Köln.Sport

Ein Tag im Leben eines Jockeys

Immer auf Trab – Das Leben als Jockey ist nicht ganz so federleicht wie seine Ausrüstung. Topjockey Filip Minarik meistert diesen Job schon seit 28 Jahren. Beim Saisonauftakt in Köln-Weidenpesch haben wir ihn begleitet.
Filip Minarik

Im Jahr 2000 zog Filip Minarik (43) nach Köln und entwickelte sich in der Folge zu einem der führenden Jockeys in Deutschland. 2005, 2011, 2016 und 2017 gewann er das deutsche Jockey-Championat (Foto: Thomas Berger)

Filip Minarik wirkt verhältnismäßig entspannt. Jetzt, wo er sein buntes Kostüm abgelegt hat und nur das hautenge Funktionsshirt trägt, sieht man, wie dünn der 43-Jährige wirklich ist. Kein Gramm Fett, kaum Muskeln. Die Hektik des Renntages ist dem Routinier gar nicht anzumerken. Voller Aufregung schreit plötzlich ein Kind „Filip, Filip“ – wir blicken uns um, und entdecken den kleinen Fan am Gitter des Presse- und Jockeybereichs. „Einen Moment bitte“, sagt Filip Minarik.­ Zeit für ein Foto und ein paar nette Worte nimmt sich der Jockey-Champion gerne. Dann aber sind wir dran. Der leichte Händedruck verrät: Mit einem Kraftpaket haben wir es hier nicht zu tun. Vielleicht will der tschechische Jockey aber auch nur Kräfte sparen.

Zwei Rennen hat er bereits in den Knochen, vier weitere folgen noch an diesem Tag. Dass er jetzt überhaupt mal eine kurze Pause hat, liegt nicht an ihm, sondern an „Clubber Lang“, seinem verhinderten Pferd. 200 Meter entfernt sprintet „Final Adventure“ gerade zum Sieg, wie der Ansage von Rennbahn-Kommentator Marvin Schridde zu entnehmen ist. Normalerweise würde Filip Minarik jetzt in gelb-grüner Seidenjacke mit um den Sieg reiten, doch der irische Hengst „Clubber Lang“ ist nicht startbereit. „Einen ‚Nichtstarter‘ nennt man das“, erklärt der Jockey, der das Ganze gelassen sieht. Das kann er auch, schließlich wird er noch in sechs anderen Rennen dieses Tages im Sattel sitzen. Wobei, gesessen wird lediglich, wenn der Jockey mit seinem Pferd die obligatorische Runde durch den Führring dreht, bevor es auf die Rennbahn geht. Während des Rennens stehen die Reiter ununterbrochen in dem kleinen, fingerdicken Sattel, der eher zu einem Schaukelpferd zu passen scheint.

Von der Rollbahn auf die Rennbahn

Filip Minarik steht schon ziemlich lange im Sattel. „Mit 15 habe ich angefangen“, berichtet der 43-Jährige, der seit 2000 in Köln lebt. Pferde reitet er allerdings auf der ganzen Welt. Tags zuvor etwa noch in Tokio. „Heute früh bin ich um halb sechs in Frankfurt gelandet“, gibt Minarik zu Protokoll. „Zum Glück habe ich mit Jetlag nie Probleme“, fügt er mit einem Grinsen hinzu. Das wäre auch schlecht bei einem Mammut-Renntag wie diesem. Um 14:00 Uhr öffnet sich für Minarik an diesem Ostermontag zum ersten Mal die Startbox. Auf „Divine Bell“ läuft es allerdings nicht optimal, am Ende muss sich der Tscheche in dem grünen Trikot mit weißen Sternen seinem Kollegen Andreas Helfenbein auf Lokalmatador „Jeföhl“ geschlagen geben und kommt als Fünfter ins Ziel.

