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Immer Mittendrin

Marie-Luise Siems wird von allen nur „Et Marlies“ genannt und ist die gute Seele des 1. FC Köln. Als 1. Vorsitzende des Vereins „mittendrin-fc-koeln“ kümmert sie sich nicht nur an Spieltagen um FC-Fans mit Behinderung
Siems

Bei den Heimspielen des 1. FC Köln kümmert sich Marlies Siems leidenschaftlich um FC-Fans mit Behinderung. (Foto: Ben Horn)

Wenn die Profis des 1. FC Köln sich am Morgen vor einem Spiel am Geißbockheim zum Anschwitzen treffen, sich manche FC-Fans schon in den Kneipen auf der Aachener Straße tummeln oder andere Stadiongänger gar noch im Bett liegen, hat Marie-Luise Siems bereits alle Hände voll zu tun. „Ich bin bei jedem Spiel rund zweieinhalb Stunden vor Anpfiff im Stadion und bereite alles vor“, sagt die 75-Jährige, die allerorts nur „Et Marlies“ genannt wird. Schließlich gibt es einiges zu tun: Die Eintrittskarten müssen an ihrem vorgesehenen Platz liegen, bei schlechtem Wetter die Schirme ausgehändigt, bei gutem Wetter Getränke verteilt werden. „Und ich begrüße natürlich jeden einzelnen persönlich“, lächelt sie.

„Et Marlies“ ist seit 23 Jahren beim 1. FC Köln angestellt und kümmert sich als Fanbeauftragte um FC-Fans mit Handicap, die das Spiel ihrer Geißböcke im Stadion verfolgen möchten. Ob sie im Rollstuhl sitzen, nicht sehen oder nicht hören können – Siems und der 1. FC Köln finden Mittel und Wege, um ein vollständiges Stadionerlebnis möglich zu machen. „Diese Tätigkeit ist für mich mit viel Freude verbunden“, sagt sie, „ich schaue in leuchtende und strahlende Augen, wenn die Menschen dann zu den Spielen kommen.“ Für sie ist ihr Beruf eine echte Herzensangelegenheit, und das merkt man Marlies Siems mit jedem Wort an, das sie spricht.

Vor allem kennt Siems sehr genau die Situationen, die Menschen für immer an den Rollstuhl oder gar das Krankenbett fesseln. Ihr eigener Ex-Mann beispielsweise erlitt vor rund acht Jahren einen Schlaganfall, seitdem pflegt sie ihn hingebungsvoll. „In diese Materie muss man jedoch zunächst auch einmal reinwachsen, am Anfang war das extrem schwer“, sagt die Fanbeauftragte. „Aber ich hatte von Beginn an nie Berührungsängste und wusste irgendwie einfach, wie ich mit den Menschen umzugehen habe. Wenn du so etwas machst, musst du dich voll damit identifizieren.“

Zu nervös zum Sitzen

Das tut Siems ohne Zweifel, und ihre Identifikation für die Sache hört nicht beim Stadionbesuch auf. Vor einigen Jahren hat sie gemeinsam mit Gleichgesinnten den Verein „mittendrin-fc-­koeln“ gegründet, dem sie selbst vorsitzt, FC-Legende Wolfgang „Bulle“ Weber ist dort Ehrenpräsident. 174 Mitglieder – mit Behinderung und ohne – sind in diesem Verein angemeldet. „Die Idee entstand, um alle unsere Rollstuhlfahrer, Gehörlosen und Sehbehinderten wie eine große FC-Familie zu verbinden, gemeinsam etwas zu unternehmen und so eine echte Gemeinschaft zu schaffen.“ Unter anderem stehen Wandertage, Ausflüge ins Deutsche Sport- und Olympiamuseum oder sogar ein großes Sommerfest auf dem Programm, bei dem es sich auch FC-Präsident Werner ­Spinner nicht nehmen ließ, bei bestem Wetter vorbeizuschauen. Ebenso gehören Behördengänge, Krankenhausbesuche und sogar die Teilnahme an Beerdigungen für Marlies Siems zum Alltag. „Mit vielen unserer Mitglieder baut man natürlich auch über die Jahre eine persönliche Beziehung auf“, sagt sie.

Ein großer Teil der 174 Mitglieder des Fördervereins besitzt eine Dauerkarte im Unterrang der Osttribüne, dort gibt es barrierefreie Plätze für Rollstuhlfahrer und Sitze, auf denen Sehbehinderte einem Kommentator lauschen können. Die Tickets hat Siems am Eingang hinterlegt, verteilt sie bei der Begrüßung. „Und während des Spiels bin ich eigentlich die ganze Zeit unterwegs: Wenn es Notfälle gibt oder Fragen auftauchen bewege ich mich praktisch 90 Minuten lang im Umlauf und frage einzeln bei den Fans nach, ob bei ihnen alles in Ordnung ist“, erklärt sie.

Damit, dass sie die ganze Zeit auf den Beinen ist, hat sie kein Problem: „Fußball kann ich sowieso nicht im Sitzen gucken, dafür bin ich viel zu nervös!“ Denn „Et Marlies“ ist selbst eingefleischter FC-Fan. „Ich komme aus einer sehr sportbegeisterten Familie und habe selbst früher Handball gespielt“, erzählt sie. „Mein älterer Bruder hat einen Fußballverein im Westerwald geleitet, mein jüngerer Bruder war Westdeutscher Juniorenmeister im Stabhochsprung – und mein Sohn ist praktisch seit Geburt glühender FC-Fan.“ Ihm ist es im Grunde auch zu verdanken, dass seine Mutter überhaupt in ihrer jetzigen Position ist.

Denn vor 23 Jahren entdeckte der Filius im „Geißbockecho“ eine Stellenanzeige, der 1. FC Köln suchte eine Mitarbeiterin für die Geschäftsstelle. Der Sohnemann war Feuer und Flamme und drängte seiner Mutter, sich zu bewerben, doch die war skeptisch. „Ich war 52 Jahre alt und habe gedacht, die wollen mit Sicherheit jemand, der jünger ist. Trotzdem habe ich ein Anschreiben verfasst.“ Das habe ihr Sohn dann am Geißbockheim in den Briefkasten geschmissen – „und einige Zeit später bekam ich dann tatsächlich die Zusage für den Job“, sagt sie.

Heute ist „Et Marlies“ beim 1. FC Köln nicht mehr wegzudenken. Sie ist ein Stück weit die gute Seele des Vereins – oder wie sie es nennt, die „Mutter der Kompanie“. Denn für die FC-Fans ist sie weit mehr als bloß eine engagierte ehrenamtliche Mitarbeiterin. „Ich bekomme immer wieder Briefe, da heißt es: Wir wissen gar nicht mehr, was wir tun sollen, wenn du mal nicht mehr da bist“, sagt Marie-Luise Siems. „Ich bin jetzt 75 Jahre alt geworden und sage immer: Bis 80 mache ich noch.“ Sie ahnt jedoch, dass selbst dann das Aufhören schwierig sein könnte. Dann schmunzelt sie: „Ich denke, ich halte auch noch bis 90 durch.“

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