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„Fortuna Köln muss dreckig bleiben“

Uwe Koschinat ist Trainer von Fortuna Köln

Ein emotionaler Vertreter der Trainer-Zunft ist Fortuna-Coach Uwe Koschinat
Foto: imago/Manngold

Uwe Koschinat geht in seine sechste Saison als Trainer von Fortuna Köln. Vor dem Start spricht der 44-Jährige über Ziele, Veränderungen und die Fortuna-DNA. 

Herr Koschinat, wie zufrieden sind Sie mit der körperlichen Verfassung Ihres Teams?
Die Mannschaft hat das Training in ­einem sehr guten Zustand wieder aufgenommen, sodass wir unser Programm voll durchziehen konnten. Wir haben diesmal viel Wert auf individualisiertes körperliches Training gelegt, wobei wir die Intensitäten nicht herausgenommen, sondern verlagert haben. Am Ende geht es darum, jeden Einzelnen in eine Top-Verfassung zu bekommen. Das hat bis jetzt sehr gut funktioniert.

Als Saisonziel für das dritte Jahr in Liga drei haben Sie 50 Punkte plus x ausgegeben. Wie stark schätzen Sie den aktuellen Kader im Vergleich zum Team der Vorsaison ein?
Vor der Saison eine Prognose aufzustellen ist immer sehr schwer. Im ersten Drittligajahr sind wir vornehmlich über die Faktoren Kampf, gute Organisation und defensive Stabilität gekommen, haben uns im zweiten Jahr aber zu ­einer Mannschaft entwickelt, die enorm viele Offensiv-Highlights setzen konnte. Das war nicht der ursprüngliche Plan. Aber es hat sich eine Eigendynamik entwickelt, die dazu geführt hat, dass die Analyse für mich wahnsinnig schwer war. In Summe ist positiv, dass wir mit unverändertem Budget eine Weiterentwicklung vollzogen haben. Für dieses Jahr erhoffe ich mir, dass die Mannschaft noch stabiler auftritt und wir die Lehren aus den Schwächephasen der letzten Saison ziehen. Auf der ­anderen Seite wünsche ich mir, dass wir die ­Unbekümmertheit in der Offensive auch mit neuem Personal bei­behalten. Ich will unbedingt die 50 Punkte ­erreichen, und ich denke, das reicht am Ende für einen Platz zwischen neun und elf, was eine abermalige Weiterentwicklung bedeuten würde. Das ist ein sehr ehrgeiziges Ziel, wenn man bedenkt, dass sich die Rahmenbedingungen und finanziellen Möglichkeiten nicht ändern. Dafür möchte ich als ­Trainer stehen, und daran werde ich mich messen lassen. Ich möchte, dass der Klassenerhalt mit einer gewissen Souveränität erreicht wird.   

Mit 69 Gegentreffern stellte die ­Fortuna in der abgelaufenen Saison die schwächste Abwehr der Liga. Eine Entwicklung, die dem offensiveren Stil geschuldet war?
Aus meiner Sicht hatten die vielen ­Gegentreffer überhaupt nichts damit zu tun, dass wir scheinbar offensiver ausgerichtet waren. Das waren wir nämlich gar nicht. Es ist aber so, dass ich auf den offensiven Außenbahnen eine verringerte Qualität in der Rückwärtsbewegung festgestellt habe. Häufig waren unsere Außenverteidiger in Eins-gegen-eins-Situation allein und haben diese dann nicht so gut lösen können wie in der Vorsaison. Unser größtes Problem lag darin, dass wir in Bereichen, die sonst zu unseren Stärken zählten, deutlich nachgelassen haben.

Insbesondere nach Standardsituationen hat Fortuna viele Tore kassiert.
Vor allem im letzten Drittel der Saison haben wir so zu viele Gegentore bekommen. Zudem waren wir nicht konterresistent, haben oft sehr schnell nach einem Gegentor ein weiteres ­bekommen, weil wir Dinge zu schnell reparieren wollten und so die Ordnung verloren haben. Der dritte Faktor ist, dass wir teilweise desaströse gruppentaktische Fehler gemacht haben. Aber ich habe das Vertrauen in die Spieler im Defensivbereich, dass sie sich individuell wieder auf ein anderes Niveau bringen und das Leistungsvermögen aus der ersten Drittligasaison erreichen, wo 14 Spiele ohne Gegentor der Faustpfand für den Klassenerhalt waren.

