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Golf-Work-Balance: Wettlauf mit der Zeit

Der Golfsport befindet sich im Wandel und kämpft um seine Spieler. Selten war der Konkurrenzkampf auf dem Freizeitmarkt so groß wie aktuell. Kann das eher ruhige Spiel in einer schnelllebigen Zeit wie der unseren überhaupt bestehen?
Golf-Work-Balance

Beim Golf können die Spieler den Alltagsstress hinter sich lassen (Foto;: imago/Eibner Europa)

Um 6:30 Uhr aufstehen, Zähne putzen, duschen, Kaffee machen und frühstücken. In der Zwischenzeit auf dem Smartphone schon die ersten Mails und Nachrichten checken oder vielleicht sogar schon die To-do-Liste für den Tag schreiben. So oder so ähnlich dürfte der Tagesbeginn heutzutage bei vielen Lesern aussehen. Denn unser Zeitalter wurde in den vergangenen Jahren immer schnelllebiger. Was kann man parallel machen? Wie kann man diese zehn Minuten noch möglichst sinnvoll nutzen? Alles muss möglichst schnell gehen, um das vorgegebene Tagespensum irgendwie bewältigen zu können. Dabei bürdet man sich gerne viel zu viel auf und steht vor einem Berg an Aufgaben, der in der gewünschten Zeit unmöglich zu schaffen ist. „Des echten Mannes wahre Feier ist die Tat“, sagte schließlich schon Johann Wolfgang von Goethe. Heute hört man oft sogar die „Hardcore-Version“ dieses Zitats: „Ausruhen kann ich mich, wenn ich tot bin.“

Diese Entwicklung könnte auf den ersten Blick kaum einen größeren Gegensatz im Golfsport als einem eher ruhigeren Sport haben. Schließlich muss man sich für Golf Zeit nehmen. Ein Golfspiel kann gut und gerne über fünf Stunden der Tagesplanung beanspruchen. Wie soll solch ein Sport in unsere heutige Gesellschaft hineinpassen? Es ist ein schwieriger Balance-Akt, den sowohl die Clubs meistern müssen, um gegen die große Konkurrenz auf dem Freizeitmarkt bestehen zu können, als auch die Spieler, um ihr zeitintensives Hobby mit Beruf und Familie vereinbaren zu können. Lässt sich eine sogenannte Golf-Work-Balance überhaupt herstellen?

Positive Entwicklung in Deutschland

Golf hat in den vergangenen Jahrzehnten bereits einen großen Wandel erlebt. Der elitäre Sport, der im 19. und frühen 20. Jahrhundert in erster Linie von wohlhabenden weißen Männern ausgeübt und gerne als „spießig“ bezeichnet wurde, öffnete sich mit der Zeit immer mehr der Allgemeinheit. Waren vor gut 100 Jahren Frauen auf dem Golfplatz noch eine absolute Ausnahmeerscheinung, wurden zur Mitte des letzten Jahrhunderts die ersten Profi-Touren für Damen gegründet.

Deutschland erarbeitete sich in diesem Bereich mittlerweile sogar eine echte Vorreiterposition. 37,2 Prozent aller gemeldeten Golfer hierzulande sind Frauen – Tendenz steigend (zum Vergleich: 2016 waren es 35 Prozent). Damit steht Deutschland an der Spitze in Europa. Selbst eine echte Golfnation wie die USA kann hier nicht mithalten. Die Amerikaner mussten in den vergangenen zehn Jahren nicht nur Einbußen bei der Gesamtzahl ihrer aktiven Golfer hinnehmen, ihr Frauenanteil liegt mittlerweile sogar unter 24 Prozent. England (13,9 Prozent) und Schottland (12,4 Prozent) stehen sogar noch deutlich schlechter da.

Mit der Zeit wurden auch Pärchen, die gemeinsam Golf spielen, zu einem immer öfter auftretenden Phänomen. Selbst Elternpaare mit Kindern sieht man nun regelmäßig auf den Plätzen und Übungsanlagen. Eine logische und notwendige Entwicklung, um nicht von den Sportangeboten der Konkurrenz abgehängt zu werden. Doch wie kann ein Sport, der so viel Zeit beansprucht, mit dem aufwendigen Alltag von Berufstätigen vereinbart werden?

Um 17 Uhr Feierabend machen, durch die Rushhour auf den Golfplatz fahren, sich umziehen, einschlagen und dann noch 18 Loch spielen? Damit dieser Plan überhaupt umsetzbar ist, muss wirklich alles perfekt funktionieren. Doch wer das schon einmal ausprobiert hat, dürfte kaum Erholung auf dieser Runde gespürt haben. Schließlich will niemand seinen anstrengenden Arbeitstag mit einer stressigen Runde Golf beenden, bei der man nicht nur gegen den Platz spielt, sondern selbst im Hochsommer einen Wettlauf gegen die untergehende Sonne absolviert.

„Alle Facetten in der Hälfte der Zeit“

Das ist nicht nur ein Problem für den leidenschaftlichen Golfer, sondern auch für die Clubs. Denn ein Hobby, das zeitlich kaum mit dem Arbeitsalltag vereinbar ist, ist per se erst mal unattraktiv für potenzielle Neumitglieder. Erst recht, wenn die Konkurrenz auf dem Freizeitmarkt dieses Problem umgehen kann. Fitnessketten, die rund um die Uhr geöffnet haben, sind keine Seltenheit mehr und können damit argumentieren, dass wirklich jeder Berufstätige die Zeit finden kann, dort zu trainieren. Fußball lässt sich mittlerweile in „Indoor Soccer“-Hallen mit Freunden bis in die späten Abendstunden spielen und erfreut sich großer Beliebtheit.

