Köln.Sport

Herzrasen

Das Thema Kunstrasen bewegt die Kölner Fußballvereine aktuell mehr denn je – vor allem emotional. Während die Stadt in diesem Bereich schon vielen Vereinen hilft, warten andere länger als ursprünglich geplant auf die Umsetzung. Für einige Klubs steht sogar die Existenz auf dem Spiel. Der große Köln.Sport-Report direkt von der Basis.
Kunstrasen

Bei starkem Regen sind viele Aschenplätze unbespielbar – das weiß auch Werner Juncker vom TuS Stammheim (Foto: Mick Oberbusch)

Einzig ein Laubbläser ist zu hören von der Anlage des SV Auweiler-Esch in der Martinusstraße. Es ist ein grauer Montagmorgen, um 10 Uhr ist auf dem Fußballplatz noch nicht viel los. Nur Marco Hartel, Vorstand des Vereins, ist schon da und macht sich an die Arbeit. „Wenn man den Platz nicht regelmäßig pflegt, ist er in dieser Jahreszeit unbespielbar“, sagt er und wirft den Laubbläser wieder an.

Die Anlage des Vereins verfügt über ein Groß- und ein Kleinfeld – und Letzterem gilt aktuell Hartels uneingeschränkte Aufmerksamkeit. „Dieser Court hier hat uns im wahrsten Sinne des Wortes den Hintern gerettet“, sagt er und deutet auf das Großfeld hinter ihm, „weil keiner mehr Lust hat, auf diesem Aschenplatz zu spielen.“

Das Kleinfeld ist nämlich im Gegensatz zum großen Platz nicht mit Asche, sondern mit Kunstrasen bedeckt. Gebaut hat der Verein ihn selbst, hat dafür eine ausländische Baufirma engagiert und die Kosten komplett getragen. Das war jedoch nur Plan B. Eigentlich hätte auf dem Großfeld der Untergrund grasgrün statt aschenrot leuchten sollen. Bis heute hat sich dort aber nichts getan.

„Eigentlich sollte hier schon dieses Jahr mit dem Umbau begonnen werden, jetzt hat man uns den Baubeginn für nächstes Jahr im Frühjahr versprochen. Aber konkrete Informationen, wann es hier wirklich losgeht, gibt man uns nicht – dadurch fühlen wir uns schon ein Stück weit im Regen stehen gelassen“, sagt Hartel.

Seit nunmehr fast drei Jahren wartet der Klub aus dem Kölner Norden auf den Baubeginn. Immer wieder verzögert sich der Prozess, über die Hintergründe und das Warum bleibt der Verein im Unklaren. Und das ist beileibe kein Einzelfall.

„Existenz steht auf dem Spiel“

Dienstagmittag, 11 Uhr. Vor der Anlage des TuS Stammheim sitzt Werner Juncker, 1. Vorsitzender des Vereins, in seinem Auto. Es regnet unermüdlich auf den Aschenplatz nieder, an einer Eckfahne hat sich bereits eine riesige Pfütze gebildet. „Das Entwässerungssystem funktioniert nicht mehr richtig, und wenn hier dann so ein kleiner Teich entsteht, müssen wir halt auf die andere Seite wechseln,“ sagt Juncker.

Solche Probleme gibt es im etwa einen Kilometer entfernten Flittard nicht, dort hat man schon seit Langem einen Kunstrasenplatz. So kam eine regelrechte Abwanderungswelle ins Rollen. „Gerade in der Regenzeit“, so Juncker, „haben die Eltern keine Lust, sich mit den von Asche verdreckten Trikots die Waschmaschine zu versauen.“

Das einzige Argument, junge und ältere Kicker künftig in Stammheim zu halten, sei der Kunstrasenplatz, in den der mittlerweile fast überschwemmte Aschenplatz umgewandelt werden soll. „Immer mehr Spieler verlassen den Verein wegen der immer schlechter werdenden Platzsituation. Unser Platz sollte Ende 2017 fertiggestellt sein, seitdem haben wir immer wieder versucht nachzufragen. Ich kann verstehen, dass in der Bauaufsicht eine Menge los ist, auch, dass die Stadt sich nicht auf einen festen Termin festlegen will. Aber das nützt uns als Verein aktuell nichts, wir werden immer nur vertröstet. Die Mitglieder wollen ein klares Vorhaben dargelegt bekommen, das auch eingehalten wird. Und wenn die Stadt jetzt sagen würde, es gehe erst in einem oder zwei Jahren los, wäre das eine Katastrophe – dann muss man schauen, ob der TuS Stammheim bis dahin überhaupt noch existiert.“

