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Dem Schäng zu ehren

Jean Löring, von allen nur „De Schäng“ genannt, hat Fortuna Köln zu dem gemacht, was es heute ist. Der Kultstatus des langjährigen Präsidenten ging so weit, dass sich 2002 sogar ein Fanklub nach dem Südstadt-Patriarchen benannte. Mittlerweile ist die „Schäng Gäng“ längst selber Kult.
Schäng Gäng

Fotos: Schäng Gäng

Zehn Minuten sind im Stadion der Freundschaft noch zu spielen, Fortuna Köln führt im so wichtigen Abstiegskrimi auswärts mit 3:2, ehe das Spiel eine dramatische Wendung nimmt. Ein Sonntagsschuss von Fabian Holthaus aus 25 Metern schlägt im Winkel ein, Luke Hemmerich versetzt den Südstädtern sechs Minuten später nach einem Konter den Todesstoß.

Es sieht nicht gut aus für die Fortuna im Abstiegskampf, an diesem 31. Spieltag der laufenden Saison fährt der Drittligist mit leeren Händen nach Hause. Einen Tag später ist der Frust schon etwas verflogen. Zumindest bei der „Schäng Gäng“, einem der bekanntesten Fanklubs der Südstädter. „Es wird bis zum letzten Spieltag eng bleiben“, ist sich Matthias Langer sicher. Er ist einer von fünf langjährigen Mitgliedern, die wir im Refugium, einer Kneipe nur einen Steinwurf vom Südstadion entfernt treffen.

„Da waren wir richtig tot“

Er und seine Kollegen haben ohnehin schon viel schlimmere Zeiten erlebt. „Ich erinnere mich an eines der letzten Spiele vor der dritten Insolvenz 2005. Da musste die Fortuna auf der Bezirkssportanlage Bocklemünd antreten, weil das Stadion nicht mehr zu bezahlen war. Und dann haben wir auch noch 0:7 verloren – gegen Wuppertal II. Das war nur noch Galgenhumor, da waren wir richtig tot“, erinnert sich Langer. Die Fortuna reiste damals über die Dörfer der Oberliga an, die Schäng Gäng immer mit dabei. An die Gründung drei Jahre zuvor erinnert sich Frank Lang, Mitglied der ersten Stunde, noch genau.

„Wir uns damals mit zehn Mann im Blue Shell am Barbarossaplatz getroffen und dort nach einigen Stangen Kölsch ganz spontan die „Schäng Gäng“ gegründet“, so Lang. Fan wurde er bereits als Kind. Als die Fortuna 1983 gegen den großen 1. FC Köln im Pokalfinale stand, saß Lang auf der Tribüne. „Ich bin dort als FC-Fan hingegangen und kam als Fortuna-Fan wieder raus“, schildert er die Geburtsstunde seiner Liebe zu den Südstädtern. Seine Geschichte ist exemplarisch für die vieler seiner Weggenossen.

Das familiäre Umfeld beim Veedelsclub war schon damals weit über die Stadtgrenzen hinaus einzigartig. Wer einmal den Weg ins Südstadion gefunden hatte, ging in der Regel nicht mehr woanders hin. Über den Namen mussten die Gründungsmitglieder der Schäng Gäng nicht lange diskutieren. „Fortuna Köln war damals Jean Löring“, so Lang. Zwar hatte „De Schäng“ nach 2001 das Amt des Präsidenten nach 35 Jahren aufgegeben, das Gesicht des Vereins jedoch war er geblieben.

Schäng Gäng

Nach dem Absturz in die Verbandsliga spielte die Fortuna auf dem Trainingsplatz neben dem Stadion (Foto: Schäng Gäng)

Kölsch vom Präsidenten

Die Geschichte des Fanklubs ist also auch eine des volksnahen Patriarchen, der sein „Vereinche“ bis in die Bundesliga führte und 26 Jahre in der zweiten Liga ermöglichte und in Eigenregie Trainer wie Hans Krankl oder Bernd Schuster nach Zollstock lotste. Die Legenden, die über Jean Löring existieren, sind so zahlreich, dass ein ganzes Buch nötig wäre sie alle zu erzählen. So schrieb er nach einer Niederlage einst auf den Spielberichtsbogen: „Alles gelogen.“ Als ihn der DFB daraufhin mit einem Stadionverbot belegte, ging er kurzerhand als Weihnachtsmann verkleidet zum Spiel und blieb unerkannt.

