Köln.Sport

KS in Gefahr: Sensei oder Seppel?

Wenn Bruce Lee und Jackie Chan in ihren Filmen die Fäuste schwingen, bleibt nicht nur ihren Gegnern die Luft weg. Doch wie funktioniert Karate wirklich, wenn keine Filmkameras dabei sind? Ein Köln.Sport Redakteur hat den Selbstversuch gemacht.
Karate

Beim Aufwärmen mit langjährigen Karateka fühlt sich unser Redakteur leicht Fehl am Platz. (Foto: Ben Horn)

An dieser Stelle muss zunächst ein Nachruf verfasst werden. Peter Stroß, der es als todesmutiger Redakteur in der Vergangenheit mit den Footballern der Cologne Crocodiles, BMX-Star Markus Reuss, den kampfeslustigen Schülern einer Wrestling-Akademie und sogar dem Ninja-Warrior-Parcours aufnahm, wird sich in Zukunft nicht mehr in halsbrecherische Abenteuer stürzen. Eigentlich hatte für die aktuelle Folge „Köln.Sport in Gefahr“ ein extrem gefährlicher Ausflug zum Wasserballett auf dem Programm gestanden. Im Anschluss daran hätte Peter Stroß, so unsere Vorstellung, knieschlotternd in die Redaktionsräume zurückkehren sollen. Leider hat es ihm jedoch so gut gefallen, dass er dort nun seine Passion gefunden hat und als kleine Meerjungfrau die ganze Welt bereist. Also beginnen wir diese Folge so, wie sich auch Kollege Stroß damals, beim allerersten Mal, in den Schlamassel begeben hat. Und nun muss ich wohl in den sauren Apfel beißen!

Die Alternative zur Wasserakrobatik heißt in diesem Falle Karate – und statt nasser Badehose heißt es: nasse Handflächen. Denn meine Karate-Kenntnisse beschränken sich auf die wenigen Jackie-Chan- und Bruce-Lee-Actionfilme, die ich in meinem Leben bislang aufmerksam verfolgt habe – und selbst dabei weiß ich nicht einmal genau, ob das auf dem Bildschirm Gezeigte tatsächlich Karate und keine andere spektakuläre Kampfkunst war. Und auch wenn ich schon weiß, dass Karate nicht ansatzweise etwas mit bloßer Prügelei zu tun hat, kann mich auch eine intensive Video-Recherche auf einer hochprofessionellen Internetplattform (YouTube) nicht wirklich beruhigen.

„Karate beginnt mit Respekt“

Trotzdem heißt es: Augen zu und durch! Auf der Suche nach einem passenden Dojo (Trainingsraum) für meine ersten Schritte auf dem Weg zum Sensei (Meister) stoße ich auf den 1. Kölner Karateclub „Bushido“ e.V. in Kalk. Laut Homepage gehört er zu den ältesten Karate-Dojos in ganz Deutschland und Europa und zählt seit seiner Gründung 1961 zu den Pionieren und Wegbereitern der Sportart in Deutschland. Klingt doch nach einem angemessenen Rahmen für den Sprung ins Abenteuer.

Also geht es mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Haltestelle „Kalk Kapelle“, von dort aus ist es noch ein etwa zehnminütiger Weg zur Halle, die in einem Schulgebäude liegt. Kein modernes Trainingsstudio mit künstlich-asiatischer Stimmung und Ying-Yang-Wandmalereien, sondern eine gute, alte Turnhalle ist Austragungsort der kostenfreien Probetrainings, die wöchentlich dienstags und donnerstags um 19.30 Uhr in der Kapitelstraße stattfinden. Mitzubringen ist lediglich bequeme Sportbekleidung – ohne Schuhe, darauf wird auf der Internetseite ganz explizit hingewiesen. Auf dem Weg zur Halle wird es immer lauter, was daran liegt, dass vor dem Probetraining noch der Kurs für Kinder im Alter von, so schätze ich, zehn bis zwölf stattfindet. Diese gucken mich aus ihren weißen Karate-Anzügen heraus nur verdutzt an, als ich meine dummerweise komplett schwarzen Sportklamotten auspacke. Wahrscheinlich könnten mich sogar die Kleinen schon auf die Matte schicken, denke ich. Meinem Selbstvertrauen für den anstehenden Kurs ist das nicht unbedingt förderlich.

Nützt jedoch alles nichts, ich betrete barfuß die Halle. Die Karateka des Erwachsenen-Kurses, der zeitgleich mit meinem Probetraining stattfindet, wärmen sich bereits auf. Die Trainer tragen selbstverständlich den schwarzen Gurt, der, das weiß sogar ich, den höchsten Rang im Karate bedeutet. Doch auch Gelb-, Grün-, Blau- und Orangegurte bewegen sich schon schlagend und tretend durch die Halle, dass mir schwindelig wird. Auch ein anschließender, kurzer Plausch mit einem Gelbgurt, der mir erklärt, dass es auf die Farbe überhaupt nicht so ankomme, kann mich nicht wirklich beruhigen. Dann beginnt das anderthalbstündige Probetraining.

Zunächst nehmen alle Schüler an der Seite auf den Knien Platz, links der ranghöchste und dann nach rechts absteigend die anderen Gurtfarben – ich sitze natürlich ganz rechts. „Mok Su“ ruft der oberste Schüler, was so viel heißt wie „Konzentriert euch“. Die Karateka schließen die Augen, ich mache natürlich mit, der Ausruf „Mok Su Ya Me“ beendet diese Konzentrationsphase, die Augen gehen wieder auf. Anschließend heißt es: „Sensei Miree“ – Alle Augen auf den Sensei, den Meister in der Hallenmitte.

