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Köln.Sport in Gefahr: Ready to rumble?

Beim Wrestling ist ja eh alles nur Show! Wer das denkt, sollte mal bei einem Probetraining in einer Wrestling-Schule vorbeischauen. Köln.Sport hat den Selbstversuch gewagt.
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Köln.Sport-Redakteur Peter Stross (waagerecht in der Luft) in freudiger Erwartung eines Bodyslams. (Foto: Andreas Kerschgens)

Es riecht nach Schweiß und harter Arbeit in der kleinen Trainingshalle der wXw Wrestling Academy. Ein Tisch samt ein paar Stühlen, diverse Fitnessgeräte, Hanteln, jede Menge riesige Poster, die imposante Wrestler und Tourdaten zieren, und natürlich der große Ring in der Mitte – so in etwa hatte ich mir eine Wrestlingschule auch vorgestellt. Bei meiner Ankunft tummeln sich bereits knapp zehn Wrestlerinnen und Wrestler im hinteren Bereich der Halle, unter ihnen auch Julian Krücke. Der Coach der Gruppe begrüßt mich freundlich. „Na, dann zieh dich mal um“, sagt er mit einem Grinsen.

Fünf Minuten später stehe ich voller Tatendrang wieder vor ihm. Bevor es richtig losgeht, stehen erst einmal Aufwärmübungen auf dem Programm. „Die Nackenmuskulatur ist für Wrestler das A und O“, sagt Trainer Julian. Er weiß, wovon er spricht. Als „Julian Pace“ steigt der Aachener, der 2015 mit dem Sport begann, mittlerweile auf der wXw Shotgun Tour regelmäßig vor mehreren Hundert Fans in den Ring. Zuschauer sind heute keine da. Das ist auch besser so, schließlich trainiert hier die Anfängergruppe der Essener Wrestling-Academy. Den Weg in den Ruhrpott müssen wir antreten, da es in Köln und Umgebung keinen Wrestlingverein gibt.

Die Stunde Fahrzeit lässt sich aber gut nutzen, um noch einmal meine potenziellen Wrestling-Alter-Egos durchzuspielen. „The Cologne Hammer“ oder „The rude Dude“ klingen zwar furchteinflößend. Letztendlich entscheide ich mich dann aber doch dazu, mich mit meinem normalen Namen vorzustellen. Zum Glück habe ich auch auf ein stereotypes Kostüm (Pharao war zuletzt mein Favorit gewesen) verzichtet, denn logischerweise ist hier beim Training keiner so gekleidet, wie man es von amerikanischen Veranstaltungen aus dem Fernsehen kennt. Blamage abgewendet!

Das Aufwärmen hat es in sich. Ein paar Bahnen laufen, ein bisschen dehnen – so wie ich das vom Fussball kenne, läuft es hier nicht ab. Eine ganze Stunde dauert die Prozedur. Zunächst heißt es „sidesteppen“. Acht Minuten ohne Pause, die Hände müssen dabei am Hinterkopf angelegt sein. Schnell wird mir klar, dass die Schulter- und Nackenpartie bei mir längst nicht so austrainiert ist, wie sie vermutlich sein sollte. Anschließend kündigt Julian ein „lustiges Kartenspiel“ an.

„Hast du geduscht?“

Amüsant ist das allerdings nur für den „Drill Sergeant“ selbst. Er ordnet zu den verschiedenen Kartensymbolen entsprechende Übungen an und deckt gut gelaunt eine Karte nach der anderen auf. Eine gute halbe Stunde später haben wir alle je 95 Crunches, Jumping Jacks und Hindu-Push-ups sowie 190 Squats in den Knochen. Von den Sonderchallenges der beiden Joker gar nicht zu sprechen. Obwohl ich noch keinen Fuß in den Ring gesetzt habe, könnte das Training für meinen Geschmack an dieser Stelle schon vorbei sein. Julian hingegen ist zum Scherzen aufgelegt: „Hast du geduscht?“, fragt er einen meiner Leidgenossen in Anspielung auf sein schweißdurchtränktes T-Shirt.

