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Kult-Pfarrer aus der Südstadt

Fortuna Köln ist kein gewöhnlicher Verein. Kein Wunder also, dass Fortuna-Pfarrer Hans Mörtter auch kein gewöhnlicher Pastor ist. Für viele ist der unkonventionelle Geistliche aus der Südstadt nicht mehr wegzudenken.
Fortuna-Pfarrer

Hans Mörtter ist der Fortuna-Pfarrer (Foto: Thomas Berger)

Donnerstagmorgen, kurz vor zehn. Im Innenhof neben der Lutherkirche herrscht schon reges Treiben. Der Küster und sein Team sind dabei, die Kirche wieder auf Hochglanz zu bringen. „Hier wurde vorgestern in den Mai getanzt“, verrät er uns. In der Lutherkirche finden regelmäßig Veranstaltungen solcher Art statt – ein erster Hinweis, dass sich der verantwortliche Geistliche etwas von dem Stereotyp eines gewöhnlichen Pfarrers unterscheidet. „Entschuldigung, ich muss gerade noch eine wichtige Angelegenheit klären“, sagt Hans Mörtter, als er uns im zweiten Stockwerk des schmucklosen Mietshauses neben der Kirche in seinem Büro empfängt.

Während er einem verzweifelten Anrufer am Telefon Auskunft über die Möglichkeiten des sogenannten „Kirchenasyls“ gibt, bleibt Zeit, sich ein wenig umzusehen. Ziemlich chaotisch sieht es aus bei Pfarrer Mörtter. Seit vielen Jahrzehnten leitet er die Lutherkirche, dementsprechend haben sich über die Jahre unzählige Akten, Ordner und Hunderte Bücher in seinen restlos überfüllten Regalen angesammelt.

Nach ein paar Minuten ist fürs Erste alles geklärt, Pfarrer Mörtter lässt der Anruf aber noch nicht kalt, Flüchtlingshilfe ist eines der Themen, die ihm am meisten am Herzen liegen. „Es gibt in diesem Staat eine Menge Verbündete, mehr als man denkt“, sagt Mörtter, der den Kampf gegen die Ausweisung in vielen Fällen noch nicht aufgegeben hat.

Südstädter mit Leib und Seele

Mit dem gleichen Engagement setzt er sich auch für Obdachlosenhilfe oder Integration ein. Wie nun passt dazu die Liebe zu etwas verhältnismäßig Trivialem wie dem Fußball? „So trivial ist das gar nicht“, erwidert Mörtter, „Fußball überwindet Grenzen, ist ein überbrückendes Kommunikationsmittel. Er ist Familie, Leidenschaft, gibt Rückgrat und schafft Identität.“

Mörtters eigene Identität ist eng mit der Südstadt verknüpft. Seit über 30 Jahren lebt der gebürtige Bonner schon an der Lutherkirche und hat es seitdem nie bereut. „Als sich die Option ergab, hier anzufangen, bin ich vorher mehrere Stunden durch die Südstadt spaziert. Ich wollte sie unter meinen Füßen spüren. Danach stand meine Entscheidung fest – ohne die Kirche gesehen zu haben“, erinnert sich der Pfarrer, der die Nähe zum Rhein seit seiner Kindheit in Bonn, wo er nur hundert Meter vom lebenden Strom entfernt aufwuchs, braucht.

Bis er seine Liebe zum Fußball entdeckt und Fortuna-Pfarrer wird, dauert es aber anschließend noch viele Jahre. Segelfliegen, Säbelfechten, Tennis, Skifahren, Reiten, Joggen, Fahrradfahren – Unsportlichkeit kann man dem Geistlichen wahrlich nicht vorwerfen. Doch das runde Leder bleibt für ihn eher eine Randsportart. Gekickt wird nur ab und zu mit Freunden, die den mangelnden Ehrgeiz Mörtters beim Bolzen nur schwer ertragen können.

Nach der Jahrtausendwende ändert sich das Verhältnis zum Fußball, insbesondere zum lokalen Verein, schlagartig. „2003 kam mein Freund, der Kölner Künstler Cornel Wachter, zu mir und sagte: ‚Hans, wir müssen die Fortuna retten!‘ – Dann haben wir losgelegt, und es entstand sehr schnell die Liebe zu diesem tollen Klub“, schildert Mörtter den Beginn einer echten „Love-Story“. Die enge und familiäre Bindung, die Menschlichkeit, all das entspricht Mörtter, der in der Folge zum guten Geist der Südstädter wird. Seine Aufgaben als Fortuna-Pfarrer sind vielfältig: Die Einweihung des Nachwuchsleistungszentrums, Gottesdienste zum Fortuna-Geburtstag und auch die Arbeit mit der Mannschaft gehören zu den Aufgaben des mittlerweile 62-Jährigen.

