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Köln.Sport

Die (fast) ultimative Lobhudelei

Die Europameisterschaften in Berlin waren die wohl besten aller Zeiten, alle Neuerungen haben gefruchtet, dazu kamen sportliche Glanzleistungen von deutschen und internationalen Athleten. Umso schlimmer, dass nach der großen Emotion nun die Depression droht: Die Wüsten-WM steht vor der Tür.
Leichtathletik-EM

Foto: imago/Sebastian Wells

Die 24. Leichtathletik-Europameisterschaften sollten ein Schritt in die Zukunft der Sportart werden. Eine Menge Neuerungen wurden gewagt, und genau das ist es, was die Leichtathletik tun will und muss, um wieder mehr in den Fokus der Öffentlichkeit zu geraten: etwas wagen. In Berlin waren es zum einen kleine Änderungen wie die Einführung des „Hot Seats“, auf dem die aktuell Zeitschnellsten der Vorläufe vor laufenden Kameras um den Einzug in die nächste Runde zitterten, oder Laserlinien in der Sandgrube, die je nach Wettbewerb die bisherige Bestweite des Wettkampfes oder die Saisonbestleistung anzeigten. Alles sicher nicht revolutionär, aber es fruchtete, machte die Abläufe leichter nachvollziehbar, baute Spannung auf, hatte mehr direkte Reaktionen des Publikums zur Folge.

Und dann waren da natürlich noch die großen Änderungen, allen voran die Ausgliederung der meisten Siegerehrungen auf die „Europäische Meile“ auf dem Breitscheidplatz. Die Entscheidung, die EM-Macher Frank Kowalski und sein Organisationsteam getroffen hatten, war im Vorfeld nicht von allen gutgeheißen worden. Doch die kritischen Stimmen verstummten schnell, auch Athleten wie beispielsweise Weitspringer Fabian Heinle, für die Siegerehrungen „eigentlich ins Stadion gehören“, waren im Anschluss überwältigt von der Stimmung in der kleinen Arena im Schatten der Gedächtniskirche und von dem kuscheligen, aber deswegen nicht weniger würdigen Rahmen, in dem die Sportler ihre hart erarbeiteten Medaillen erhielten. An die Tränen in den Augen von Thomas Röhler und Christin Hussong werden sich nicht nur die Sportler noch eine Zeit lang erinnern. Die Installation der „Europäischen Meile“ mit dem engen Rundkurs für die Geh-Wettbewerbe, dem Start- und Zielbereich der Marathonläufe und der Bühne für die Siegerehrung wurde zum großen Coup!

Eine EM zur richtigen Zeit

Doch bei Großveranstaltungen im Sport ist auch die beste Planung nur die halbe Miete, ohne große sportliche Momente kann man keine Euphorie entfachen – weder bei den Zuschauern im Stadion noch bei denen vor den TV-Bildschirmen. Und so grandios die Heim-WM 2009 war, in der aktuellen Situation hat es für die deutsche Leichtathletik keinen weltweiten, sondern einen kontinentalen Vergleich gebraucht. Ein Ereignis, bei dem jeden Abend Medaillen möglich sind, bei dem sich die Athleten nicht der teilweise übermächtigen Konkurrenz von der anderen Seite des Atlantiks gegenübersehen, ein Ereignis, bei dem auch mal 8,13 Meter für Weitsprung-Silber und 63 Meter für Diskus-Silber reichen können. Und fast immer, wenn sich den deutschen Athleten die Chance bot, nutzten sie sie, lieferten reihenweise Saisonbestleistungen und sorgten insgesamt für ein überragendes Abschneiden bei der Heim-EM.

Dazu kamen die immer wieder eingestreuten internationalen Weltklasseleistungen. Es bedarf keiner Glaskugel, um vorhersagen zu können, dass Athletinnen bzw. Athleten wie die britische Sprinterin Dina Asher-Smith, die dreimal Gold mit nach Hause nehmen durfte, oder der junge Norweger Jakob Ingebrigtsen die Leichtathletik im kommenden Jahrzehnt auch im weltweiten Vergleich mitbestimmen werden. Und dann war da natürlich am Abschlusstag noch der Stabhochsprung der Männer, mit einem unglaublichen Renaud Lavillenie, einem überragenden Timur Morgunov und einem Armand Duplantis wie vom anderen Stern. Die rund zwei magischen Wettkampfstunden von Berlin werden nicht nur als bester Wettbewerb dieser Disziplin bei allen Großereignissen in die Geschichte eingehen, sondern als der vielleicht beste Stabhochsprung-Wettbewerb, den es überhaupt je gegeben hat. Und er fand, wie alle anderen Wettkämpfe auch, in einem würdigen Rahmen in einem Olympiastadion statt, das man sich nun weniger denn je ohne blaue Laufbahn vorstellen kann, und vor einem Publikum, das nicht nur die Leistungen der eigenen, sondern auch die aller anderen Athleten zu würdigen wusste.

Die 24. Leichtathletik-Europameisterschaften waren die besten der Geschichte. Sie haben gezeigt, dass die Leichtathletik mit ihrer Vielfalt begeistern kann. Umso bitterer ist es,dass der Sportart nun ein Problemjahr bevorsteht. Nach der Emotion droht die Depression, denn 2019, das ist Doha, Katar. WM in der Wüste. Emotionen adé.

Die Leichtathletik muss das Jahr 2019 überstehen, danach folgt ein Olympiajahr, und in dem ticken die Uhren auch in Deutschland noch immer etwas anders. Es ist dann nicht immer „Viertel vor Fußball“. Und in vier Jahren kommt hoffentlich auch die nächste Ausgabe der European Championships. Die dürfen dann gerne komplett in Berlin stattfinden – und die Leichtathletik im Berliner Olympiastadion darf erneut als „Lokomotive“ dienen.

Der Kommentar von Daniel Becker erschien zuerst auf www.leichtathletik-magazin.de sowie in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Leichtathletik“.

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