Welche Lehren haben Sie aus den vielen Gegentoren nach ruhenden Bällen gezogen?
Prinzipiell werden wir nichts verändern, weil ich ein Fan davon bin, Mann-gegen-Mann zu verteidigen und die Räume durch neutrale Spieler zuzustellen. Ich ziehe alle Spieler nach hinten, weil es das Wichtigste bei Standards auf Drittliganiveau ist, kein Gegentor zu bekommen. Die Wahrscheinlichkeit, aus einem abgefangenen Ball einen Konter zu Ende zu spielen, überwiegt in meinen Überlegungen nicht. Es geht nur um die Sicherung des eigenen ­Tores, und da sind die einzelnen Spieler gefragt, wieder mehr Verantwortung zu übernehmen. Defensive Standards waren mal unser Steckenpferd, wo wir überhaupt keine Probleme hatten. ­Daher nehme ich die Spieler im brutalsten Maße in die Pflicht. Denn wenn man einmal in diesen psychologischen Teufelskreis kommt, dass gegnerische Standardsituationen im Kopf automatisch ein Gegentor bedeuten, dann hat man ein großes Problem.

Wird das Zusammenspiel der einzelnen Mannschaftsteile in der kommenden Saison so wichtig wie nie zuvor?
Ja, wobei wir aufpassen müssen, dass wir keine Ballbesitzmannschaft werden. In den Testspielen hatten wir bei Ballbesitz phasenweise ­hervorragende Aktionen, was mir auch sehr gut ­gefällt. Es birgt nur die große Gefahr, dass sich die Mannschaft dann nur noch über Ballbesitzfußball definiert und wir ein Stück weit diese Dreckigkeit verlieren. Eine Weiterentwicklung ist wichtig, damit wir auch Mittel ­gegen tiefer stehende Mannschaften haben, es darf aber auf keinen Fall ausarten, dass wir zu einem Team werden, dass sich nur über Ballbesitz und nicht mehr über körperliche Härte definiert. Denn eins steht fest: Gegen einen Großteil der Liga werden wir nur über fußballerische Elemente keine Möglichkeit haben, erfolgreich zu sein.

Als Ziel für die kommende Saison bedeutet das, den attraktiven Stil auszubauen, aber ebenso defensiv wieder mehr Stabilität reinzubringen. Ein Spagat, den die Mannschaft leisten kann?
Ein Spagat, den sie leisten muss. Für mich ist klar: Drittligafußball muss über eine enorme Körperlichkeit und eine sehr gute Organisation funktionieren. Das Wichtigste ist aber der Anspruch eines jeden Spielers, körperlich zu verteidigen und Zeichen zu setzen. Diesen Anspruch vermisse ich derzeit ein wenig. Alles andere wird bei uns funktionieren, weil wir mittlerweile viel sportliche Qualität auf dem Platz haben und weil ­viele Spieler das Selbstverständnis entwickelt haben, in dieser Dritten Liga angekommen zu sein und hier etwas leisten zu können. Ich ­mache die Mannschaft aber jeden Tag ­darauf aufmerksam, dass wir in der letzten Saison in vielen Phasen unsere Ursprungs-DNA verloren haben. Und die bedeutet eben, eklig und grenzwertig aggressiv zu sein. Eine fußballerische Weiterentwicklung ohne die Grundtugenden zu verlieren – das wird die große Herausforderung für diese Saison sein.