Nach einer kurzen Trinkpause schnuppern wir das erste Mal Ringluft. Bevor es hier zur Sache geht, stehen einmal Trockenübungen an. Wir beginnen mit Fallübungen, nach hinten, auf den Bauch bzw. das Gesicht, seitlich per Judorolle, aus dem Sprung – die Kunst des richtigen Fallens ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, die Anfängern vermittelt werden. Nur so können die Athleten harte Aktionen ihrer Gegner kompensieren, ohne sich zu verletzen.

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Sieht gefährlicher aus, als es ist: Beim Wrestling halten sich die Schmerzen in Grenzen. (Foto: Andreas Kerschgens)

Bodyslam, Clotheline und European Uppercut

Stolze 45 Minuten verbringen meine Mitstreiter und ich damit, an unserer Falltechnik zu feilen. Ein Aspekt, der dabei auch wichtig ist: Je lauter der Knall beim Aufprall, desto spektakulärer. Generell gilt es, alle Angriffe eines Gegners möglichst realistisch, effektiv und hart aussehen zu lassen. „Selling“ nennt sich das im Fachjargon und gehört zum Wrestling wie der Torjubel zum Fußball.

Kommt man beispielsweise beim Aufprall recht gerade auf und schlägt zudem mit den offenen Handflächen auf den Ringboden, klingt das, als könnte der Gepeinigte danach nicht mehr aufstehen. In Wahrheit ist allerdings nicht die Härte der Kollision, sondern die Beschaffenheit des aus Holzplatten, Schaumbelag und Stoffbedeckung bestehenden Bodens ausschlaggebend für den mächtigen Lärm, der entsteht.

Nachdem das richtige Fallen (mehr oder weniger) gut funktioniert, steht endlich Fight-Action auf der Agenda. Nach ein paar Übungen zum Reinkommen fragt mich Julian Pace, welche Wrestling-Moves ich denn so kenne.

Zwar hat mein Wissen über Wrestling seit Ende der 1990er Jahre, als Shawn Michaels und Bret „The Hitman“ Hart die WWF aufmischten, kein Update mehr erfahren, die Kampftechniken allerdings haben sich seitdem kaum verändert. Und so blamiere ich mich mit meiner Antwort „Clotheline“ zwar nicht, ernte allerdings einige böse Blicke von den restlichen Trainingsteilnehmern. Sie wissen längst, was ich mir hätte denken können. Immerhin haben sie das Vergnügen, mir als Erstes dabei zusehen zu können, wie ich vom Coach in die Seile geschickt und anschließend von seinem rechten Arm niedergestreckt werde. Richtig ausgeführt, übersteht man die spektakulär aussehende Aktion tatsächlich vollkommen schmerzfrei. Das gilt auch für den Bodyslam, bei dem mich der Wrestling-Trainer im Anschluss in die Luft hebt und dann mit dem Rücken voran auf den Ringboden schleudert.

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Coach Julian verpasst dem Probanden eine saftige „Clothesline“ (Foto: Andreas Kerschgens)

Deutlich mehr Schmerzen verursacht hingegen der sogenannte „Chop“, ein Schlag mit der flachen Hand auf die Brust des Gegners. „Selling“ ist hierbei nicht nötig, der rote Abdruck indiziert: Die Pein ist real. Während Bon Jovis „It’s my life“ aus den Boxen des kleinen Trainingsraums dröhnt, geht es weiter mit einem Klassiker, dem „European Uppercut“. Aus Beobachtersicht rammt der Wrestler seinem Gegenüber hierbei den Ellbogen mit voller Wucht ans Kinn. Da das allerdings einen Knock-out zur Folge haben könnte, tricksen die Athleten hierbei selbstverständlich auch. Die Kunst besteht darin, den Kontrahenten mit möglichst viel Armfläche knapp unterhalb des Kinns an der Brust zu treffen. Wird die Aktion mit Tempo durchgeführt, sieht das extrem spektakulär aus.