„Jedes Jahr habe ich drei oder vier Mal Mist gebaut. Ich habe auch schon mal einem gegnerischen Spieler die Schuhe ausgezogen, weil er zu lange Stollen hatte. Doch ich ändere mich nicht. Ich entschuldige mich dann immer beim lieben Gott, nicht beim DFB“, gab „De Schäng“ einst zu Protokoll. Einmalig waren auch die Feiern im Vereinslokal „Bacchus“, indem nach Trainingseinheiten und Spielen regelmäßig ein Kölsch nach dem anderen floß.

„Bei meinem ersten Besuch im Bacchus habe ich nach zwei Minuten ein Bier bekommen – von Jean Löring höchstpersönlich“, erinnert sich Lang. Die Beziehung zwischen den Mitgliedern der Schäng Gäng ist schon weit vor der Gründung des Fanklubs eine besondere. Nach der bis heute unvergessenen Entlassung Toni Schumachers während der Halbzeit, sind es seine vertrauten Fans, denen Jean Löring die Neuigkeit zuerst übermittelt. „Als De Schäng aus der Kabine kam, hat er uns zum Zaun gewunken und gesagt: ‚Ich musste reagieren und hab ihn rausgeworfen‘“, erzählt Frank Lang.

Schäng Gäng

Nach dem Tod Jean Lörings schwenkte die Schäng Gäng auch zu Zeiten von Klaus Ulonska (l.) ihre Fahne im Südstadion (Foto: Schäng Gäng)

„Da kommt mein Fanclub“

Später ist Löring auf den Weihnachtsfeiern des Fanklubs als Ehrengast immer dabei, im Gegenzug lädt er seine Freunde regelmäßig in seine Villa in der Eifel ein. In Lörings Büro gehen die Schäng-Mitglieder viele Jahre ein und aus.

„Das war gar kein Problem, man musste nur an Frau Renner, seiner Sekretärin, vorbei. Wenn sie dich kannte, hat die dich vorbei gelassen, wenn nicht, hieß es grundsätzlich ‚Er ist nicht da‘“, erinnert sich Stefan Kleefisch. Er ist wie viele Mitglieder der Schäng Gäng auch heute noch fest im Verein verwurzelt, unterstützt die zweite Mannschaft als Teammanager.

Die Beziehung des Fanklubs zum „Schäng“ bleibt bis zu dessen Tod 2005 sehr intensiv. „Er hat immer gesagt: Da kommt mein Fanklub. Und als er dann am Ende kein Geld mehr hatte, haben wir ihn immer eingeladen – hat uns richtig Geld gekostet“, berichtet Lang mit einem Augenzwinkern.

Unterstützung bis heute

Zu diesem Zeitpunkt hat der Verein seinen Tiefpunkt erreicht, kickt 2005/06 in der Verbandsliga. Den Jungs von der Schäng Gäng macht das nichts, in der Retrospektive bezeichnen sie die Jahre in den Niederungen des Amateurfußballs sogar als vielleicht „schönste Zeit“. Der Fanklub hilft den Verein wieder nach oben zu führen, stellt den Teamchef, organisiert die Auswärtsfahrten der ersten Mannschaft, produziert ein Fanzine und hilft später mit die Stadionzeitung aufzubauen, spendet Geld für Jugendturniere.

„Es war eine schwierige Phase, aber da standen alle zusammen“, sagt Joerg Klöcker. In einer schwierigen Phase befindet sich die Fortuna auch heute, wenngleich die Situation weit weniger dramatisch ist, als nach der dritten Insolvenz vor 14 Jahren. Wo auch immer das Saisonfinale in der 3. Liga endet, um die Treue der Schäng Gäng muss sich bei Fortuna Köln keiner Sorgen machen.

„Wir stehen zwar nicht mehr immer im Block und wedeln mit der Fahne, aber aktiv sind wir immer noch, fahren zu Auswärtsspielen, vertreten die Fortuna im Karneval mit einem eigenen LKW am Zugweg des Rosenmontagzuges und vieles mehr“, sagt Matthias Langer. Er ist davon überzeugt, dass „De Schäng“ mit der Fortuna anno 2019 zufrieden wäre. „Ich glaube, er wäre happy, dass es seinen Verein noch gibt und dass der Verein nach wie vor lebt!“

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