Den Namen Helfenbein hört man allerdings beim anschließenden Gang durch die Menge zurück zum Führring selten, alle sprechen nur über „Jeföhl“ und dessen tolle Leistung. Die Pferde sind die Stars auf der Rennbahn. Die Größe, Kraft und Imposanz der Tiere steht im Kontrast zu den schmächtigen Jockeys. Ihre Namen bleiben hier weniger im Gedächtnis. Und doch, ohne sie geht auf der Rennbahn in Köln-Weidenpesch auch an diesem Tag nichts. Sie sind gewissermaßen die letzten Outlaws im Sport, Muskeln zählen in ihrem Metier nicht und Größe ist eher ein Hindernis. Filip Minarik hat reichlich Gras und Erde abbekommen, kein Wunder bei Tempo 60 auf dem feuchten Geläuf. Nach dem Rennen ist bei ihm vor dem Rennen. Denn Minarik ist einer der Besten seiner Zunft und wird dementsprechend oft eingesetzt. Also schnell zurück zur Jockeystube, absatteln und im Waageraum den obligatorischen Gewichtscheck absolvieren.

„Es wird geprüft, ob du noch das Gleiche wiegst wie vor dem Rennen, denn da werden wir ja auch gewogen. Das Gewicht darf sich höchstens um 100 Gramm verändern. Das wird streng kontrolliert“, erzählt Minarik. Er selbst bringt heute 51,5 Kilogramm auf die Waage und zählt damit selbst unter den Jockeys zu den Leichtgewichten. Gegessen hat er heute noch nicht. Minarik nimmt es sportlich: „Ich bin eh nicht der Typ, der gerne frühstückt“, sagt er. Am Renntag selbst nehmen Jockeys in der Regel wenig bis gar keine Nahrung auf. Genug Kraft um die Anstrengungen von mehreren Rennen durchzuhalten, ohne aus dem Sattel zu fallen, hat der Starjockey trotzdem. „Ich bin den ganzen Winter durchgeritten und daher topfit. Jetzt war ich zwei Monate in Japan, habe dort 130 Rennen geritten. Gestern auch noch acht Rennen, also das ist für mich totale Routine“, so der Tscheche. Routine ist ohnehin das Stichwort.

Keine freie Minute

Denn was für Beobachter wie Hektik pur aussieht, ist für Filip Minarek Alltag. Ein Renntag funktioniert im Halbstunden-Takt. Während sich die heute 16.000 Besucher im vollen Weidenpescher Park ein neues Getränk holen oder den nächsten Wettschein ausfüllen, führt Minariks Weg nach dem Wiegen in die Jockeystube, wo er und die Kollegen sich umziehen. Im blau-gelben Jersey geht es wenige Minuten später hinaus, an der Waage vorbei hinüber zum Führring. Dort wartet die dreijährige Stute „Hope Solo“ von Peter Schiergen auf ihn. Schiergen war früher selbst einer der besten Jockeys und arbeitet nun als Trainer. In Windeseile gibt er noch Instruktionen. „Die Trainer sagen mir nur das Nötigste, für mehr ist keine Zeit“, erklärt Minarik, der den Großteil der Pferde, auf deren Rücken er Rennen bestreitet, vorher nicht kennt. „Ich schaue mir am Vortag meist die letzten Ritte meiner Pferde im Internet an, da kann man schon viel einstudieren. Und dann kommt es natürlich auch auf die Erfahrung und Routine des Jockeys an“, so der 43-Jährige.

„Pferde sind unberechenbar“

Erfahrung hat er nach 28 Jahren Jockey-Dasein genug. Eine Garantie für Siege ist das aber nicht. Denn Minarik macht keinen Hehl daraus, dass Wetterbedingungen oder die Tagesform der Tiere ihre Leistung entscheidend beeinflussen – zum Positiven oder zum Negativen. Ist ein Pferd schlecht drauf, kann auch der Jockey keine Wunder bewirken. „Letztendlich handelt es sich um ein Lebewesen, das unberechenbar ist“, konstatiert Minarik. Nach einer gemeinsamen Runde durch den Führring geht es für den Reiter und „Hope Solo“ direkt auf die Bahn. Ein kurzer Zwischensprint Richtung Startbox muss als Warm-up reichen, hinein in die enge Box, dann öffnen sich auch schon die Türen. „Hope Solo“ erwischt einen schlechten Start und kommt überhaupt nicht in Fahrt. Nach 1.850 Metern trudelt die junge Stute mit Längen Abstand entsprechend ihrer Startnummer Neun auf dem neunten und damit letzten Platz ein. Kein Weltuntergang für Minarik. Er weiß: Die nächste Chance lässt nicht lange auf sich warten.

