Köln.Sport

Bayer 04: (Tor)Hüter der Vereinsgeschichte

Als Torwart konnte Rüdiger Vollborn den UEFA-Cup und den DFB-Pokal gewinnen und wurde zur Vereinslegende von Bayer 04 Leverkusen. Heute sammelt der Leverkusener Fanbeauftragte Fotos und Trikots seiner Vereins und entdeckt dabei vergessene Legenden und Geschichten.
Vollborn

Bei Legendentouren, Vorträgen und Bustouren durch Leverkusen erzählt Vollborn von der Vereinsgeschichte – auch für Köln.Sport-Redakteurin Kerstin Börß hat er einige Anekdoten parat. (Foto: Andreas Kerschgens)

Am 12. Mai 1979, einem Samstag, fand in der Zweiten Bundesliga Nord das entscheidende Spiel um den Aufstieg in die Erste Bundesliga statt. Bayer 04 Leverkusen traf als Tabellenerster auf den Zweitplatzierten aus Uerdingen und stieg nach 0:2-Rückstand mit einem 3:3 direkt auf. Überall war dieses Datum so nachzulesen, auf Internetseiten und in Jubiläumsbüchern – bis bei Rüdiger Vollborn das Telefon klingelte. „Vor einem halben Jahr kriege ich einen Anruf, dass jemand ein Spielankündigungsplakat von diesem Spiel gefunden hat und ob ich daran Interesse hätte“, erzählt Rüdiger Vollborn. „Auf dem Plakat stand Sonntag, der 13. Mai. Mein Kollege aus der Fanbetreuung Paffi (Andreas Paffrath, Anm. d. Red.) war damals als Zehnjähriger im Stadion. Ich habe ihn gefragt, ob das Spiel samstags oder sonntags war. Ganz klar ein Sonntag, war seine Antwort.“

Und so wurde das vermeintliche Samstagsspiel nachträglich wieder auf einen Sonntag datiert. Diese Datumskorrektur ist nur ein kleines Puzzlestück der Sammelarbeit und Historienleidenschaft von Vollborn, die vor mehr als vier Jahren begann. In der BayArena sollte damals eine Sportsbar entstehen. Zusammen mit Marketing-Verantwortlichen entwickelte Vollborn die Idee einer Bayer-04-Kneipe mit musealem Charakter. Bis zu diesem Zeitpunkt war der ehemalige Torwart weder ein Sammler noch ein großer Kenner der Vereinsgeschichte. Also begann er bei null und machte sich auf die Suche nach Trikots, Fotos und allen möglichen Schnipseln, die etwas mit der Historie von Bayer 04 zu tun hatten – zunächst, um die Kneipe „Schwadbud“ damit zu bestücken, aber mit zunehmender Zeit auch immer mehr, um die Vergangenheit der Werkself zu verstehen und für andere aufzubereiten.

Unterstützung von ehemaligen Profis

Aus dem erfolgreichsten Torhüter der Geschichte von -Bayer 04 wurde somit ein Hüter ebendieser Geschichte. Immer wieder ist er im Archiv des TSV Bayer 04 Leverkusen oder im Leverkusener Stadtarchiv zu finden. Zudem halfen ihm ehemalige Leverkusener Spieler, Vereinsangehörige und deren Verwandte. „Zu 90 Prozent sind die Trikots hier von unserem Zeugwart Martin Kowatzki“, sagt Vollborn, während er auf die gerahmten Trikots an den Wänden der „Schwadbud“ zeigt. Von Horst Stollenwerk, Leverkusens Mann für Rechtsaußen in den 1950er-Jahren, oder Friedhelm Renno, Torwart aus den 1960er-Jahren, hat Vollborn Ordner mit Fotos und Zeitungsartikeln zum Durchschauen und Einscannen bekommen. Oftmals gehe es dann darum, herauszufinden, zu welchem Spiel ein Foto gehöre. Bei dieser Memory-Arbeit helfe man sich vereinsübergreifend.

