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Die perfekte Basis

Jahrelang war der FC Viktoria Köln in der Regionalliga West vor allem wegen der bärenstarken Offensive gefürchtet, die Defensive fiel im Vergleich leicht ab. Doch das ist nun anders! Unter Patrick Glöckner ist auch die Abwehr titelreif – und das könnte bei der Mission „Aufstieg“ zum entscheidenden Faktor werden!
Defensive

Doppelt stark: Felix Backszat ist hinten wichtig, aber auch in der Offensive ein Faktor (Foto: imago/DeFodi)

Das Auswärtsspiel des FC Viktoria Köln in der Sportclub-Arena von Verl Ende Oktober war auf mehrere Arten besonders. Nicht nur, weil die Höhenberger beim gastgebenden SC Verl den sechsten Sieg am Stück in der laufenden Regionalliga-Saison einfuhren. Und nicht nur, weil Kapitän Mike Wunderlich das „Kunststück“ fertigbrachte, bei seinem Startelf-Comeback einen Doppelpack zu schnüren und mit der Roten Karte vom Platz zu fliegen. Nein, die zwei Gegentore der Viktoria beim 3:2-Auswärtssieg waren auch das erste Mal seit dem 8. September (1:2 in Düsseldorf), dass das Team von Coach Patrick Glöckner mal wieder mehr als ein Gegentor hinnehmen musste.

Vordergründig ein kleines Ärgernis bei einem hart erkämpften Sieg, bei genauerer Analyse war Glöckner aber sogar zufrieden mit der Defensivleistung seiner Schützlinge. „Das erste Gegentor war ein Elfmeter, das zweite ein Kunstschuss von der Strafraumgrenze. Da ist zunächst einmal niemandem ein Vorwurf zu machen.“ Im Gegenteil: Ab der 62. Minute spielten die Gäste in Unterzahl, bis zur 93. Minute hielt das Defensivbollwerk, der Anschlusstreffer des SCV kam dann aber zu spät.

Trotz der beiden Gegentreffer schien das Gastspiel in Ostwestfalen so etwas wie die Bestätigung eines Trends zu sein, der sich in der ersten Saisonhälfte abzeichnete: Der FC Viktoria Köln hat sich zu einem starken Defensivteam entwickelt – und dominiert auch damit die Regionalliga West! Rückblick: In den letzten Jahren war es meist die Offensive, die die Höhenberger im Aufstiegsrennen in die 3. Liga hielt. 2017/18 erzielten Wunderlich und Co. starke 85 Tore, die 36 Gegentore sorgten aber dafür, dass man dem KFC Uerdingen (68:24) im Kampf um den Platz in der Drittliga-Relegation den Vortritt lassen musste.

Selbst 2016/17, als die Viktoria Regionalliga-Meister wurde, produzierte die Offensive zwar 91 eigene Treffer, mit 42 Gegentoren kassierte man aber „schlanke“ 17 mehr als Verfolger Borussia Dortmund II und gerade einmal sechs weniger als zum Beispiel Absteiger FC Schalke 04 II. Und zu guter Letzt: 2015/16 waren es 36 Gegentreffer, Aufsteiger Sportfreunde Lotte kassierte aber nur 23 und schaffte damit bei fast identischer eigener Torzahl (Lotte 67, Viktoria 66) 20 Punkte in der Tabelle mehr (Lotte 83, Viktoria 63). Positiv formuliert: Der Fokus der Viktoria lag in den letzten Jahren eher auf der Offensive.

Einfache Gedankengänge

Doch mit seiner Amtsübernahme im Sommer 2018 wollte Glöckner eine neue „Sensibilität“ für das ganze Thema Defensive schaffen, unter anderem mit recht simplen Botschaften. „Die große Qualität der Mannschaft liegt natürlich im Ballbesitz-Fußball. Wenn wir diese Qualität ausspielen wollen, brauchen wir den Ball. Und dafür müssen wir gut verteidigen“, so der 41-Jährige, der besonders in der Vorbereitung einen Fokus auf das Thema setzte. „Da haben wir uns in dem Bereich stabilisiert. Die Spieler verstehen, was ich will, und gemeinsam haben wir auch die Abstimmung untereinander verbessert.“

Ein enorm wichtiger Faktor in dieser Entwicklung ist Viktoria-Innenverteidiger Tobias Willers. Der 31-Jährige stand bisher bis auf das Heimspiel gegen Herkenrath in jeder Partie von Beginn an auf dem Platz und ist der sprichwörtliche „verlängerte Arm des Trainers“. „Er dirigiert sehr gut – und gibt damit das ans Team weiter, was ich nur vor dem Spiel mitgeben kann. In der Partie kann ich von außen nur noch bedingt Einfluss nehmen“, erklärt Glöckner. Gemeinsam mit Daniel Reiche bildet Willers das vielleicht stärkste Innenverteidiger-Duo der Liga.

Patzler als Dirigent der Defensive

Während Reiches Verletzung im Oktober stimmte aber auch die Abstimmung mit Teamkollege Stefano Maier, der dessen Position übernahm. Auch Torwart Sebastian Patzler, der nach Startschwierigkeiten seine Topform gefunden hat, ist ein weiteres Puzzleteil. Gerade sein lautstarkes Coaching aus dem eigenen 16er gibt der Defensive Sicherheit.

Mit Willers und Felix Backszat aus der Mittelfeldzentrale bildet Patzler eine wichtige Defensiv-Achse. „Bei ihm habe ich nie das Gefühl, dass in unserem Strafraum etwas Leichtsinniges passiert“, so Glöckner. Gut für Glöckner, gerade in der Ansprache an die Mannschaft: Bisher hat die zusätzliche Energie, die das Team in die Defensive gesteckt hat, dem Offensivwirbel keinen Abbruch getan. Nach 17 Spielen ist die Viktoria mit 34 Treffern auch die beste Offensive der Regionalliga West. Auch eine Folge davon, dass Glöckner das Team selbstredend nicht vor dem eigenen Strafraum platziert, sondern mutige Auftritte einfordert – „nach vorne verteidigen“ heißt das im Fußball-Neudeutsch.

Das erfordert gute Abstimmung, gutes Timing und gegenseitige Hilfe – birgt aber auch Risiken. Gegen Dortmund II, den Bonner SC, Straelen (je 2:2), Düsseldorf und Verl gab es jeweils zwei Gegentreffer, zehn der 15 Gegentore kamen also in fünf Spielen zustande. Luft nach oben ist bei allem Lob also auch noch, dafür hat der Coach aber Verständnis. „Kein Team der Welt spielt perfekten Fußball. Das ist in Ordnung. Aber ich habe kein Verständnis dafür, wenn wir die Zweikämpfe meiden oder zu viele davon verlieren“, so Glöckner. Eine Einstellung, die sich offenbar auf die Mannschaft übertragen hat – und zum entscheidenden Erfolgsfaktor werden soll, wenn es um den Traum geht, Viktoria Köln 2019/20 in der 3. Liga zu sehen.

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