Wiegen, umziehen, aufsatteln – der Pferdesport ist kurzweilig an Tagen wie diesen. Für Interviews ist da eigentlich keine Zeit, es sei denn, es kommt ein „Nichtstarter“ dazwischen. Bevor es für Filip Minarik auf „Reti Eröffnung“ – die Besitzer sind mal mehr, mal weniger kreativ bei der Namensfindung für ihre Pferde – weitergeht, bleiben also ein paar Minuten Zeit. Zum Beispiel, um über Geld zu reden. Wie viel er heute in etwa verdienen werde, darüber hat sich der Jockey keine Gedanken macht. Etwa fünf Prozent der Siegprämien, die die Pferde erlaufen, gehen an die Reiter. Konkrete Zahlen lässt sich Minarik nicht entlocken, das Rechnen überlässt er lieber den anderen. „Letztes Jahr haben meine Pferde 1,2 Millionen Euro eingaloppiert, davon fünf Prozent – das kann man sich jetzt selber ausrechnen“, sagt der Tscheche, während er lässig am Geländer lehnt. Hinzu kommen Antrittsgelder, die sogenannten „Reitgelder“. Aber alles muss natürlich noch versteuert werden. Jockeys arbeiten selbstständig, das heißt auch, dass sie sich selbst versichern müssen. Eine harte Branche, bei einem sehr risikoreichen Beruf. Ein Sturz bedeutet oft eine lange Arbeitsunfähigkeit, weiß Minarik, der bis dato Glück hatte und lediglich ein paar Knochenbrüche in seiner Karriere verschmerzen musste. In der Branche ist er eine große Nummer, am Hungertuch muss er dank der vielen Siege also nicht nagen – zumindest nicht aufgrund des fehlenden Kleingelds.

Kein Sieg für „Weltmeister“

Ausgesorgt hat das Leichtgewicht allerdings noch nicht, mindestens sieben Jahre will er noch als Jockey aktiv sein. „Ich bin jetzt 43. Früher wäre das ein Alter gewesen, wo die Jockeykarriere zu Ende ging. Heutzutage ist die medizinische Betreuung allerdings sehr gut, ich mache Physiotherapie, arbeite mit einem Psychologen zusammen“, so Minarik, der sich körperlich und mental gut fühlt. Jetzt wird es allerdings auch schon wieder Zeit, denn bis zum „Preis von Dinger’s Gartencenter“, dem vierten Rennen des Tages, sind es nur noch 20 Minuten. Bereitwillig posiert der Vollprofi noch für ein paar Fotos, dann geht’s wieder in die Jockeystube und rein in den Halbstundentakt. Vor dem Waageraum wird er aber noch von Hein Bollow abgefangen. Anzug, Krawatte, Schiebermütze – der 97-jährige Bollow verkörpert die deutsche Turfgeschichte wie kein anderer. Ein paar Tipps hat er immer parat, so auch für Filip Minarik, der dann aber endgültig zum Umziehen muss. Diesmal ist die Seidenjacke hellblau mit roten Ärmeln. Doch auch in dieser farbenfrohen Montur will es nicht klappen mit dem ersten Tagessieg. Minarik landet auf dem 6. Platz. Im fünften Rennen hat er mehr Erfolg – ein Podiumsplatz (3.). So richtig freuen kann er sich darüber allerdings nicht, schließlich sollte mit „Weltmeister“, dem Hengst von Mitbesitzer und FC-Profi Marcel Risse, eigentlich ein Sieg herausspringen.

Essen, Schlafen, Reiten

Am Ende des Tages haben die Pferde unter dem tschechischen Topjockey eher enttäuschende 1.050 Euro Preisgelder gewonnen. Der Jockey-Champion von 2016 und 2017 kann das verschmerzen. Er freut sich auf ein Abendessen mit seiner Familie. Ausschlafen ist allerdings nach dem Kraftakt der vergangenen zwei Tage nicht drin. „Morgen um halb sechs klingelt schon wieder der Wecker, dann werde ich hier mit drei oder vier Pferden ein kurzes Training absolvieren. Danach geht’s nach Mülheim zum nächsten Renntag.“ Bis dahin aber hat Filip Minarik erst einmal Reitpause, denn für den Heimweg setzt er dann doch auf das Auto.

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