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Ein Bruch geht durchs Land

Was seit der Bundestagswahl aus dem politischen Berlin vorgelebt wird, „funktioniert“ auch im kleineren Kreis, zum Beispiel im Fußball. Zunächst der (ehrbare) Versuch, zwei oder mehr Parteien an einen Tisch zu bringen, die gemeinsam Probleme lösen sollen. Dann das große Erstaunen, dass zwei unterschiedliche Parteien vielleicht gar nicht das gleiche wollen. Und zuletzt der Versuch, mit faulen Kompromissen ein Scheitern eben jener Zusammenkunft zu verhindern.

Eigentlich hätte auf dem Außerordentlichen Verbandstag des DFB am Freitag abgestimmt werden sollen über das neue Modell der Aufstiegsregelung von der Regionalliga in die 3. Liga. Das Problem: Lange war nicht einmal klar, über was abgestimmt werden soll! Gestern dann der Durchbruch: DFB-Präsident Reinhard Grindel und die Vereins- und Verbandsvertreter haben sich auf einen (faulen) Kompromiss geeinigt, der ein Schlag ins Gesicht für alle Fußball-Fans ist. Neu: Statt bisher drei sollen nun vier der Regionalliga-Meister aufsteigen. Alt: Es bleibt dennoch ungerecht!

Ab der Saison 2018/19 steigt der Meister der Regionalliga Südwest direkt auf. Zwei weitere Staffeln werden vor Saisonstart ausgelost, deren Meister steigen ebenfalls auf. Die Meister der beiden übrigen Staffeln spielen in einer Relegation den vierten Aufsteiger aus. Was für ein Modell! Alleine, dass ein Losentscheid in die Aufstiegsfrage eingreift, ist hochgradig ungerecht. Womöglich steigt dann ein Team auf, das weniger Punkte geholt hat als ein Team, das in der Klasse bleiben muss. Dieser Fehler im System wurde nicht behoben, auch wenn vier statt drei Aufsteiger schon mal ein Schritt nach vorne ist.

Reform ist dringend notwendig!

Das Gute an der Sache: Die Reform soll zunächst nur übergangsweise sein, ein endgültiges Modell soll nun von einer Kommission erarbeitet und beim DFB-Bundestag 2019 verabschiedet werden. Hoffentlich geht es zumindest danach endlich gerecht zu! Dass ein Meister aufsteigen soll, wenn er das kann und will, darüber ist ausreichend referiert werden. Jeder, der dieses Argument nicht versteht, hat den Fußball nie geliebt. Doch auch andere Überlegungen zeigen, wie notwendig die Reform ist: Jahrelang wurde Deutschland um das vorbildliche Ligen-System beneidet. Amateure und Profis in einem System, ein Traum. Jeder Spieler, der gut genug war, konnte sich hoch spielen, ebenso jedes Team. Doch schon mit der Abschaffung der Oberliga (bzw. NRW-Liga) ist ein Bruch vollzogen worden, der die Amateure von den Profis getrennt hat. Die Top-Teams der Verbandsliga müssen direkt in die Regionalliga – oder dort bleiben, wo sie sind. Doch kaum jemand hat die finanzielle und sportliche Substanz, um dort zu bestehen. Der Bonner SC war im Vorjahr eine Ausnahme.

Abwrack-Zone Regionalliga

Will heißen: Am unteren Ende ist die Regionalliga für viele Teams zu stark. Wenn sie am oberen Ende stark ist, die Top-Teams aber dennoch nicht aufsteigen, wird das Leistungsgefälle extrem groß. Für Spitzenvereine ein Albtraum – wenig sportliche Herausforderung, aber auch schlechte Aussichten, nach oben zu kommen. Damit wird die Regionalliga zur Abwrack-Zone für Vereine, die eigentlich nach oben wollen. Und das deutsche Fußball-System bekommt einen entscheidenden Bruch bzw. behält ihn bei.

Dass viele Drittligisten jegliche Reform blockieren wollen, liegt auf der Hand. Weniger Absteiger bedeuten weniger Gefahr für einen eigenen Absturz. Aber: Auch in vielen Landes-, Bezirks- oder Kreisligen steigen vier oder mehr Teams ab. Es kann nicht sein, dass eine Reform an sportlichen Ängsten von Betroffenen scheitert. Sonst können wir demnächst auch die Arbeitslosen entscheiden lassen, ob sie mehr oder weniger Sozialleistungen erhalten möchten.

Und an die Regionalliga-Verbände sei gesagt: Es passt zur deutschen Kultur, sich lieber gegenseitig zu boykottieren als einen gemeinsamen Vorschlag auszuarbeiten. Alleine dafür hättet ihr es verdient, zu scheitern. Nur mein Fußballer-Herz sorgt dafür, dass ich mir eigentlich genau das Gegenteil wünsche.

Ein Kommentar von Thomas Werner (stellv. Köln.Sport-Chefredakteur)

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