„Im 75-Jahre-Jubiläumsbuch von Bayer 04 steht drin, dass wir unser Eröffnungsspiel im Ulrich-Haberland-Stadion 1958 gegen Kaiserslautern gemacht haben aufgrund dieses Fotos“, erzählt Vollborn und deutet auf ein gerahmtes Bild von Fritz Walter im Leverkusener Stadion. „Das ist aber eine Woche später. Beim Eröffnungsspiel, von dem es ein Farbfoto gibt, hieß der Gegner Fortuna Düsseldorf.“ Um das zu bestätigen, half Tom Koster, der Mann für die Historie von Fortuna Düsseldorf. Ein weiteres Puzzleteil der Bayer04-Historie wurde auf diese Weise an die richtige Stelle gesetzt. „Ich schreibe die Geschichte sozusagen neu, nur werden wir auch dabei nicht Deutscher Meister. Wie groß der Nutzen meiner -Arbeit ist, weiß ich nicht, ich kann nur sagen, dass es mir tierisch Spaß macht, in den alten Unterlagen herumzuwühlen und uns Leverkusenern damit zu zeigen, dass wir ja doch -Tradition haben“, berichtet der 55-Jährige.

Vergessener Aufstiegsheld

Ein weiterer wichtiger Mann für Vollborns Geschichtsschreibung ist der 2010 verstorbene Werner Röhrig, der als Kapitän 1962 in die Oberliga West aufstieg und im Werk arbeitete. „Als Rentner wälzte Werner Röhrig Zeitungen im Stadtarchiv in Opladen und heftete Kopien in Ordner ab“, erzählt Vollborn über seinen fleißigen Vorgänger. Aus archivierten Trainingsplänen konnte der ehemalige Torwart herausfinden, dass zu Röhrigs Zeiten dreimal die Woche trainiert wurde und ansonsten im Werk gearbeitet wurde oder Spieler nach Köln oder Düsseldorf an die Universitäten gependelt sind. Diese beruflichen Perspektiven waren laut Vollborn eine lange Zeit – bevor Bayer in den 1980er-Jahren mehr Geld in den Fußball -steckte – ein Hauptgrund, um an die Dhünn zu wechseln.

„Der Aufstieg dieser Jungs hier, das war zum Beispiel nicht geplant“, sagt Vollborn vor dem Foto der Bundesliga-Aufstiegsmannschaft. Unter denen im botanischen Garten von Leverkusen porträtierten Aufsteigern, aus deren Gesichtern noch die ein oder andere durchzechte Nacht spricht, ist für Vollborn auch der meistunterschätzte Spieler der Vereinsgeschichte zu finden. „Matthias Brücken hat uns als Torschützenkönig in die Zweite Liga und als Zweiter der Torjägerliste in die Erste Liga geschossen. Und alle haben das vergessen. Das stört mich“, sagt der gebürtige West-Berliner. „Meine Erfolge sind für mich kleiner geworden, seitdem ich das Gesamtbild und die vielen wichtigen Spieler kenne“, ergänzt Vollborn, der selbst entscheidenden Anteil daran hat, dass in der „Schwadbud“ nicht nur Trikots, sondern auch zwei Pokal-Repliken hinter Glas glänzen.

Der Mann, der begeistert von einem Spielfoto aus den 1950er-Jahren an -einer Wand zu Autogrammkarten aus den Achtzigern von Peter Hermann und Thomas Hörster an einer anderen Wand eilt, ist selbst ein wichtiger Teil der Vereinsgeschichte. „Das war der schönste Tag in meinem Leben“, sagt der Sieger von 1988 beim Blick auf den UEFA-Pokal. Um dann schnell viel weiter zurückliegende Kapitel der Vereinsgeschichte anzusprechen: „Ich möchte unbedingt noch herausfinden, warum von 1929 bis 1932 unsere Spielfarben Orange und Blau waren. Es könnte an den Farben der I.G. Farben liegen. Aber ich weiß es nicht. Da einen Hinweis zu finden, das wäre mein Traum.“

 

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.