unregelmäßig versetzte Treppenstufen hoch, vorbei an einem kleinen Kassenhäuschen aus weißem und braunem Holz. Die Schotten dicht, weder Aushänge noch Teamlogos oder Spielpläne zu sehen. Das einzige sichtbare Indiz dafür, dass sich hierhin überhaupt noch Menschen verirren? Ein mobiles Toilettenhäuschen – das würde dort ja nicht stehen, wenn es keinen Bedarf gäbe, oder?

Kein Spielbetrieb mehr

Und plötzlich ist sie da, eine Art Aschen-Oase inmitten des Gewerbegebiets zwischen Holweide, Buchheim und Mülheim. Von dem bekommt man in der Mitte des Platzes nichts mit, er ist umgeben von Bäumen, deren Kronen aussehen, als hätte sie jemand auf einheitliche Länge gestutzt. Auch die Geräusche der umliegenden Autobahn verstummen auf der Asche, auf der eindeutig noch Stollenabdrücke erkennbar sind. So ausgestorben scheint der Platz nicht zu sein, das belegen auch die perfekt aufgespannten Tornetze. Na gut, auf weiße Kreidelinien muss man verzichten – darüber trösten die Zäune hinter den Toren hinweg, die verhindern, dass der Ball bei Fehlschüssen im Wald verschwindet.

Wäre der Platz statt aus Asche aus Kunstrasen, er würde mit Sicherheit für den Jugend-Ligabetrieb genutzt, so schön ist das Ambiente. An den Stangen auf der einen Seitenlinie könnten die ehrgeizigen Eltern ihrem Nachwuchs Anweisungen hinterherbrüllen, neutrale Zuschauer auf den kleinen Steinstufen dahinter Platz nehmen. Da gibt es dank der Bäume sogar ein wenig Schatten, die Aschefläche hingegen liegt in der prallen Mitagssonne. Leichten Sonnenschutz erhält dafür der Tennisplatz an der Nordseite, der vom TC Mülheim noch regulär im Ligabetrieb genutzt wird. Der Blick fällt auf eine Rohr-Konstruktion, die auf Höhe der Mittellinie platziert ist. Eine lange Stange ragt nach oben, von ihrer Spitze geht ein anderes Rohr waagerecht ab, befestigt durch ein schräges Verbindungsstück. Sieht aus wie ein Galgen.

Josef Funk, der ältere Herr mit Kappe, hat sich zu uns gesellt, sieht unsere fragenden Blicke und klärt auf. „Ach das, das ist ein Kopfballpendel. Daran kann man einen Ball befestigen und auf verschiedene Höhen verstellen, um daran zu üben. Das gibt es leider an keinem anderen Sportplatz mehr.“ Der 59-Jährige klärt auf: Wir befinden uns auf der ehemaligen Heimspielstätte des DJK Winfriedia Mülheim – und Funk ist dort Platzwart. Und irgendwie ist er das auch heute noch, fast zehn Jahre, nachdem der Verein 2009 Insolvenz anmelden und sich auflösen musste. „Das kommt halt davon, wenn man immer mehr ausgibt, als man einnimmt“, sagt Funk und wedelt mit den Armen. Man merkt, dass er von der Insolvenz noch immer geschockt ist. „Wir hatten 16 Jugend-, eine Profi- und eine Altherrenmannschaft. Gerade bei so vielen Jugendlichen kann es doch nicht sein, dass dann irgendwann kein Geld mehr da ist.“

Die guten alten Zeiten

Mehr möchte Funk dazu eigentlich nicht sagen. Lieber erinnert er sich zurück an die Neunziger-Jahre, als die Profimannschaft der Winfriedia sogar eine Saison lang in der Oberliga Nordrhein kickte. „Wir haben hier schon damals immer gut die Sau rausgelassen“, lacht er heute. Unter anderem schnürte der spätere Bundesligaprofi und heutige Internet-Kultstar Hans Sarpei für die Mülheimer die Schuhe. Aktuell nutzen die Jugendspieler des benachbarten MTV sowie eine Gruppe von Behindertensportlern die Anlage noch zu Trainingszwecken. Und auch wenn Funk einräumt, dass die Stadt sofort alle Schäden dort repariere, die er vermelde, ist er doch sichtlich enttäuscht darüber, dass der Platz ansonsten so völlig von der Fußball-Landkarte auf der „Schäl Sick“ verschwunden ist. „Er ist noch immer in einem perfekten Zustand, viel schönere Aschenplätze gibt es in Köln nicht.“ Das finden auch die Jugendlichen vom MTV, die das von Funk „jetzt sozusagen als Privatmann“ in Schuss gehaltene Gelände sogar im Frühling schon für eine kleine Grillparty genutzt haben. Das mit der Bratwurst ist wohl doch noch keine fünf Sommer her.

Sein Handy macht sich bemerkbar, es ertönen die ersten Takte von „Mer schwöre dir“ als Klingelton. Funk ist beschäftigt, es gibt immer etwas zu tun. „Bald kann ich auch wieder Hecken schneiden, dann ist die Blütezeit ja vorbei.“ Er geht kurz zurück in das zu Beginn gesehene Gebäude, es ist das Vereinsheim, Funk wohnt dort jetzt. Dann nimmt er unter dem rot-gelb-orangen Sonnenschirm Platz, bevor es wieder an die Arbeit geht. Damit der Platz weiterhin so in Schuss bleibt – und doch noch nicht komplett von der Kölner Fußball-Landkarte verschwindet.

Lesen Sie hier Teil 1 (Das Loch), 2 (Im Schatten der Moschee)3 (Parken statt Kicken) und 4 (Oase im Gleisdreieck) unserer Serie zu den kultigsten Plätzen der Domstadt.

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