4,5 Millionen pro Jahr

Der Hintergrund: Sowohl der SV Auweiler-Esch als auch der TuS Stammheim stehen auf der Prioritätenliste zur Modernisierung und Sanierung Kölner Sportfreianlagen, die der Sportausschuss auf Vorschlag des Sportamtes im Juni 2013 erstmalig verabschiedet hat. Demzufolge sollen jedes Jahr Planungsbeschlüsse für den Bau von drei Kunstrasenfeldern gefasst werden. Insgesamt 4,5 Millionen Euro sind dafür im Haushalt jährlich vorgesehen. Vereine, die ihre Anlage mit Aschenplatz also für dringend sanierungsbedürftig halten, melden sich bei der Stadt, stellen einen Antrag und landen auf der sogenannten Prioritätenliste.

Für die einzelnen sanierungsbedürftigen Fußballplätze hat das Sportamt eine Bewertungsmatrix erstellt, nach der unter anderem entschieden wird, auf welche Position in dieser Liste die Plätze jeweils gesetzt werden. Diese Kriterien umfassen unter anderem den aktuellen baulichen Zustand der alten Anlage, die Anzahl der darauf spielenden Mannschaften, eine mögliche Mehrfachnutzung durch Vereine und Schulen sowie bereits vorhandene Kunstrasenplätze in der Umgebung.

Natürlich müssen anschließend noch Untersuchungen vorgenommen und Genehmigungen eingeholt werden, bevor tatsächlich der Bagger rollt. Bis zur Fertigstellung ist insgesamt mit drei bis dreieinhalb Jahren zu rechnen – wenn die Stadt als Bauherrin auftritt, das heißt, wenn sie die gesamte Maßnahme bezahlt. Kann der Verein selbst einen Eigenanteil von 12,5 Prozent des Gesamtvolumens aufbringen, geht es rund ein Jahr schneller, da die Verwaltung weniger bürokratischen Aufwand bewältigen muss und die Baufirma direkt vom Verein beauftragt werden kann.

39 Plätze bereits umgebaut

„Wir haben bereits 39 Plätze im Stadtgebiet umgebaut. Weitere 15 sind aktuell in der Planung oder im Bau. Weitere acht von der Prioritätenliste bis 2020 sind schon beschlossen“, zählt Gregor Timmer, Leiter des Sportamtes, auf. Doch auch er weiß, dass es immer wieder zu Verzögerungen kommen kann, die meist ganz unterschiedliche Gründe haben.

An dem einen Standort machen die Lärmschutzbestimmungen einen Strich durch die Rechnung, an einem anderen verzögert sich der Bau aufgrund von Naturschutzauflagen. Und vor allem städtebauliche Maßnahmen können den geplanten Zeitraum von drei bis dreieinhalb Jahren oft überschreiten, da es auch in der Verwaltung zu Komplikationen kommen kann.

„Wir versuchen, alle Vorgänge zu optimieren, müssen aber auch den Arbeitsanfall bei der Bauaufsicht berücksichtigen. Dort landen alle Bauaufträge der Stadt Köln, dementsprechend dauert es oft etwas länger“, sagt Timmer und fügt hinzu: „Für die Vereine, die es von außen sehen, trägt die Stadt die Schuld. Tatsächlich verzögern auch interne Abstimmungsprozesse hin und wieder den Ablauf, deswegen versuchen wir vor allem, die Kommunikation mit den Vereinen zu verbessern. In der Regel sind aber andere Probleme ausschlaggebend“, sagt er.

Es liege, so der Sportamtsleiter, zum Teil auch an den Vereinen, etwa wenn sie die für den Prozess relevanten Dokumente nicht rechtzeitig und ordnungsgemäß ausfüllten. Auch darauf lasse sich manche Verzögerung zurückführen. Viele Vereine aber sind von diesem Prozess frustriert. Sie sehen, dass angemeldete Plätze, die in der Prioritätenliste hinter ihnen stehen, vor dem eigenen fertig werden, und fragen sich folglich, wofür diese Liste dann überhaupt gut sein soll.