Mittlerweile dauert das Training bereits zweieinhalb Stunden. Wie lange hier normalerweise trainiert werde, frage ich eine Mitstreiterinnen. „Drei Stunden sind Standard“, klärt sie mich auf. Das liegt wohl auch daran, dass viele Schüler der wXw Wrestling Academy eine weite Reise in Kauf nehmen, um ihrem Hobby nachzugehen und sich diese dann auch lohnen soll.

Gelohnt hat sich das Training aus meiner Sicht auch nach zweieinhalb Stunden schon, doch an Aufgeben ist natürlich nicht zu denken – obwohl sich meine Kräfte langsam, aber sicher dem Ende zu neigen. Zum Schluss nutze ich dann noch die Gelegenheit, einen Wunsch loszuwerden.

Rauf auf den Turnbuckle

Zu den waghalsigsten Aktionen im Wrestling gehören spektakuläre Moves vom dritten Seil oder dem Turnbuckle, der oberen Ringecke. „Crossed Hand of God“, „Flux Capacitator“ oder „Moonsault Elbow“ – die Namen der Tricks sind ebenso kreativ wie die Flugactions selber. Wie meine Ausführung heißt, weiß ich nicht genau, aber einen ähnlich coolen Namen hat sie wohl nicht verdient. Immerhin springe ich aus knapp zwei Metern Höhe ab, vollführe in der Luft eine 270 Grad-Drehung und lande wie aufgetragen mit dem Rücken (auf einer Matte) in der Mitte des Rings. Das hat Spaß gemacht!

Coach Julian kann das natürlich nicht so stehen lassen und muss noch einen draufsetzen. Er weist mir einen Platz auf dem Ringboden zu und begibt sich in Position. Mir schwant nichts Gutes, auch meine Trainingspartner aus dem Anfängerkurs schauen gebannt zu – solche Aktionen stehen bei ihnen eigentlich noch nicht auf dem Plan. Doch bevor ich Zeit habe, es mir anders zu überlegen, steht Julian schon mit ausgestrecktem Ellenbogen schräg in der Luft und stößt einen Schlachtruf aus. Momente später schlägt er ein. Damit ist auch die letzte Feuertaufe bestanden. Julian hilft mir hoch, bis auf ein paar Kratzer habe ich das Training tatsächlich völlig schadlos überstanden. Ich glaube, das gilt auch für meine Mitstreiter, die ich mit meinen semiprofessionell ausgeführten Wrestling-Schlägen und Moves nicht verletzt habe.

Julian ist jedenfalls zufrieden mit meiner Performance. Für die wXw Shotgun Tour wäre ich zwar noch kein Kandidat, aber das war auch nicht wirklich mein Ziel. Nach drei Stunden vollem Einsatz bin ich erst einmal froh, heil aus dem Ring zu steigen. Spaß gemacht hat der Ausflug zum Wrestling allemal. Ambitionen, der nächste Hulk Hogan zu werden, habe ich zugegebenermaßen allerdings nicht. Diese Rolle überlasse ich lieber Trainer Julian Pace, der mit seinen Kollegen noch das ganze Jahr auf Tour ist. Unter anderem bei drei Terminen in Köln (27.10., 24.11., 16.12. im Club Bahnhof Ehrenfeld). Dann werde ich auf jeden Fall vorbeischauen, um mir aus sicherer Entfernung einmal anzuschauen, wie der Coach auch mal selbst einen auf die Mütze bekommt.

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Die Wrestling-Stars von morgen? Die Anfänger der wXw Wrestling-Academy wollen noch hoch hinaus. (Foto: Andreas Kerschgens)

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