Auch das verkrustete Image des „Altherrensports“, das bei vielen Menschen selbst heutzutage noch verbreitet ist, war eher hinderlich, um neue Mitglieder zu gewinnen. Golf musste daher attraktiver für jüngere Spieler werden, die sich mitten im Berufsleben befinden. Diese Zeichen der Zeit wurden für den Golfsport erkannt. 9-Loch-Plätze sind seit einigen Jahren immer beliebter und durch Turnierserien wie den „Mercedes-Benz After Work Golf Cup“ salonfähig. Fast jeder Club im Rheinland bietet mittlerweile an Werktagen weitere 9-Loch-Turniere im „After Work“-Stil an. Kritiker bemängeln dabei gerne, dass dort die Herausforderung fehle und neun Löcher kein richtiger Golfplatz seien. Doch selbst in der Profiszene gibt es Widerspruch zu dieser Argumentation. Justin Rose, seines Zeichens Olympiasieger von 2016 und aktuelle Nummer drei der Weltrangliste sagt: „Es ist eine tolle Möglichkeit, alle Facetten des Golfsports in der Hälfte der Zeit zu erleben.“

Ein weiteres Konzept zur Zeitersparnis, welches sich auch besonders gut für Berufstätige eignet, kommt aus den Verbänden: Ready Golf. Auch auf den Plätzen im Rheinland wird davon immer häufiger Gebrauch gemacht. „Helfen Sie mit, Golf schneller und attraktiver zu machen. Verständigen Sie sich mit Ihrer Spielergruppe auf Ready Golf“, fordert der Deutsche Golf Verband (DGV) auf seiner Website. Klassische Regelungen der Golf-Etikette werden in diesem Fall ignoriert, um die Runde und das Spiel zu beschleunigen. „Spielen statt warten“ heißt das Motto.

Doch selbst, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind, den Golfsport auch nach dem Arbeitstag noch ausüben zu können, werden sich sicher viele fragen: „Warum soll gerade Golf der optimale Feierabendsport und das beste Hobby für mich sein?“

Ständiger Lernprozess

Die Gründe dafür sind zahlreich. Kaum eine andere Sportart lässt sich vor solch fantastischen   Landschaftspanoramen bestreiten, wie das Golfen. Besonders nach einem stressigen Tag im Büro kann eine Runde Golf in wunderschöner Natur schon beinahe meditative Wirkung haben. „Somit bietet der Golfsport einen super Ausgleich zum Büroalltag. Man muss wirklich abschalten und kann die Runde richtig genießen“, erklärte der Schweizer Golfexperte Daniel Gygli in einem Interview mit dem „GOLF MAGAZIN“.

Ein weiterer wichtiger Aspekt: Golf ist gesund. Es wird wohl niemand bestreiten, dass schon allein ein Spaziergang im Grünen gesundheitsfördernd ist. Doch Golf ist noch viel mehr. Gerade durch das oftmals hügelige Gelände kommt der Kreislauf gehörig auf Touren. Außerdem sind bei einem Golfschwung mehr als 100 Muskeln im Einsatz, die die Fettverbrennung ankurbeln.

Doch Golf hält nicht nur den Körper auf Trab. Vor allem bietet er einen ständigen Lernprozess. Denn eine besondere Lektion lehrt der Golfsport wie kein anderer: sein eigenes Scheitern zu akzeptieren. Fehler passieren immer und überall. Egal, ob im Beruf oder auf dem Golfplatz. Jede Runde ist ein neues Projekt, jedes Loch eine neue Aufgabe und jeder Schlag eine neue Herausforderung. Selbst mit größter Konzentration und optimaler Vorbereitung lassen sich Fehler nur reduzieren, aber nicht vollends vermeiden. Die Fähigkeit, diesen Umstand nicht nur zu verstehen, sondern auch zu verinnerlichen und zu lernen, damit umzugehen, ist schon fast ein Alleinstellungsmerkmal des Golfens.

Ein Umstand, den auch Schauspieler Morgan Freeman bereits erfahren durfte. „Du kannst dich immer weiter verbessern bis ans Ende deiner Tage – im Leben wie im Golfspiel. Du wirst niemals perfekt. Du kannst es immer wieder versuchen, aber es wird dir nie gelingen“, sagte der Hollywood-Star in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Insofern ist Golf für mich die perfekte Metapher fürs Leben.“

Tipps für die schnelle Runde zum Feierabend

Golfschläger im Kofferraum: Um immer für eine spontane Runde bereit zu sein, sollte die Golfbag zum festen Reisegepäck werden.

Golfende Arbeitskollegen: Sie liefern nicht nur Extra-Motivation, sondern vereinfachen auch die Terminabsprache fürs „Tee off“.

Probieren Sie den Kurzplatz: Wenn es zeitlich eng wird, kann ein Par-3-Platz die Lösung sein und in unter einer Stunde gespielt werden.

Spielen Sie Ready Golf: Gerade am Abend und gegen die anstehende Dunkelheit zählt schließlich jede Minute.

Planen Sie Ihre Route: Nichts ist frustrierender als ein überraschender Stau, der Sie die nötige Zeit kostet – kennen Sie alternative Wege.

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