Durch Verzögerungen, etwa infolge von Lärm- oder Naturschutzauflagen, oder in Fällen, in denen ein Verein einen Eigenanteil beisteuert, kann sich die Reihenfolge der Vereine, die als Nächste dran sind, verändern. „Natürlich ist es schwierig, dieses System zu verstehen, und manchmal auch, es zu akzeptieren. Es gibt Faktoren, die das Verfahren extrem verzögern können“, räumt Timmer ein, versichert aber auch: „Wir wollen die Prioritätenliste weiterentwickeln und dadurch größtmögliche Gerechtigkeit herstellen.“

Und Holger Reul, seines Zeichens Landschaftsarchitekt des Sportamtes und somit für das Kunstrasen-Programm maßgeblich verantwortlich, pflichtet ihm bei: „Es gibt Sanierungen, die 2013 gestartet sind und immer noch laufen. Da gibt es Gründe für, aber es ist nicht immer leicht, das den Vereinen klarzumachen. Das ist ja auch verständlich, denn Vereine haben in manchen Fällen Existenzprobleme.“

„Sportamt kämpft für uns“

Ein Verein, der ebenfalls noch auf seinen neuen Kunstrasenplatz wartet, ist der SV Rot-Weiß Zollstock. Ebenso wie beim SV Auweiler-Esch und dem TuS Stammheim handelt es sich dort um eine städtebauliche Maßnahme, also ist mit einer Fertigstellungszeit von dreieinhalb Jahren nach Antragsstellung zu rechnen. Seit 2015 steht der Platz auf der Liste, im kommenden Frühjahr soll es losgehen. Ebenfalls eine leichte Verzögerung, die Schatzmeister Karl Ettelt jedoch erklären kann. „Bei uns wurde das Thema Lärmschutz sehr hoch gehängt. Wir spielen hier in Zollstock seit über 100 Jahren Fußball, und vor ein paar Jahren gab es plötzlich Beschwerden, die Pfiffe des Schiedsrichters seien zu laut“, erzählt er.

Er vermutet, Anwohner hätten sich daran gestört. „Da hat das Sportamt unglaublich für uns gekämpft, hat das Bürgeramt hier in Rodenkirchen eingeschaltet und dafür gesorgt, dass wir hier weiter spielen dürfen. Jetzt ist auch für den Umbau alles in trockenen Tüchern. Wenn wir Glück haben, sind wir Mitte des nächsten Jahres dran.“

Auch für die im Prozess entstehenden Verzögerungen hat er Verständnis. „Die Initiative ist für die Vereine sehr gut, und man braucht ja auch keinen Hehl daraus zu machen: Drei Plätze können im Jahr gebaut werden, aber wenn 40 Vereine auf der Liste stehen, kann sich ja jeder denken, wie lange das dauert“, sagt er. „Und vieles liegt dann einfach auch nicht mehr in der Hand des Sportamtes.“

Vorgänge optimieren

Was bleibt: Die Vereine warten aus den unterschiedlichsten Gründen länger auf ihren Platz, sei es durch Verzögerungen in der Verwaltung, weil sie die Papiere nicht rechtzeitig zusammenhaben oder weil Faktoren hinzukommen, die von keiner der beiden Seiten zu verantworten sind, beispielsweise in Sachen Lärm- und Naturschutz.

Was Vereine und Stadt eint: Für beide Seiten ist es ein sehr emotionales Thema. „Wir sind eine wachsende Großstadt“, fügt Timmer erklärend hinzu, „die Sportflächen, die wir haben, müssen deswegen optimal ausgenutzt werden. Das Kunstrasenprogramm ist sicherlich ein Ansatz, um dieses Problem in den Griff zu bekommen. Die Nutzung eines Kunstrasenplatzes im Vergleich zu Naturrasen oder Asche ist deutlich höher“, sagt Timmer.

Umso wichtiger ist es, die Prozesse und Vorgänge innerhalb des Programms zu optimieren und die Kommunikation mit den Betroffenen zu verbessern. Damit Vereine wie der SV Auweiler-Esch, der TuS Stammheim und Rot-Weiß Zollstock weiterexistieren können. Denn sie alle sind sich einig: Auf Asche spielen möchte heute niemand mehr.

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