„Klaus Ulonska hat mich damals darum gebeten, Ansprachen vor den Heimspielen zu halten, um die Spieler mental zu stärken. Heute machen das bei Profivereinen hochbezahlte Sportpsychologen. Aber ich glaube, ich war nicht schlecht, es hat den Spielern auf jeden Fall geholfen“, freut sich der Pfarrer. Ihn und den ehemaligen Fortuna-Präsidenten, der im März 2015 verstarb, verband eine enge Freundschaft. So eng, dass der Geistliche sogar die Traueransprache in St. Aposteln hielt – typisch Mörtter mit einer roten Pappnase im Gesicht und dem legendären Fortuna-Spendenball in der Hand.

Sirtaki im Vringstreff

Die Wehmut ist Hans Mörtter anzumerken, während er über seinen alten Freund spricht. „Klaus war für mich ein enger Verbündeter in jeder Hinsicht. Ich erinnere mich noch, wie er zwei Monate vor seinem Tod im Vringstreff, unserem Obdachlosenrestaurant in der Südstadt, beim Obdachlosenfrühstück gekellnert hat. Das war ihm ein ganz wichtiges Anliegen. Später an dem Tag haben wir dort Sirtaki getanzt, Arm in Arm“, erzählt der Pfarrer.

Auch anno 2018 hat er zu den wichtigen Männern im Verein noch eine gute Bindung. Ganz besonders zu Uwe Koschinat, der 2011 als Trainer in der Südstadt anheuerte. „Der gehört hier zur Gemeinde“, berichtet der evangelische Pastor, „ich habe seinen Sohn Ole konfirmiert, seine Tochter ist bei mir im Schulgottesdienst.“ Dass Koschinat ein Mann mit Visionen, aber auch ein Realist ist, der seinen Weg unbeirrt weitergeht, schätzt Mörtter besonders an ihm – und zieht den Vergleich zu sich selbst: „Das macht uns beide gar nicht so unähnlich“, schmunzelt der Geistliche.

Durchschnittlich besucht er jedes zweite Heimspiel im Südstadion, wo er von den Rängen versucht, gute Energien aufs Spielfeld zu senden. Trotz des verpassten Aufstieges ist der Fortuna-Pfarrer sehr zufrieden mit der Leistung seiner Schützlinge. Seiner Meinung nach wäre der Gang in die Zweite Liga ohnehin zu früh gekommen. „Dafür haben die Kräfte nicht gereicht, auch mental nicht. Aber das macht nichts, vielleicht klappt es dann nächste Saison“, sagt Mörtter völlig entspannt. Wenn nicht, so hat man das Gefühl, wäre das für ihn auch nicht dramatisch.

„Was ist der Fußballer eigentlich noch?“

Wahrscheinlich auch deshalb nicht, weil der unkonventionelle Geistliche, neben seiner Aufgabe beim Südstadt-Klub noch viele weitere Vorhaben für die Zukunft plant. „In drei Jahren werde ich pensioniert, dann höre ich auch wirklich auf. Aber natürlich nicht ganz. Ich widme mich vermehrt den Projekten, die ich wirklich machen möchte, und gebe nur das ab, was ich nicht mehr machen will“, freut sich Mörtter. Projekte gibt es einige. Zum Beispiel das „7-Sterne-Hotel“ für Obdachlose, dessen Umsetzung der 62-Jährige seit vielen Jahren vorantreibt, oder zwei Buchideen, die dem vielseitig talentierten Denker schon lange im Kopf herumschwirren.

Um die Fortuna soll es dabei nicht gehen. Und doch, während er darüber nachdenkt, sprießen die Ideen schon wieder: „Ja, keine schlechte Idee! Was bedeutet der Fußball wirklich, was ist eigentlich sein Kern? Wie hat er sich verändert, und wo führt das hin? Was ist der Fußballer eigentlich noch, außer einer Hochleistungsmaschine? Was passiert mit seinem Geist?“, sprudelt es aus ihm heraus.

Ob irgendwann vielleicht tatsächlich mal ein Fußballbuch des kultigen Fortuna-Pfarrers herauskommt, ist ungewiss. Sicher hingegen ist: Auf geistlichen Beistand wird der Südstadt-Klub nicht verzichten müssen, solange Hans Mörtter, „der moderne, uralte, leicht verdötschte Pfarrer“, wie er sich selbst beschreibt, in der Nähe des Südstadions lebt.

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