Uwe Koschinat, Trainer Fortuna Köln, trinkt Kaffee

Fortuna Kölns Trainer Uwe Koschinat genießt auch weiterhin seinen Kaffee in der Südstadt
Foto: imago/Pmk

Wie wird die Fortuna im dritten Jahr in der 3. Liga wahrgenommen?
Überspitzt gesagt, waren wir im ersten Jahr der Schrotthaufen der Liga. Ein Neuling mit sehr überschaubaren Mitteln, von dessen Kader 80 Prozent der Spieler zuvor nie in der Dritten Liga gespielt hatten. Diese Wahrnehmung hat sich, vor allem aufgrund des letzten Jahres und der teilweise spektakulären Spiele, gewandelt. Am allermeisten merke ich das daran, dass uns Berater mittlerweile von sich aus Spieler präsentieren, die uns vor zwei ­Jahren nicht angeboten worden wären. Darüber hinaus habe ich das Gefühl, dass wir als Mannschaft wahrgenommen werden, der man zutraut, im guten Mittelfeld zu landen und vielleicht sogar mal eine Überraschungsmannschaft zu sein. Mittlerweile hat sich in Deutschland herumgesprochen, für was Fortuna Köln steht. Man kann sich als Spieler in Köln sehr wohlfühlen, ohne ständig der Öffentlichkeit ausgesetzt zu sein. Die Spieler wissen, dass hier enorme Ruhe herrscht und sie sich sehr auf Fußball konzentrieren können. Allerdings wissen sie auch, dass rund um die Fortuna keine Euphorie entstehen wird, wie sie vielleicht an anderen Drittligastandorten vorhanden ist.

Sie haben gegenüber Köln.Sport einmal betont, Fortuna Köln sei für Sie der perfekte Verein, um sich zu verwirklichen. Gilt das anderthalb Jahre später immer noch?
Im selben Maße und vielleicht mehr denn je. Mittlerweile habe ich als Trainer der Fortuna sehr viele negative Saisonphasen erleben dürfen, erleben müssen. Erleben dürfen deswegen, weil ich sie überlebt habe, was, glaube ich, nicht in jeder Stadt als Drittligatrainer möglich gewesen wäre. Man hat mich hier nicht infrage gestellt, und ich habe das Gefühl, dass das, was hier entstanden ist, mein Werk und das Werk der Mannschaft ist, das wir gemeinsam erreicht haben. Deswegen auch diese enorme Personaltreue, die zum Teil Kritik hervorrufen mag. Ich habe immer noch die Postkarte in meiner Kabine hängen, die mir im Herbst jemand geschrieben hat, auf der steht: „Uwe mach den Favre!“ Man sieht, in schwierigen Phasen gibt es logischerweise auch Menschen, die andere Ideen haben. Ich weiß aber, dass mir sehr viel Vertrauen entgegengebracht wird, und versuche, das jeden Tag zu rechtfertigen, indem ich sehr hart arbeite und mir viele Gedanken mache. Wenn ich Spieler kritisiere, dann nie, um sie im Grundsatz infrage zu stellen, sondern um das Maximum herauszuholen.

Zum angeblichen Interesse von Arminia Bielefeld an Ihrer Person beglückwünschte Sie der Verein ­öffentlich. Eine Haltung, die man im Profifußball eher selten erlebt.
Wir als Fortuna müssen auch versuchen, uns zu positionieren. Ich fand das amüsant, weiß aber, dass viele der Fortuna Nahestehende es nicht gut fanden. Man sollte es nicht über­bewerten, sondern als lesenswerte Geschichte zum Schmunzeln nehmen.

Im Rahmen der Pressemitteilung hieß es auch, dass man sich ob der Nachricht nur kurz am morgend­lichen Kaffee verschluckt habe, diesen dann aber entspannt genießen konnte. Wie war Ihre persönliche Reaktion auf das vermeintliche ­Interesse aus Bielefeld?
Ich habe es so wahrgenommen, dass ich mittlerweile ein Faktor geworden bin, der für den einen oder anderen Zeitungsartikel taugt. Ich habe es nicht als besonderes Hervorheben oder Bauchpinseln empfunden. Eher haben die Vakanz auf der Trainerposition und das Sommerloch dazu geführt, dass spekuliert wurde. Da viele andere Trainer im selben Atemzug genannt wurden, hatte ich auch nicht das Gefühl, dass meine Arbeit bei der Fortuna auf einmal besonders gewürdigt  wird. Die Frage nach meiner Zukunft hat sich für mich ohnehin nie gestellt.

Das Gespräch führte Stefan Kühlborn

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