Oder besser gesagt: die Meister. Die heißen in diesem Falle Tahir Servan und Manfred Uckermann, sind Karatelehrer und tragen natürlich den schwarzen Gurt. Bei beiden ist er bereits etwas abgenutzt, was mich darauf schließen lässt, dass sie ihn nicht erst gestern besitzen. Manfred, der meinen Anfängerkurs leitet, ist 68 Jahre alt und macht mit Unterbrechung seit 1972 Karate. Er bringt mir sofort die oberste Regel bei: „Karate beginnt mit Respekt und hört auch mit Respekt auf.“ So verbeugen sich die Schüler vor den Senseis, bevor es zur allgemeinen Aufwärmphase durch die Halle geht. Seitwärtsschritte, Arme kreisen lassen, dehnen. So weit, so gut.

Es muss Schnappen!

Etwa 15 weiße Anzüge laufen an diesem Dienstagabend durch die Halle – und ein Redakteur in schwarzen Sportklamotten. Nach dem Aufwärmen teilt sich die Gruppe in zwei Lager, und während ich aus dem Augenwinkel bei der erfahrenen Trainingsgruppe Kicks wie aus einem Actionfilm beobachte, fängt meine Trainingsgruppe zum Glück erst mal quasi bei null an. Drei weitere „Anfänger“ bestreiten gemeinsam mit mir den Kurs. Sie sind jedoch allesamt schon weiter als ich, schließlich bin ich  ein absoluter Novize in Sachen Kampfsport.

Manfred bringt uns sehr geduldig die Übungen näher. „Die erste ist der sogenannte Mae-Geri, der gerade Fußstoß nach vorne“, erklärt er. Wichtig dabei ist, dass der Partner mit dem Fußballen getroffen wird – und das Bein in einer Art Schnapp-Bewegung nach vorne schnellt. Wir üben an einer an die Wand gestellten Matte. Um eine gewisse Höhe zu erzielen, werden zwei übereinandergestapelte- Bänke davor gestellt. Nach dem für mich schon einigermaßen anstrengenden Aufwärmen schnappt jedoch nicht mein Bein, sondern schnappe vielmehr ich – nach Luft.

Manfred korrigiert immer wieder die Haltung, es ist eine echte Herausforderung für meinen, wie ich merke, fast schon mangelhaften Gleichgewichtssinn. Doch die Lernkurve verläuft gut, hin und wieder lande ich sogar einen Treffer auf die Matte, ohne dass Manfred etwas anmerken muss. Bereit also für den Mawaschi-Geri, der im Gegensatz zur vorherigen Übung aus der Drehung absolviert wird und der auch, zumindest bei den anderen Kursteilnehmern, schon ziemlich spektakulär aussieht. Mir stockt ein wenig der Atem, als Manfred uns dazu auffordert, uns einen Partner zu suchen und die Tritte an diesem zu üben. Da man mir aber meine Unerfahrenheit nicht nur an meiner schlecht gewählten Kleidung, sondern auch so ansieht, nimmt mein Gegenüber, der bereits den gelben Gurt trägt, glücklicherweise Rücksicht und schickt mich nicht sofort auf den Rücken.

Oi-Zuki und Age-Uke

Genug gekickt, die nächste Übung ist der Oi-Zuki – der gleichseitige Fauststoß. Dabei werden die Arme in Position gebracht, so wie ich es von Bruce Lee kenne, wenn er sich in seinen Filmen, zum Kampf in Position bringt. Faust-, Arm- und Körperhaltung sind extrem wichtig, es wird immer darauf geachtet, dass jede Übung sauber ausgeführt wird. „Man muss die Techniken etliche Male üben und verinnerlichen, damit man sie sich nicht falsch einprägt“, sagt Manfred, der anschließend zur letzten Übung des Tages übergeht: Age-Uke, zu Deutsch: Abwehrtechnik.

Mir wird gezeigt, wie ich einem geraden Faustschlag ausweichen kann. Ich lenke den angreifenden Arm mit meinem Unterarm über meinen Kopf hinweg, führe einen Handballenschlag in die Schultergegend meines Gegenübers aus, um ihn anschließend zu packen und über das angehobene Knie zu Boden zu bringen. Natürlich hat mein Trainingspartner nicht voll zugeschlagen. Als ich ihn aber auf den Hallenboden schicke, geht schon ein kleiner Adrenalinstoß durch meinen Körper. Als die Übung dann anschließend andersherum wiederholt wird und ich unten liege, ebenfalls – wenn auch nicht so positiv wie beim ersten Mal.

Zum Sensei geworden bin ich – wenig überraschend – nicht, dennoch habe ich gelernt, worauf es beim Karate ankommt. Nicht auf bloße Kraft oder Aggression, sondern vor allem auf Technik, Ausdauer, Koordination – und Respekt: vor den Lehrern und den anderen Schülern. Zudem hat es großen Spaß gemacht. Und Manfred Uckermann verrät, dass er fast jeden Teilnehmer des Fortgeschrittenen-Kurses selbst im Anfängerkurs betreut und ihm die Grundlagen beigebracht hat. Demnach ist er vielleicht noch nicht endgültig verbaut – mein Weg vom Seppel zum Sensei.

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